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Vor 400 Jahren versklavt: Die emotionale Spurensuche einer US-Familie in Angola

Vor 400 Jahren versklavt: Die emotionale Spurensuche einer US-Familie in Angola
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Von Chris Burns  & Dinamene Cruz

Familie Tucker aus Hampton im US-Staat Virginia hat sich auf eine historische Reise begeben. Die amerikanische Familie mit angolanischen Wurzeln folgt den Spuren ihrer Vorfahren Antoney und Isabel, die 1619 als Sklaven aus dem Königreich Ndongo in Angola entführt wurden.

Ausgangspunkt ihrer Spurensuche ist der mächtige Kwanza-Fluss, der sich fast 1.000 Kilometer durch Angola zieht. Während der portugiesischen Kolonialzeit war er ein wichtiger Transportweg für Millionen von Sklaven.

Auf den Spuren von Antoney und Isabel

Familie Tucker versucht von hier aus, der Route von Antoney und Isabel durch Angola bis zur Küste zu folgen, wo die beiden vor 400 Jahren auf Schiffe in Richtung Amerika gezwungen wurden.

Vincent Tucker ist Vorsitzender der "William Tucker 1624 Society", die das Leben seines Ahnen William Tucker und das seiner Nachkommen erforscht. William war das erste Kind afrikanischer Abstammung, das von den Antoney und Isabell in Virginia geboren und 1624 getauft wurde. Die Nachkommen von William Tucker leben bis heute in der Gegend von Hampton Roads.

Sichtlich bewegt horcht Vincent Tucker auf die Geräusche des Kwanza-Flusses. "Während ich den Wellen zuhöre, wie sie sich zu diesem ruhigen Zeitpunkt des Tages brechen, erinnere ich mich an die Stimmen derer, die den Fluss hinunterfuhren. Das Geschrei, die Fassungslosigkeit, die Versklavung."

Antoney und Isabel wurden in das damals englische Virginia verschleppt, den Hafen Point Comfort (dem heutigen Fort Monroe). Sie gehörten zu den schätzungsweise 6 Millionen versklavten Angolaner:innen, die in die Neue Welt geschickt wurden. 

Familien-DNA bis in die Provinz Malanje zurückverfolgt

Auch Vincents Schwester Wanda Tucker ist sehr gerührt von der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie es war, 100 Meilen laufen zu müssen, um versklavt und in Gefangenschaft an diesen Ort zu gelangen, und dann eingepfercht in einem Boot verschifft zu werden. Ich kann mir nicht vorstellen, was ihnen widerfuhr und wie sie das überlebt haben."

Familie Tucker konnte ihre DNA bis in die heutige angolanische Provinz Malanje zurückverfolgen. Mit einem ganz besonderen Rituell an den atemberaubenden Calandula-Wasserfällen beginnt ihre emotionale Reise zu den Wurzeln ihrer Familiengeschichte.

"Mein Bruder, mein Cousin und ich haben uns selbst am Fluss getauft, mit dem Wasser unserer Ahnen", sagt Wanda Tucker.

Nächster Halt ist Pedras Negras oder die Schwarzen Felsen in der Provinz Malanje. Sie waren ein Stützpunkt der Königin Njinga aus dem Königreich Ndongo - im heutigen Angola.

"Ich sehe diese Schönheit und habe einfach das Gefühl: Wow, hier kommt meine Familie her."
Wanda Tucker
Auf der Suche nach ihren Vorfahren

Wanda Tucker ist beeindruckt: "Ich sehe diese Schönheit und habe einfach das Gefühl: Wow, hier kommt meine Familie her."

Als Antoney und Isabel gefangen genommen wurden im Jahr 1619, bekämpfte Königin Njinga aktiv den portugiesischen Sklavenhandel.

Wanda Tucker: "Diese schwarzen Felsen waren ihr Zufluchtsort, um sie und ihr Volk zu schützen und die Versklavten zu retten."

Einschließlich ihrer Vorfahren, meint Wanda. "Ich glaube, dass sie ebenso wie den anderen Millionen Angolaner, die von hier verschleppt wurden, der Königin sehr am Herzen lagen.".

Es geht weiter nach Massangano, am Kwanza-Fluss, und zum Sklavenmarkt in Begleitung von Emmanuel Caboco, Experte für Kulturerbe. Er berichtet: "Das erste Kontingent mit Angolanern, das 1619 Virginia erreichte, startete genau von diesem Ort, von diesem Markt."

Verkauft, getauft und verschleppt

Emmanuel Caboco führt die Tuckers durch Massangano, damit sie das Leid ihrer Verwandten vor vier Jahrhunderten nachempfinden können.

"Die Sklaven wurden in Kolonnen hierher gebracht, verkauft, getauft und verließen die Stadt über die Häfen, die sich hier befanden", erklärt Caboco.

Für Familie Tucker ist die Reise nach Angola eine Offenbarung, sowohl wegen der Schönheit als auch wegen der schockierenden Geschichte, von der sie hoffen, dass sie das Bewusstsein schärfen wird.

Schauplätze der Versklavung sind Weltkulturerbe

Carolita Jones, eine Cousine der Tuckers sagt: "Die Geschichte muss erzählt werden. Ich wünschte, jeder könnte es erleben, besonders die Afroamerikaner, die wissen, dass sie Wurzeln in Afrika haben und irgendwo anfangen wollen zu suchen. Das ist der Ort, wo sie damit anfangen können."

"Deshalb", meint Carolita Jones, "sollte dieser Ausgangpunkt der Versklavung von der UNESCO weltweit anerkannt werden.

Der Kwanza-Korridor ist ein hervorragender Ort, um zum Weltkulturerbe zu werden. Es gibt hier so viele bedeutende Orte, mit so viel Geschichte."

Die historische Reise einer angolanisch-amerikanischen Familie zu ihren angolanischen Ursprüngen ist am Ziel. Eine weitere, noch längere Reise beginnt, damit das Andenken an ihre Vorfahren und deren Leid nicht in Vergessenheit gerät.