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Die Wiener Philharmoniker: Ein Leben für die Musik

Die Wiener Philharmoniker: Ein Leben für die Musik
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Von Katharina Rabillon

Unabhängigkeit, Demokratie und Eigenständigkeit: Seit rund 180 Jahren geht das Orchester diesen Weg. Es hat keinen Chefdirigenten, sondern arbeitet ausschließlich mit den allerbesten Dirigenten unserer Zeit zusammen. In dieser Musica-Folge zeigen wir, wie das Orchester funktioniert und was es bedeutet, Teil dieser legendären Institution zu sein. Wir begleiten die Flötistin Karin Bonelli bei ihrer täglichen Arbeit und erkunden, was es braucht, um dieses hohe Niveau dauerhaft aufrechtzuerhalten. Außerdem gehen wir mit den Wiener Philharmonikern auf Reisen und erleben den Trubel des Tournee-Lebens und die Emotionen, die entstehen, wenn man den einzigartigen Wiener Klang in die Welt bringt.

Ein Leben für die Musik

Zahlreiche Proben, abends Vorstellung im Musikverein und der Oper dazwischen noch unterrichten und dann noch auf Tour. Die Wiener Philharmoniker haben ihr Leben der Musik gewidmet. Voller Leidenschaft führen sie die große Tradition weiter und erhalten so die Exzellenz dieses weltberühmten Orchesters. 

"Das ist der besondere Moment, man steht hinter der Bühne, dann geht die Tür auf, dann ist sofort die Kommunikation mit dem Publikum da."
Daniel Froschauer
Vorstand der Wiener Philharmoniker

Die Belgierin Anneleen Lenaerts ist seit 2010 Soloharfenistin der Wiener Philharmoniker, sie sagt: "Auf Tournee ist man dann immer gespannt, und fragt sich, wie ist die Stimmung im Saal? Es ist eine ganz andere Akustik."

Wie Anneleen Lenaerts gehört Karin Bonelli zu den wenigen Philharmonikerinnen. Die Flötistin ist seit 2012 Teil des einzigartigen "Klangozeans namens Wiener Philharmoniker". Sie wurde als erste Frau in der Bläsersektion des Orchesters engagiert. Für sie sind die Sekunden vor Konzertbeginn "dieser Moment, da herauszugehen, ist wie für einen Sportler in die Arena, sehr speziell."

Was sind die Anforderungen, um in einem der größten Orchester der Welt zu spielen?

Ihr ganzes Leben dreht sich um die Musik. Sie spielen über 300 Opern und 100 symphonischen Konzerte pro Jahr und teilen ihre Kunst und Leidenschaft mit Publikum auf der ganzen Welt. 

Karin Bonelli erlebt ihren Beruf als Berufung: "So viel Zeit, wie wir mit unserem Beruf verbringen."

Für Soloharfenistin Anneleen Lenaerts ist es die fehlende Routine, die die Arbeit extrem spannend macht, "kein einziger Tag ist gleich", und sie meint: "Wir kennen uns auch ganz gut, weil wir in Wien so viel zusammen zu tun haben, dann auf Reisen, wir sind eigentlich fast wie eine große Familie."

Die Harfe wird natürlich immer im Cargo transportiert, Anneleen Lenaerts sieht ihr Instrument maximal eine Stunde vor Konzertbeginn, während manch anderer Kollege Zeit hat, sich im Hotelzimmer einzuspielen, "das macht es manchmal auf Tournee sehr schwierig. Es ist wie Sport. Man müsste eigentlich jeden Tag trainieren."

Die Belgierin ist eher zufällig zu Harfe gekommen. Sie habe mit Klavier angefangen, erzählt sie, wollte dann im lokalen Orchester mitspielen: "Meine erste Wahl war da Klarinette oder Oboe, damit ich mit einem kleinen Köfferchen zur Probe gehen kann. Aber der Dirigent wollte unbedingt eine Harfe und fand, dass ich das spielen sollte."

Bei Karin Bonelli ist es eher ein "Familienfluch", erzählt sie: "Meine Eltern, meine Familie sind fast alle Flötisten. Mein Onkel war Flötist, mein Bruder ist Flötist, also es liegt wirklich in der Familie. Ich war immer umgeben von diesem Instrument."

Tiefe Leidenschaft

Sie empfindet es als Mission, ihre Emotionen durch Musik auszudrücken und damit ihre Mitmenschen wachzurütteln. Ihre Leidenschaft gibt sie weiter, indem sie junge Flötenspielerinnen und -spieler deren eigene Qualitäten entdecken lässt und Lehraufträge an der Musikuniversität in Graz (2017/18) und gegenwärtig an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien wahrnimmt.

"Gerade in diesem Probespiel-Training versucht man, mit dieser Situation umgehen zu lernen, sich darauf mental einzustellen", sagt Anna Karanitsch, eine ihrer Schülerinnen. "Das ist das, was mir Karin immer vermittelt, dass man wirklich in die Tiefe geht, das meiste aus seinem Spiel herausholt."

