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Gen Z auf dem Arbeitsmarkt: Gar nicht so dreist, aber am längeren Hebel

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Von Alexandra Leistner
Arbeitskräfte sind Mangelware: Arbeitnehmer:innen profitieren davon und fordern ein Maximum an Flexibilität.
Arbeitskräfte sind Mangelware: Arbeitnehmer:innen profitieren davon und fordern ein Maximum an Flexibilität.   -   Copyright  Unsplash   -  

Sie kommen und gehen, wann sie wollen, fordern viel Gehalt, maximale Flexibilität und wird der Ton zu scharf, schmeißen sie den neuen Job gleich wieder hin. So in etwa klingt das bei einigen Personaler:innen, wenn sie über die Eingliederung der Generation Z auf dem Arbeitsmarkt sprechen.

Managerinnen und Manager fragen sich, wie umgehen mit dieser jungen neuen Arbeitnehmergeneration, die bekannte Modelle in Frage stellt? Grund zur Panik? Euronews hat nachgefragt.

In einer aktuellen Studie wurde deutlich: Je jünger der oder die Befragte, desto größer der Wunsch, Arbeit und persönliche Ziele in Einklang zu bringen. Das heiße aber nicht, dass sie ihre Arbeit nicht ernst nehmen: Von den 35,000 Befragten weltweit sagten drei Viertel, dass Arbeit eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielt - mehr als in allen anderen befragten Altersgruppen.

Ja, Berufsanfänger erwarten heutzutage, dass der Job sich an ihr Leben anpasst - und nicht umgekehrt, sagt auch Enzo Weber beim Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB). Aber, "dass junge Menschen nicht arbeiten wollen, ist ein Gerücht".

Wenn man den Hebel in der Hand hat, betätigt man den auch.
Enzo Weber
Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB)

Für alle Generationen von Arbeitnehmer:innen kam mit der Corona-Krise eine radikale Veränderung bezüglich des Themas Flexibilität. Weber spricht von einem "kollektiven Erlebnis", das Maßnahmen wie Heimarbeit den nötigen Schubs verpasste. Denn die Zeiten ohne Anspruch auf Homeoffice (wo möglich) sind vorbei, eine Errungenschaft, die Weber im Gespräch mit Euronews als "gesetzten Standard" bezeichnet.

Ein verändertes Kräfteverhältnis und die Bedeutung der Work-Life-Balance

Dass jüngere Menschen mit einer völlig neuen Erwartung in den Job einsteigen, liege viel mehr an der veränderten Lage auf dem Arbeitsmarkt als an der Generation und ihrer Einstellung an sich.

"In den 2000er-Jahren hätte die Generation Z auch nichts gefordert", so Enzo Weber. In Zeiten eines Personalmangels, den man so noch nie beobachtet hat - 2 Millionen freie Arbeitsplätze im August 2022 - sitzen Arbeitnehmer:innen eindeutig am längeren Hebel. "Und wenn man einen Hebel in der Hand hat, betätigt man den auch", so Weber. 

So lange ist es nicht her, dass Frauen in Deutschland in der Regel nicht arbeiteten. Viele Familien seien heute bei einem sogenannten Zuverdienermodell - sehr viele Frauen mit Kindern arbeiten in Teilzeit. Das aber ändere sich langsam, viele Frauen wollten nach der Kinderphase zurück in eine höhere Arbeitszeit und nicht in den Minijob. Das sei aufgrund von mangelnder Kinderbetreuung und anderer Verpflichtungen zwar nicht immer so machbar, am Anfang der Karriere aber "Frauen starten erstmal gleichberechtigt in den Arbeitsmarkt".

Der allgemeine Personalmangel bringt Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in eine gute Verhandlungsposition. Doch betrifft das nicht ausschließlich die Generation Z, die neu auf dem Arbeitsmarkt ist. Auch ältere Jobsuchende passen ihre Erwartungen an sich verändernde Zeiten und Lebensmodelle an. Im Workmonitor sagten 75 Prozent der Befragten aller Altersgruppen, dass sie ihren Arbeitsort flexibel wählen wollen, 83 Prozent wünschen sich Arbeitszeiten, die sich mit dem Privatleben ergänzen.

Das Leben ist zum Leben da, nicht zum Arbeiten.

