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António Guterres: "Der einzig notwendige Krieg ist der Krieg gegen das Virus"

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António Guterres: "Der einzig notwendige Krieg ist der Krieg gegen das Virus"
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Laut dem Generalsekretär der Vereinten Nationen ist die durch das Corona-Virus ausgelöste Krise anders als alle anderen, mit denen die Vereinten Nationen in ihrer 75-jährigen Geschichte konfrontiert waren. Kurz vor einem virtuellen G20-Gipfel hat António Guterres einen globalen Aktionsplan gefordert, um den ärmsten Ländern der Welt zu helfen. Billionen Dollar sollen in Form von Konjunkturmaßnahmen aufgebracht werden, dazu Maßnahmen, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen. Darüber spreche ich mit UN-Generalsekretär António Guterres in "The Global Conversation".

Euronews-Reporterin Isabel Kumar:
Sie haben die ganze Welt aufgefordert , gemeinsam vorzugehen, um zu verhindern, dass diese Pandemie apokalyptische Ausmaße annimmt. Welche konkreten Maßnahmen müssen Ihrer Meinung nach weltweit ergriffen werden?

UN-Generalsekretär António Guterres: Wir müssen uns über unsere Strategie im Klaren sein. Und unsere Strategie ist es, Covid-19 zu bekämpfen. Und wir können das Virus nur dann unterdrücken, wenn alle Länder, beginnend mit dem G20-Treffen, einen Aktionsplan haben, der natürlich Tests, Rückverfolgung und Quarantäne mit dem Einschränken der Kontakt- und Bewegungsfreiheit kombiniert.

Das wird wahrscheinlich- je nach den Testkapazitäten der einzelnen Länder, - unterschiedlich ausgeführt werden. In Ländern, in denen Tests und Rückverfolgung weniger effektiv sind, werden mehr Sperren notwendig sein.

Aber all das muss koordiniert werden, um die COVID-19-Krankheit in den Industrienationen zu unterdrücken. Und dann müssen wir all unsere Kapazitäten mobilisieren, um den Entwicklungsländern zu helfen, das Gleiche zu tun. Wir brauchen eine klare Strategie.

Es geht nicht nur darum, die Situation in den Griff zu bekommen. Wenn Sie sich die Kurve der Fälle ansehen, dann müssen wir diese Kurve durchbrechen, nicht nur abschwächen.

Wir müssen das Virus unterdrücken. Und dann müssen wir meines Erachtens einen zweistelligen Prozentsatz der Wirtschaft auf nationaler Ebene und der Weltwirtschaft mobilisieren, um die sozioökonomischen Folgen dieser Krankheit anzugehen.

Das ist nicht eine Fianzkrise wie 2008

Das ist nicht eine Finanzkrise wie 2008. Natürlich müssen wir die Liquidität der Finanzsysteme erhalten, aber es ist ebenso unerlässlich, Menschen und Unternehmen zu unterstützen.

Es ist unerlässlich, Existenzgrundlagen zu sichern. Es ist wichtig, uns selbst und die Unternehmen über Wasser zu halten. Und dabei sind direkte Unterstützungen absolut entscheidend.

Das geschieht bereits in mehreren Ländern. Aber auch das muss auf der Ebene der G20 koordiniert werden. Und dann müssen wir schätzungsweise etwa 2,5 bis 3 Milliarden Dollar mobilisieren, um den Entwicklungsländern zu helfen, das Gleiche zu tun.

Der IWF hat bereits eine Kreditvergabekapazität von etwa einer Milliarde Dollar. Wir brauchen Sonderziehungsrechte.

In einer Kriegswirtschaft müssen wir Geld drucken. Auf der Grundlage von Sonderziehungsrechten können wir weltweit Geld drucken, das den Entwicklungsländern zur Verfügung gestellt wird.

Wir müssen alle anderen internationalen Finanzinstitutionen mobilisieren, den Austausch zwischen den Zentralbanken erhöhen, um insbesondere den Schwellenländern zu helfen,

Wir müssen dieses riesige Ressourcen-Volumen auf die Entwicklungsländer konzentrieren, damit sie die gesellschaftlichen Herausforderungen bewältigen können.

Und schließlich glaube ich, dass wir einen Aufschwung vorbereiten müssen, dass wir eine bessere Wirtschaft, eine nachhaltigere und integrativere Wirtschaft schaffen müssen.