Man könne sich das vorstellen, wie bei einem Spitzensportler, der am Start stehe und wenige Minuten Zeit habe, seine Höchstleistung abzurufen, meint Bonelli: "Da muss man sich mental mit dieser Situation auseinandersetzen und auch körperlich. Da heißt es einfach für jeden selbst, auf die Suche zu gehen. Man kann da als Lehrer nur so etwas wie ein Bergführer sein, die Studenten müssen aber selbst auf den Berg."

Nach Jahren harter Arbeit und Hingabe wurde Karin als erste Frau in der Bläsersektion im Orchester engagiert: "Das war natürlich die Erfüllung eines Kindheitstraums. Ich bin seit meinem vierten Lebensjahr am 1. Jänner vor dem Fernseher gesessen und habe gesagt: 'Da will ich mal hin, Mama!' Und sie hat immer gesagt: 'Ja, ja, schauen wir mal!'Mit 23 hat sich dieser Traum dann erfüllt. Das war unglaublich."

Das musikalische Erbe wird gehütet

Das musikalische Erbe der Wiener Philharmoniker wird von einer Generation an die nächste weitergegeben. Das reiche Vermächtnis ist im Historischen Archiv des Orchesters dokumentiert.

Sylvia Kargl zeigt ein besonders wertvolles Stück von Ludwig van Beethoven und erklärt: "Es handelt sich um einen Klavierauszug zu seiner Oper Fidelio. Das ist eine sehr seltene Ausgabe. Es gibt weltweit nur fünf Exemplare."

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin hütet diese Schatzkammer. Sie umfasst Tausende von einzigartigen Gegenständen, Briefen und Fotos. Eines der wertvollsten Dokumente verweist auf die Ursprünge des Orchesters, so Kargl: 

"Es schaut nicht spektakulär aus, es ist mehr ein Notizzettel, aber de facto handelt es sich um das Gründungsdekret der Wiener Philharmoniker aus dem Jahr 1842, verfasst von Otto Nicolai. Es enthält die wichtigsten Grundsätze, die bis heute noch von den Wiener Philharmonikern gepflegt werden."

Demokratische Selbstverwaltung

Die Musiker wählen ihre Dirigenten selbst nach einem demokratischen Verfahren. Das ist etwas ganz Neues. Die Musiker organisieren ihre Proben und ihre Konzerte selbst und teilen die Einnahmen untereinander auf.

Das Orchester ist auch heute noch selbstverwaltet und kümmert sich um Kartenverkauf, Programme und Tourneen. 

"Ich finde die Selbstverwaltung, das wichtigste und höchste Gut, das wir haben, wenn selber jeder mitbestimmen kann, mit wem wir, wann, wo, welche Stücke spielen, ist das was sehr Schönes", meint Daniel Froschauer, Erster Geiger und Vorstand der Wiener Philharmoniker. "Natürlich, mit 148 Mitgliedern bekommt man 300 Meinungen. Das ist eine Herausforderung, die mir sehr viel Spaß macht."

Die Musiker der Wiener Philharmoniker spielen auch im Orchester der Wiener Staatsoper. Sie teilen sich ihre Zeit zwischen Orchestergraben und Konzertbühne. 

"Die Arbeit in der Oper ist für mich mittlerweile etwas Unverzichtbares geworden. Wir haben die gleiche Atemtechnik wie die Sänger, da kann man unglaublich viel lernen und ich genieße es einfach auch wahnsinnig."
Karin Bonelli
Flötistin bei den Wiener Philharmonikern

Der weltberühmte Tenor Juan Diego Flórez schätzt die Exzellenz des Orchesters:  "An der Wiener Staatsoper müssen sie viele verschiedene Stücke spielen, sie müssen zuhören. Sie müssen diese Sensibilität haben, einem Sänger zu folgen, mit ihm zu sein, mit ihm zu atmen, und sie wissen, wie man das macht", so der Tenor: "Ein Sänger muss das Gefühl haben, dass das Orchester bei ihm ist. Der Klang, der dich trägt, umhüllt dich und du spürst auch die Emotionen des Orchesters, das ist wunderbar."

Diese Gemeinschaft zu erleben ist auch für Daniel Froschauer "etwas ganz Tolles und jetzt mit den vielen jungen Kollegen und Kolleginnen, die sich da so toll einbringen. Das ist das Schönste für mich."

Unabhängigkeit, Demokratie, Eigenständigkeit und eine ganz große Familie, Karin Bonelli sagt: "Teil der Wiener Philharmoniker zu sein, bedeutet für mich, meinen Lebenstraum zu leben und mit meinem Instrument alle Aspekte des Musiker-Daseins abdecken zu können."

Journalist • Sabine Sans