Virginijus Sinkevičius: "Wir brauchen einen Deal für den Artenschutz"

Access to the comments Kommentare
Von Gregoire Lory  & Sabine Sans
Virginijus Sinkevičius: "Wir brauchen einen Deal für den Artenschutz"
Copyright  euronews

Eine Million Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. Doch das Thema Artenschutz bekommt nicht so viel Aufmerksamkeit wie die Klimakrise. Auf der Weltnaturkonferenz (CBD COP), die bis zum 19. Dezember im kanadischen Montreal stattfindet, sollen 196 Länder eine Vereinbarung für die biologische Vielfalt treffen (das "Global Biodiversity Framework"), die dabei helfen soll, den Verlust der Artenvielfalt und die Ursachen dafür zu bekämpfen und die Natur umfassend wiederherzustellen. Doch was steht uns damit bevor – und wie wirkt sich der Verlust der Artenvielfalt auf uns Menschen aus? Über diese Fragen spricht euronews-Reporter Grégoire Lory in der Sendung The Global Conversation mit EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkevičius.

Euronews-Reporter Grégoire Lory: Es ist eine fast unsichtbare Krise, die unsere Nahrungsmittelsicherheit, unsere Gesundheit und die Qualität der Umwelt, in der wir leben, gefährdet. Der Verlust der Artenvielfalt droht eine Million Tier- und Pflanzenarten zu vernichten. Über diese Gefahr, aber auch über Lösungen spreche ich mit dem EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkevičius. Beginnen wir mit der vorläufigen Vereinbarung, auf die sich die EU-Gesetzgeber kürzlich geeinigt haben, um den Import und Verkauf von Produkten zu verbieten, die zur Entwaldung beitragen. Wie wird sich das auf das tägliche Leben der Menschen auswirken und welche Bedeutung hat das für die biologische Vielfalt?

Virginijus Sinkevičius, EU-Umweltkommissar: Wenn Europäer jetzt in Geschäften Schokolade oder Kaffee kaufen, können sie sicher sein, dass diese Produkte nicht zu einer weiteren Verschlechterung der Waldökosysteme beitragen. Es geht um unseren Anspruch und unsere Glaubwürdigkeit, sicherzustellen, dass wir und unser Konsumverhalten hier in Europa nicht die Entwaldung auf der ganzen Welt vorantreiben. Wir haben auch eine glaubwürdige Gesetzgebung, die sicherstellt, dass unser Handel bzw. unser Konsum die Prozesse nicht vorantreibt.

Euronews: Die Artenvielfalt sollte wegen des Weltnaturgipfels COP-15 in Montreal, an dem Sie teilnehmen werden, im Mittelpunkt des internationalen Interesses stehen. Aber sie steht nicht so im Rampenlicht wie die COP 27-Klimakonferenz, die erst vergangenen Monat stattgefunden hat. Wie erklären Sie sich diesen Mangel an Interesse?

Virginijus Sinkevičius: Ich glaube nicht, dass es an mangelndem Interesse liegt, sondern eher an einem Mangel an Bewusstsein und Verständnis. Beim Klima sind wir wahrscheinlich zehn Jahre weiter als bei der Biodiversitätspolitik. Das Klima ist viel einfacher zu verhandeln und zu verstehen. Erstens gibt es dieses übergreifende Ziel von 1,5 Grad, mit dem sich jeder identifizieren kann und das jeder versteht. Zweitens glaube ich, dass das Pariser Abkommen das Umweltbewusstsein sehr geschärft hat, weil es ein historisches Abkommen war. Daher ist die Aufmerksamkeit der Medien, der Politiker und der Zivilgesellschaft immer größer: Halten Sie die großen Versprechen, die Sie gemacht und die uns Hoffnung gemacht haben? All das gibt es bereits.

"Beim Thema Artenvielfalt sind wir noch nicht so weit. Wir haben noch kein übergreifendes Ziel, etwas Ähnliches wie das 1,5 Grad-Ziel. Es gibt immer noch kein gesellschaftliches Verständnis davon, was Biodiversität ist. Es gibt so viele unterschiedliche Meinungen und ich glaube, dass die Leute zu oft davon ausgehen, dass es nur um die Umwelt geht. Dabei geht es in erster Linie um den Menschen und die Gesundheit unseres Planeten."
Virginijus Sinkevičius

Viele Krisen führen zu einer Art Klimamüdigkeit

Euronews: In Anbetracht der vielen aktuellen Krisen. Gibt es da nicht eine Art Klimamüdigkeit? 

