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Dunkerque: Umwelt und Industrie unter einem Hut

Dunkerque: Umwelt und Industrie unter einem Hut
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Dunkerque im Norden Frankreichs. Die Stadt versucht seit einiger Zeit, urbane Entwicklungsprojekte mit Nachhaltigkeit zu verbinden. Die Herausforderung: wirtschaftliche, soziale und umweltbezogene Interessen unter einen Hut zu bringen. Es geht schließlich darum, den gut 210 000 Einwohnern der Region Arbeitsplätze und ein besseres Leben zu bieten.

Über Dunkerque zu sprechen bedeutet häufig auch, über den Zweiten Weltkrieg zu sprechen, genauer, über die Schlacht von Dunkerque im Jahr 1940. Damals kesselten Nazitruppen französischen und britische Kräfte hier ein.

London startete daraufhin die “Operation Dynamo”. Über 300 000 britische und alliierte Soldaten konnten evakuiert werden, entgingen so deutscher Kriegsgefangenschaft. Ab diesem Zeitpunkt war der heldenhafte “Spirit of Dunkirk”, der Geist von Dunkerque, geboren. Die Nazis hielten nach der verlustreichen Schlacht durch, errichteten hier eine Festung und erst am 9. Mai 1945, einen Tag nach dem Fall Berlins, wurde auch Dunkerque befreit. Die Stadt lag damals in Trümmern.

Heute ist Dunkerque eine lebendige Industriemetropole mit großen Plänen. Im Zuge der Revitalisierung des Stadtkerns soll etwa der Verkehr aus dem Zentrum abgezogen werden, außerdem soll der Hafen eine noch bedeutendere Position bekommen.

Jean-Louis Muller, Stadtplaner: “Das Dunkerque-Projekt läuft nun schon seit gut 20 Jahren. Hier hinter mir sehen wir die sogenannten Neptune-Gebiete, die rund um das Stadtzentrum liegen, das wiederum vom Jean-Bart-Platz bestimmt wird. Dunkerque ist eine 50erjahre-Stadt, es gibt hier große Straßen, die mitten ins Stadtzentrum führen. Mindestens 30 Prozent aller Autos halten hier aber nicht, 30 Prozent fahren durch das Stadtzentrum durch, von Ost nach West oder Süd nach Nord. Unser Ziel ist es nun, den Verkehr auf große Boulevards weit weg vom Stadtzentrum umzuleiten.”

Grand Large ist ein neues Wohngebiet, es ist Teil des Neptune-Projekts. Hier gab es bis 1987 eine Werft. Die neuen Häuser entsprechen den aktuellen Umweltstandards, manche gelten als die derzeit energieeffizientesten Gebäude überhaupt.

Um die Bewohner zu einem umweltbewussteren Lebensstil anzuhalten, ist der Platz für Autos in Grand Large sehr knapp bemessen. Die Stadtverwaltung möchte zudem, dass hier alle Alters- und Gesellschaftsgruppen zusammenleben. 40 Prozent der rund 1000 Häuser hier sind Sozialwohnungen. 250 sind schon gebaut.

Daniel und Edith David sind letzten Mai hier eingezogen. Ihnen gefällt es, so nah am Stadtkern und am Strand zu wohnen. Als sie die Wohnung im Januar 2011 erstmals besuchten, lag die Temperatur im Inneren bei 16 Grad. Ohne jegliche Heizung. Nun aber sorgt sich das Paar um die Zukunft von Grand Large.

Daniel David: “Es gibt da zwei Projekte, und an sich wäre jedes einzelne für sich genommen völlig in Ordnung. Einmal diese Wohngegend, und andererseits die geplante Ringstraße, die den Verkehr aus dem Zentrum abziehen soll. Aber beide Projekte beißen sich, denn die Ringstraße würde direkt durch die Wohngegend durchführen.”