_Wir können nicht die Wirtschaft der Vergangenheit eins zu eins nachbilden. Viele Dinge werden sich unumkehrbar in unserem Leben verändern. Wir müssen diese dramatische Situation auch als eine Gelegenheit nutzen, unsere Fähigkeit zu mehr Integration und Nachhaltigkeit in unserer Wirtschaft zu verbessern.
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Brauchen wir einen globalen Mechanismus?

Euronews:
Herr Guterres, das sind sehr hohe Zielsetzungen in einer Zeit, in der die Welt am Boden liegt. Starke Volkswirtschaften wie die EU geben nach, die USA stehen in der Schusslinie. Sie fordern die Mobilisierung von Billionen Dollar. Aber in einer Zeit der globalen Pandemie scheint es an Führung zu mangeln. Brauchen wir jetzt einen neuen globalen Mechanismus, der im Umgang mit Pandemien über souveränen Staaten steht - auch um mit zukünftigen Pandemien umgehen zu können?

António Guterres:
Ich habe gerade vorgeschlagen, dass die G20-Länder sofort einen Koordinierungs-Mechanismus gegen die Pandemie schaffen sollten und dass die Weltgesundheitsorganisation die Führung übernimmt. Das muss auf systematische und koordinierte Weise geschehen.

Wir können nicht von Land zu Land völlig unterschiedliche Politiken haben, wenn sie nicht auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet sind, nämlich die Unterdrückung des Virus.

Und gleichzeitig, wenn wir diese Billionen Dollar nicht mobilisieren... aber sie werden mobilisiert. Der amerikanische Senat diskutiert beispielsweise ein Paket von zwei Billionen Dollar, diese Summe entspricht genau 10 Prozent des BIP der USA.

Das bedeutet, wir nähern uns diesem zweistelligen prozentualen Ansatz der Weltwirtschaft, der notwendig sein wird. Und es gibt Möglichkeiten, das zu erreichen. Wenn wir es auf koordinierte Weise tun, sind die G20-Länder ein ausgezeichneter Rahmen, Dinge zusammenzubringen und die Bedingungen zu schaffen, den IWF, die internationalen Finanzinstitutionen, die Zentralbanken, um das Notwendige zu schaffen.

Wie bereits gesagt, in einer Kriegswirtschaft drucken Sie Geld auf moderne Weise, aber drücken damit auch Solidarität mit den Entwicklungsländern aus, sie stärken damit nicht nur die Maßnahmen der entwickelten Länder, sondern man schafft die Voraussetzungen dafür, dass das weltweit geschieht.

Euronews:
Wenn man sich die Vergangenheit anschaut, dann war Solidarität Mangelware, insbesondere im Hinblick auf die Entwicklungsländer, die Ultra-Schwachen wie Sie sie vor Kurzem genannt haben. Sie waren der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge. Sie kennen die Situation in den Flüchtlingslagern, die unhygienischen, unwürdigen Bedingungen, auch die Menschen, die in überfüllten Lagern leben. Was brauchen diese Menschen am dringendsten? Angesichts der von ihnen eingeforderten Solidarität?

António Guterres:
Sie brauchen alles. Wir haben gerade den interinstitutionellen Plan, einen humanitären Aktionsplan, herausgegeben, der genau die Maßnahmen gegen COVID-19 in Situationen mit viel humanitärem Stress beinhaltet - das heißt in Konflikten, in fragilen Staaten, in Flüchtlingslagern, in Lagern für Binnenvertriebene.

Und um die Bedingungen zu schaffen, um sicherzustellen, dass es in diesen Gebieten medizinische Kapazitäten geben wird.

Es wird Testkits geben. Es wird die Ausrüstung für sie geben, die man für die Behandlung von Patienten braucht. Es wird Wasser und Seife geben sowie Stellen, an denen sich die Menschen die Hände waschen können.

Es wird die Kapazitäten geben, um auf die Bedürfnisse des Gesundheitspersonals einzugehen, das unter solch schrecklichen Umständen arbeitet.

_All dies in einem Paket, das die UN-Organisationen, das Rote Kreuz, der Rote Halbmond und die NGOs zusammengebracht hat, um die Welt um 2 Milliarden US-Dollar zu bitten, damit genau auf diese Situationen in den am meisten gefährdeten Ländern der Welt reagiert werden kann.
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Wir leben im Krieg gegen das Virus

Euronews:
Ja, Herr Generalsekretär, die gefährdeten Gemeinschaften stehen hier wirklich an vorderster Front und werden die volle Last der Coronavirus-Krise tragen. Aber hat die Weltgesundheitsorganisation zu langsam darauf reagiert? Es gab bereits im Dezember Warnungen vor einer Übertragung des Coronavirus von Mensch zu Mensch.