Virginijus Sinkevičius: Sicherlich, man kann das Thema Klima satt haben. Und wahrscheinlich sieht es manchmal so aus, als ob es keine unmittelbare Aufmerksamkeit gäbe, aber das Thema hat sich nicht erledigt. COVID 19 hatte tragische Auswirkungen auf unsere Gesellschaft, was die Zahl der Todesfälle angeht, aber wir hatten Glück, dass es einen Impfstoff gab. Jetzt gibt es einen Krieg, der unsere ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht. Auch unsere Wirtschaft steht unter Druck, denn die Energiekosten steigen, die Inflation nimmt zu usw.. Aber eines Tages wird es einen Friedensvertrag geben, hoffentlich eher früher als später. Für den Verlust der Artenvielfalt und die Klimakrise wird es keinen Impfstoff oder einen Friedensvertrag geben. Wir müssen politische Lösungen vorantreiben. Manchmal erhalten sie vielleicht nicht die unmittelbare Aufmerksamkeit. Manchmal sind sie vielleicht sehr kompliziert. Aber wir haben bereits mehrfach bewiesen, dass die Entscheidung für die Einführung des europäischen Green Deal 2019 richtig war. Und selbst jetzt, vor dem Hintergrund des Krieges und der Energiekrise, sehen wir, dass die Lösung der Green Deal ist, die Entwicklung der erneuerbaren Energien, ihre Bereitstellung, dass die Projekte tatsächlich so schnell wie möglich umgesetzt werden.

Ziele der Weltnaturkonferenz

Euronews: Was sind die Ziele der EU für die COP-15? 

Virginijus Sinkevičius: Zunächst einmal brauchen wir ein globales Abkommen, einen Deal. Aber es müssen ehrgeizige Ziele sein. Es muss das „30-mal-30-Ziel“ geben, das meiner Meinung nach der 1,5 Grad-Obergrenze entsprechen kann, dem Pariser Moment, wo wir den Schutz von 30 % der Landgebiete und 30 % der Meeresgebiete vereinbart haben. Das wird nicht ausreichen. Zweitens müssen wir dafür sorgen, dass bis 2030 bzw. 2040 mindestens 20 % der Maßnahmen zur Wiederherstellung der Natur umgesetzt werden. Insgesamt müssen wir bis 2050 den vom Menschen verursachten Verlust der biologischen Vielfalt stoppen, das muss unser übergeordnetes Ziel sein. Das alles kostet Geld. Die Finanzierung wird wie immer eine heikle Frage sein, die von allen Beteiligten viel Einsatz erfordert. Das Wichtigste ist, dass wir sicherstellen, dass wir keine Lücke bei der Finanzierung und Umsetzung der vereinbarten Ziele haben, denn wir sind bereits zwei Jahre im Rückstand. Wir sprechen hier über den Rahmen bis 2030, der 2020 vereinbart wurde. 

Euronews: Befürchten Sie hinsichtlich der Finanzierung nicht die gleiche Kluft zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden, wie wir sie bei der COP 27 gesehen haben?

Virginijus Sinkevičius: Diese Spaltung wird es unweigerlich geben. Und wie immer wird die eine Seite sagen: Wenn ihr wollt, dass wir mehr tun, müsst ihr mehr auf den Tisch legen. Auf der anderen Seite haben wir eine Situation, in der die wirtschaftliche Lage eine ganz andere ist, als noch vor zwei Jahren. Daher ist es sehr schwierig, zusätzliche Mittel auf den Tisch zu legen. Ich bin stolz darauf, dass die EU wieder eine glaubwürdige Position einnehmen wird. Wir haben uns verpflichtet, unsere Ausgaben für die Artenvielfalt zu verdoppeln, und das haben wir auch getan. Ich bin auch Frankreich und Deutschland sehr dankbar, dass sie das ebenfalls getan haben. Wir brauchen natürlich auch andere Industrieländer, die ihre Anstrengungen verstärken. Aber es ist ganz klar, und wir müssen realistisch sein, dass wir nie genug Geld aufbringen werden. Unser Ziel muss es aber sein, dieses Geld effektiv zu nutzen.

Euronews: Wie viel Geld wird benötigt und woher soll es kommen?

Virginijus Sinkevičius: Es ist schwierig zu sagen, wie viel Geld benötigt wird, da es unterschiedliche Schätzungen gibt. Und wie ich bereits sagte, würde es wahrscheinlich trotzdem nicht ausreichen. Es gibt Länder, die fordern 100 Milliarden pro Jahr. Ich denke, das ist zum jetzigen Zeitpunkt absolut unrealistisch. Denn wenn man sich anschaut, woher das Geld kommt, also die Zusagen der Länder und die Länderfonds oder die EU-Mittel, dann kommen sie hauptsächlich aus den Entwicklungsbudgets. Jetzt müssen wir sicherstellen, dass wir mit dem derzeitigen Finanzierungsmechanismus auch Möglichkeiten aus anderen Quellen erschließen: Philanthropen, Investmentbanken, insbesondere internationale Banken. Sie alle müssen eine entscheidende Rolle spielen und zusätzliche Mittel bereitstellen, auch der private Sektor. Es gibt ein Potenzial für zusätzliche Mittel. Der derzeitige Finanzierungsmechanismus sollte dafür offen sein, und das wird auch eines der Themen während der Verhandlungen sein.