"Mehr Menschen sollten diesen "Gen Z"-Ansatz verfolgen", schreibt die britische Autorin Toni Tone in einer Diskussion zum Thema Generation Z und Arbeit. "Das könnte dazu führen, dass Arbeitgeber:innen ein gesünderes Arbeitsumfeld schaffen. Ich bin dafür, dass man am Wochenende nicht antwortet, nicht extrem lange auf der Arbeit bleibt und nicht zu wenig Schlaf bekommt. Das Leben ist zum Leben da, nicht zum Arbeiten."

Das selbstsichere Auftreten von Berufseinsteiger:innen, die Ziele und Vorstellungen klar ansprechen und einfordern, könne älteren Generationen mitunter ungewöhnlich erscheinen, sagt Prof. Peter M. Wald von der HTWK Leipzig. Aber die Diskussion darum ändere nichts daran, dass Arbeitgeber:innen sich anpassen müssen.

Die Rolle der Arbeitgeber:innen verändert sich

Wald, der Personalmanagement unterrichtet, beobachtet, dass junge Menschen eine klare Trennung zwischen Arbeit und Leben außerhalb der Arbeit wollen - sei es für Sport, Familie oder ehrenamtlichen Tätigkeiten. Zudem spiele das Thema "Sinn" der Arbeit - aber auch des Lebens außerhalb vom Job - eine große Rolle, so Wald.

Arbeitgeber:innen müssten sich auch an diese Fragen anpassen, etwa durch Angebote wie die Vier-Tage-Woche oder ein Sabbatical. Patent-Rezepte gebe es nicht mehr, Arbeitnehmer:innen kämen heutzutage mit individuellen Ansprüchen, die es zu beantworten gelte für alle Unternehmen, die in diesen Zeiten händeringend nach Nachwuchs suchen.

Auch Strategien von Arbeitgeber:innen, die mit hoher Bezahlung eine hohe Arbeitsintensität erreichen wollen, nennt Weber "alte Rezepte", die heute nicht mehr funktionieren. 56 Prozent der jungen Menschen wären laut Umfrage bereit, einen Job zu kündigen, wenn dieser ihre Lebensqualität negativ beeinflusst.

Robert F. Bukaty/AP
Der Mangel an Arbeitskräften betrifft nicht nur Fachpersonal. Auch ungelernte Arbeitnehmer:innen werden händeringend gesucht.Robert F. Bukaty/AP

"Warum muss ich warten, bis ich an meiner Belastungsgrenze angelangt bin und dann keine Leistungen mehr bringe? Was tut er als Arbeitgeber:innen, um sicherzustellen, dass ich nicht ausbrenne?", fragt eine junge Person in einer Diskussion um Erwartungen der Gen Z auf dem Arbeitsmarkt.

Sind Arbeitgeber:innen heute in der Bringschuld? In jedem Fall müssen Vorgesetzte von jüngeren Angestellten lernen, anders zu kommunizieren. Sie wollen "mit ins Boot" geholt werden, so Wald. Es sei durchaus denkbar, sie zu fragen, wie die Arbeit so organisiert werden kann, dass es für sie passt. Manche Unternehmen holen sich sogar Generationen-Coachs - aus der Generation Z - ins Haus.

Um Talente im Unternehmen zu halten, sind zudem Angebote zu Weiterbildung und Coaching wichtig, wie in der Workmonitor-Umfrage deutlich wird. Um den Bedürfnissen gerecht zu werden, sollten sich Arbeitgeber:innen "auf die Qualifizierung der Mitarbeiter:innen konzentrieren", heißt es in dem Bericht

Bei Stellenausschreibungen für Servicestellen wird das besonders deutlich. Hier heißt es meist: "Einschlägige Erfahrung ist von Vorteil, aber wir bilden Bewerber:innen für alle Positionen aus."

"Der Job ist immer ein Gesamtpaket", erklärt Arbeitsmarktforscher Weber. Ein Gesamtpaket aus Tätigkeit, Entlohnung und Arbeitsbedingungen. Manches sei vorgegeben - bei Handwerksberufen oder etwa im Einzelhandel der Ort - andere könnten variieren. Und vor allem bei der Art, wie man Arbeit organisiert und Arbeitnehmer:innen führt, gebe es noch viel Spielraum.