Energieeffizienz ist eines der zentralen Anliegen der Stadtverwaltung. Vor 20 Jahren wurde das städtische Wärme-Netzwerk gestartet, bei dem die überflüssige Hitze aus der Stahlfabrik genutzt wird, um damit Wasser für 12 000 Wohnungen und zahlreiche öffentliche Gebäude zu erhitzen. Jetzt wollen die Behörden weitere Energiequellen auftun, wie Vize-Bürgermeister Daniel Lemang erzählt.

“Das Wärme-Netzwerk war damals eine tolle Sache. Die Ingenieure damals fragte sich, “warum sollen wir die Hitze einfach verlieren?” Das war eine gute Idee. Jetzt suchen wir gemeinsam mit der Universität von Dunkerque nach neuen Energiequellen, die noch nicht genutzt werden. Dabei denke ich zum Beispiel an die Müllverbrennung.”

Dunkerque ist eines von Europas größten Energiezentren. Es gibt hier ein Atomkraftwerk, ein Gasterminal, zwei Ölraffinerien, von denen aber nur eine arbeitet, und im Hafen wurden 2011 mehr als 47 Millionen Tonnen Fracht umgeschlagen, 16 Prozent davon Kohle.

Vor fünf Jahren beschloss die Hafenbehörde, auf Flüssigerdgas zu setzen. Vergangenen Monat begannen die Arbeiten am Bau eines Methangas-Terminals. Dabei handelt es sich um ein Gemeinschaftsprojekt der beiden französischen Energiekonzerne EDF und GRTgaz. Kostenpunkt: Um die 2 Milliarden Euro. 2015 soll es fertig sein und für mehrere hundert Jobs sorgen. Dabei mussten die Projektpartner ihre wirtschaftlichen Wünsche auch an ökologische Gegebenheiten anpassen: Wegen geschützter Tiere und Pflanzen galt es, die Pläne zu ändern. Stephane Raison ist Chef der Hafenverwaltung.

Stephane Raison, Chef des Hafens: “Zwei Dinge über die Region hier gilt es zu unterstreichen. Zunächst einmal ist es eine Region, in der die Menschen noch ein großes Verständnis für industrielle Entwicklungen haben; das ist nicht in allen Teilen Europas der Fall. Zweitens: Als wir das Methangas-Terminal begannen, wehrten sich viele ortsansässige Gruppen und Vereine dagegen, weil es hier geschützte Tier- und Pflanzenarten gibt. Und der Protest war natürlich auch absolut richtig. Also haben wir 2007 und 2008 öffentlich über das Thema diskutiert, was uns einmal Lob von dieser berühmten Französischen Kommission für öffentliche Debatten eingebracht hat, aber vor allem hat es dazu geführt, dass wir, die Hafenverwaltung, diese Umweltaspekte in die Planung miteinbezogen haben.”

Dunkerque wurde bereits für nachhaltige Stadtentwicklung ausgezeichnet. Doch bleibt die Frage, ob die Industrialisierung nicht einem nachhaltigeren Lebensstil an sich widerspricht.

Christophe Gibout ist Soziologe an der Universität in Dunkerque. Er sagt: “Nachhaltige Entwicklung bedeutet eine andere Art des Wachstums und nicht, Wachstum zu bremsen. Das heißt also, es geht darum, der wirtschaftlichen Entwicklung weitere Dimensionen zu verleihen. Und zwar etwa die der Nachhaltigkeit – also des schonenden Umgangs mit Ressourcen und der Umwelt im Hinblick auf künftige Generationen. Und auch die Dimension der partizipativen Demokratie.”

In einer Region, wo die Arbeitslosigkeit bei gut 12 Prozent liegt, bleibt die Erhaltung der Industrie das Hauptanliegen der Politik – und ein Großteil der Bevölkerung teilt dies. Dennoch steigt auch hier das Bewusstsein für die Notwendigkeit nachhaltiger, umweltschonender Entwicklungen.