António Guterres:
Die Weltgesundheitsorganisation hat von Anfang an klare Richtlinien herausgegeben. Ich denke, die Mitgliedsstaaten haben langsam reagiert.

Aber jetzt geht es nicht mehr darum, sich gegenseitig die Schuld zuzuweisen. Es geht darum, alle auf koordinierte Weise zusammenzubringen, um das Virus zu unterdrücken und sicherzustellen, dass den Menschen und den Unternehmen durch eine massive Mobilisierung von Mitteln, die die gegenwärtige Situation erfordert, wirksam geholfen wird, um zu überleben. Wir leben im Krieg gegen das Virus. Wir müssen es mit einer Kriegswirtschaft bewältigen.

Euronews:
Sie sprechen von einer Kriegswirtschaft, einer Kriegssituation, aber Sie haben auch einen globalen Waffenstillstand gefordert. Auch das ist ein sehr ehrgeiziges Ziel, da es an so vielen Fronten Krieg gibt. Jetzt stehen Sie offensichtlich in Kontakt mit Kriegsparteien. Wird ihr Appell von einer dieser Fraktionen gehört?

António Guterres:

Ja, zunächst einmal sind alle meine Sondergesandten im Einsatz, alle Vertreter von Entwicklungsinitiativen von Syrien über den Jemen bis hin zu Libyen und all den anderen Orten, um sicherzustellen, dass die Geschütze zum Schweigen gebracht werden. Und mehrere der Bewegungen haben bereit s positiv reagiert. An einigen Orten sehen wir sogar eine Zusammenarbeit bei der Reaktion auf das Coronavirus.

Leider gibt es auch andere Situationen, vor allem in Hinblick auf terroristische Organisationen, die nichts und niemanden respektieren. Denken Sie an den Angriff der al-Shabaab, bei dem 93 Soldaten getötet wurden.

_Mein tiefes Beileid geht an den Tschad und seine Bevölkerung.
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Aber ich spüre, dass das Bewusstsein dafür wächst, dass es nur einen notwendigen Krieg gibt: Der Krieg gegen das Virus.

Euronews:
Okay. Krieg gegen das Virus. Aber für normale Menschen bedeutet es eine massive Veränderung ihres Lebens. . Laut der Internationalen Arbeitsorganisation könnten etwa 25 Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren. Übertragen Sie nun diese Krise, diese Coronavirus-Krise, die Rezession, die Depression, die folgen könnte, in das, was sie für normale Menschen auf der ganzen Welt bedeutet.

António Guterres:
Aber genau deshalb ist es wichtig, sich in der Strategie klar auszudrücken. Es geht darum, das Virus zu bezwingen und die Voraussetzungen für eine baldige Erholung zu schaffen. Wenn das in einer Art und Weise geschieht, in der alle zusammenarbeiten, dann geht es nicht nur darum, die Situation in den Griff zu bekommen, die über Monate und Monate und Monate andauern wird.

Nein, wir müssen die Kurve durchbrechen, wir müssen das Virus unterdrücken, um genau die Auswirkungen zu begrenzen, von denen Sie sprechen.

Und gleichzeitig müssen wir die von mir erwähnten Ressourcen für einen zweistelligen Bereich der Weltwirtschaft mobilisieren, um genau die Menschen zu unterstützen, die ihren Arbeitsplatz oder ihr Gehalt verlieren. Genau um die Unternehmen zu unterstützen, die wir zum Überleben zwingen müssen, um dann, sobald wir die Krankheit unter Kontrolle haben, auf die Erholung der Wirtschaft zu drängen.

Euronews:

In einem Satz bitte Herr Guterres, sind Sie hoffnungsvoll, dass das passieren wird?

António Guterres:

Ich glaube, dass die Menschen immer mehr realisieren, dass es ernst ist und dass es noch viel ernster werden wird, wenn es keine Solidarität und keine effektive Koordination gibt.

Wenn wir das Virus nicht bekämpfen, sprechen wir von Millionen Menschen, die infiziert werden und von Millionen Menschen, die sterben könnten.

Das müssen wir unbedingt vermeiden. Also harte Maßnahmen in einer artikulierten Art und Weise unter der Führung der WHO, um das Virus zu bekämpfen, und die sehr dramatische Mobilisierung von Ressourcen, um Haushalte und Unternehmen über Wasser halten zu können.