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Wissenschaft hält die Fischerei über Wasser

Wissenschaft hält die Fischerei über Wasser
Copyright  Photo by Denis Loctier/Euronews   -  
Von Denis Loctier  & Sabine Sans

Über Fangquoten wird viel diskutiert, aber unbestritten ist, dass die Meeresressourcen vernünftig bewirtschaftet werden müssen. Die Gesundheit unserer Meere und die Zukunft der Fischerei hängen von Daten ab, die auf Forschungsschiffen gesammelt werden. Darum geht es in dieser Ocean-Folge.

Das Forschungsschiff Celtic Explorer ist jedes Jahr sechs Wochen lang im irischen Atlantikschelf unterwegs, fährt 170 Punkte auf der Seekarte ab. Unter der Leitung von David Stokes führt das wissenschaftliche Team des Marine Institute dort Fischereierhebungen durch: Wie viele Jungfische sind im vergangenen Jahr abgelaicht worden? Ist die neue Generation von Fischen zahlreich genug, um die Fänge auszugleichen? Mit anderen Worten: Ist die kommerzielle Fischerei nachhaltig?

"Wir sind zu dieser Jahreszeit unterwegs, um die Größe der verschiedenen Fischbestände und aller Grundfischarten zu ermitteln - das sind die Arten, die auf dem Meeresboden leben", erklärt David Stokes, leitender Wissenschaftler des Irish Groundfish Survey 2021. "Wir versuchen abzuschätzen, ob die Bestände zu- oder abnehmen, und konzentrieren uns vor allem auf die Jungfische, die die Fischer in Zukunft erwarten können."

Motto: "Gute Wissenschaft für eine nachhaltige Fischerei"

An jeder Probenahmestation setzt das Schiff ein Schleppnetz ein, das speziell für den Fang kleiner Fische modifiziert wurde. Im Unterschied zu kommerziellen Fischereibooten, die Netze mit großen Maschen verwenden und nur auf geschlechtsreife Fische abzielen, die hoffentlich bereits Nachwuchs für die nächste Generation hervorgebracht haben. Für die Wissenschaftler sind die Jungfischproben ein wichtiger Hinweis darauf, welche Fänge zu erwarten sind.

"Wir werfen das Schleppnetz aus, ziehen es 30 Minuten lang über den Meeresboden. Dann holen wir es wieder ein und leeren es über dem Sammelbehälter aus", so David Stokes. "Der Fang kommt in den Fischraum, wo er nach Arten sortiert wird."

Viele Daten werden gesammelt

Das Bordlabor funktioniert wie eine geschäftige Fabrikhalle mitten auf dem Meer: Die Forscher sortieren die Fische schnell vom laufenden Förderband in einzelne Kisten. Sie interessieren sich besonders für kommerzielle Bestände wie Schellfisch, Wittling und andere wirtschaftlich wichtige Arten. Jeder Fisch wird mit einer elektronischen Messtafel vermessen. Alle Daten werden in einer Computerdatenbank zusammengeführt, sodass Fehler leicht zu erkennen sind.

Laboranalytikerin Sinead O'Brien: "Um die Bestände abschätzen zu können, untersuchen wir Länge, Geschlecht, Reifegrad und die Ohrsteinchen am Kopf, die uns das Alter des Fisches anzeigen. Das ist in etwa so, als würde man das Alter eines Baumes an den Ringen ablesen."

Durch die Untersuchung der Ohrsteinchen können Wissenschaftler den Anteil der Jungfische in der Population genau bestimmen. Tiere wie Garnelen, Krebse und wirbellose Tiere helfen dabei, die Gesundheit des Meeresökosystems zu überwachen.

Was die Wissenschaftler noch untersuchen, erklärt die Fischereiwissenschaftlerin Jennifer Doyle: "In dieser Schale sieht man eine gute Auswahl an benthischen Lebewesen von unserem jüngsten Fang. Daran können wir erkennen, wie vielfältig die Tiergemeinschaft an dieser Station zu dieser Zeit ist. Wir wissen, dass wir in diesem Gebiet jedes Jahr eine bestimmte Anzahl von Arten sehen, uns interessieren Artenreichtum und die Vielfalt."

Alles wird protokolliert - auch Plastikmüll

Alles, was im Schleppnetz gefangen wird, wird protokolliert - auch Plastikmüll. Im Rahmen der Fischereierhebungen werden zahlreiche Daten gesammelt, die von Meereswissenschaftlern genutzt werden, z. B. Wassertemperatur und Salzgehalt in verschiedenen Tiefen oder hydroakustische Profile des Meeresbodens. Als Teil des EU-Datenerfassungsrahmens (DCF) ist das eine von vielen koordinierten Erhebungen entlang der nördlichen und westlichen Küsten des europäischen Kontinents.

