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Syrien: "Sie sind die Opfer, nicht Täter"

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Syrien: "Sie sind die Opfer, nicht Täter"

Syrien: "Sie sind die Opfer, nicht Täter"
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REUTERS/Bassam Khabieh
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Was als friedlicher Protest gegen ein undemokratisches Regime begann, wandelte sich zu einem blutigen Bürgerkrieg. Die Syrer gingen auf die Straße, um ihre Unzufriedenheit mit Baschar al-Assad auszudrücken. Dieser antwortete unnachgiebig und mit eiserner Faust. Es kam zu Unruhen. Die Gewalt eskalierte.

Syrische Flüchtlinge, die nach Europa kommen, sind Menschen, die vor Gewalt, vor Konflikten und vor Terrorismus fliehen. Sie sind die Opfer von all dem. Sie sind nicht die Täter.

Volker Türk UN-Flüchtlingshochkommissar

Bald zeigte sich, dass dieser Konflikt weit über die Grenzen Syriens hinausgeht. Regionale und Weltmächte griffen ein. Iran und Russland unterstützten Assad. Saudi-Arabien und die USA die oppositionellen Rebellengruppen.

Syrien wurde zum Schlachtfeld für einen Stellvertreterkrieg, auf dem dschihadistische Gruppen florierten und die Kontrolle übernahmen. 2014 besetzte die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat große Teile im Nordosten des Landes - wurde inzwischen jedoch weitgehend aus seinen städtischen Hochburgen vertrieben.

Doch das bedeutet kaum Erleichterung für die Menschen in Syrien. Das Land liegt in Trümmern. Gut 11,6 Millionen Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, sind in und außerhalb Syriens auf der Flucht.

Über die Situation in Syrien nach sieben Jahren Bürgerkrieg sprachen wir mit dem stellvertretenden UNO-Flüchtlingshochkommissar Volker Türk.

Tesa Arcilla, euronews: "Vielen Dank Herr Türk, dass Sie bei uns sind! Sprechen wir über den Schutz, beziehungsweise den unzureichenden Schutz der Menschen. Wo stehen wir heute, 7 Jahre danach?"

Volker Türk, UNO-Flüchtlingshochkommissar: "Es ist eine der größten Flüchtlingskrisen des 21. Jahrhunderts. Und ein Ende ist nicht in Sicht. In den Nachbarländern Syriens befinden über 5,5 Millionen Flüchtlinge. Innerhalb Syriens gibt es mehr als 6 Millionen Inlands-Vertriebene. Rund 3 Millionen Menschen halten sich in schwer zugänglichen Gebieten und in belagerten Enklaven auf.

Sie können sie nicht verlassen, ernähren sich zum Teil von Gras, leben unter furchtbaren Bedingungen, wie im Mittelalter. Und genau das erleben die Menschen jeden Tag in Syrien, aber auch außerhalb Syriens als Flüchtlinge."

euronews: "Es gibt andere Krisen. Im Jemen zum Beispiel schwelt eine humanitäre Krise. Was ist an der Syrienkrise so anders und kompliziert?"

Volker Türk: "Es ist eine sehr lange Krise. Die große Mehrheit der syrischen Bevölkerung, der Zivilisten, die die Hauptlast der Gewalt, des Konflikts, der Verfolgung tragen müssen, ist auf fremde Hilfe angewiesen. In Jordanien beispielsweise leben 80 Prozent der Betroffenen unter der Armutsgrenze. In manchen Ländern, auch im Libanon, leben 70 Prozent sogar unterhalb der Schwelle für extreme Armut. Viele Kinder können beispielsweise nicht zur Schule gehen."

euronews: "UN-Sicherheitsrats-Resolutionen, Waffenruhen, politische Verhandlungen, all das scheint, wenn überhaupt, nur minimale Auswirkungen zu haben. Geschieht etwas vor Ort?

Volker Türk: "Besonders tragisch an dieser Krise ist, dass 3 Millionen Menschen sich in schwer zugänglichen oder belagerten Gebieten befinden. Nur etwa 27 Prozent davon konnten wir im vergangenen Jahr erreichen. Was bedeutet, dass die Menschen nicht die dringend nötige humanitäre Hilfe bekommen."

euronews: "In Europa wächst eine zunehmend einwanderungsfeindliche Stimmung, die die Menschen auch an den Wahlurnen zum Ausdruck bringen. Wir haben das bei den jüngsten Wahlen gesehen. Eines der Kernargumente derer, die zu strengeren Grenzkontrollen, auch für Flüchtlinge, aufrufen, ist die Sicherheit. Sie haben diese Sichtweise widerlegt und gesagt, Sicherheit und Flüchtlingsschutz ergänzen sich. Wie das?"

Volker Türk: "Wann immer Menschen in ein Land einreisen, ist es äußerst wichtig, dass es Sicherheitsverfahren gibt, um sicherzustellen, dass diejenigen, die Verbrechen begangen haben oder nicht zur Zivilbevölkerung gehören, identifiziert werden.

Aber ich kann Ihnen versichern, dass die aktuellen Systeme, die die Staaten eingeführt haben, robust sind. Es gibt das Asylverfahren, eines der der am meisten überprüften und strikten Verfahren. Ebenso wie der Neuansiedlungsprozess.

Die durchaus berechtigten Sicherheitsbedenken in der Bevölkerung können durch eine zuverlässige Identifizierung der Personen entschärft werden.

Wichtig ist auch, folgende deutliche Botschaft: Flüchtlinge, syrische Flüchtlinge, die nach Europa kommen, sind Menschen, die vor Gewalt, vor Konflikten und vor Terrorismus fliehen.

Sie sind die Opfer von all dem. Sie sind nicht die Täter."