"Diese Bestandsaufnahmen finden jedes Jahr etwa zur gleichen Zeit statt, in der Regel zwischen Oktober und November", erzählt David Stokes. "Die 10 teilnehmenden Länder verwenden alle die gleichen Standardprotokolle, Verfahren und sehr ähnliche Probenahmegeräte, auch wenn sie nicht genau gleich sind. Es ist ziemlich viel Arbeit, Länder mit unterschiedlichen Sprachen, Kapazitäten und Ressourcen auf dem gleichen Stand zu halten. Es ist eine Menge Koordinationsarbeit nötig, um das alles so einheitlich wie möglich zu gestalten."

Die Untersuchungsergebnisse all dieser Forschungsschiffe werden in einer zwischenstaatlichen Organisation mit Sitz in der dänischen Hauptstadt gesammelt und ausgewertet.[Pause bis wir Kopenhagen sehen]. In Kopenhagen prüft der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) wissenschaftliche und kommerzielle Daten und prognostiziert künftige Veränderungen in den marinen Ökosystemen - und erstellt wissenschaftliche Gutachten für die Entscheidungsträger, die mit der Verwaltung der Fischerei betraut sind.

Mark Dickey-Collas, Vorsitzender des beratenden Ausschusses, Internationaler Rat für die Erforschung des Meeres: "Alle Länder übermitteln dem ICES ihre Daten aus Erhebungen und auch aus den Fängen. Diese Daten werden von Arbeitsgruppen ausgewertet, das sind internationale wissenschaftliche Gruppen, die alles zusammenführen und die Informationen in unsere Modelle einfließen lassen."

Bewirtschaftung der Fischbestände der EU

Auf Empfehlung der wissenschaftlichen Gremien können die EU und ihre Nachbarländer die Fischerei einschränken, um die Erholung der Populationen zu unterstützen - oder die Quoten für florierende Arten erhöhen. Angesichts der vielen gegensätzlichen Interessen ist es nicht einfach, eine Einigung zu erzielen.

Die EU-Mitgliedstaaten haben gemeinsame Vorschriften festgelegt, um Fischbestände zu bewirtschaften und dafür zu sorgen, dass sie nachhaltig genutzt werden können und gleichzeitig gesunde Lebensmittel zu angemessenen Preisen bereitgestellt werden.

Im Rahmen der Gemeinsamen Fischereipolitik der EU werden die Vorschriften, mit denen die EU die Fischereien in ihren Gewässern nachhaltig bewirtschaften kann, und die Vorschriften für gemeinsam bewirtschaftete Fischbestände festgelegt.

"Es gibt einige große Herausforderungen", so Mark Dickey-Collas. "Eine davon ist, sicherzustellen, dass wir mit der Fischereiindustrie und auch mit den Umweltgruppen zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass der Gesamteindruck und das Verständnis der Prozesse gut genug sind, um einen Konsens in Bezug auf unsere Empfehlungen zu erreichen."

Während Umweltschützer die Fangquoten weiter beschränken wollen, sagen die Fischer, dass die strengen Kürzungen ihr Geschäft gefährden.

Im Hafen von Thyborøn im Nordwesten Dänemarks stehen die Fischer den wissenschaftlichen Empfehlungen skeptisch gegenüber: Sie sagen, die Fänge seien besser als vorhergesagt, aber die vorhandenen Ressourcen könnten nicht voll genutzt werden, weil zu schnell auf Nachhaltigkeit gesetzt wurde.

Unzufriedene Fischer

"Die Bestände gehen rauf und runter. Damit müssen wir als Fischer leben", meint Alfred Fisker Hansen, Vorsitzender der Thyborøn Harbour Fishermen Association. "Aber wichtig ist, dass die Empfehlungen dem entsprechen, was wir auf See sehen, und da gibt es im Moment manchmal große Unterschiede. Es gibt Klimaveränderungen, die Kabeljau-Bestände wandern nach Norden - vielleicht ist es an der Zeit, die Erhebungen zu modernisieren!"

Die Fischer teilen gern ihre eigenen Daten mit den Wissenschaftlern - und neue Technologien machen das einfacher. Auf der Fischauktion in Thyborøn werden an einem durchschnittlichen Tag 150 Tonnen Fisch verkauft - und zwar ausschließlich online. Das sind wertvolle Daten, die den Forschern leicht zugänglich sind. Darüber hinaus laden die Fischer oft Wissenschaftler für Beobachtungszwecke auf ihre Schiffe ein, die bei der Feinabstimmung der mathematischen Modelle helfen können.

"Zumindest in Dänemark gibt es eine gute Zusammenarbeit zwischen wissenschaftlichen Einrichtungen und der Fischereiindustrie", findet Michael Andersen, leitender wissenschaftlicher Berater des Dänischen Fischereiverbands. "Es mag manchmal Meinungsverschiedenheiten geben, aber es gibt eine gute Zusammenarbeit. Es ist ein gemeinsames Ziel, die Bestandsgröße richtig zu bestimmen, denn das liegt im Interesse aller. Jeder weiß das zu schätzen."

Letzten Endes hängt das Überleben dieser Branche von der Entwicklung der Fischbestände ab - und die Fischereiwissenschaft ist der beste Kompass auf dieser unsicheren See.