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Können Coronavirus-Tests und Kontaktverfolgung den 2. Lockdown verhindern?

Fast wieder zum Alltag übergegangen: Bars entlang der Seine in Paris.
Fast wieder zum Alltag übergegangen: Bars entlang der Seine in Paris.   -   Copyright  AP Photo/Thibault Camus
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Viele Länder in Europa verzeichnen nach wie vor täglich Hunderte neuer Infektionen mit dem Coronavirus. In Spanien, Portugal, Frankreich und Deutschland sind neue Cluster entstanden. Dennoch sind einige Experten optimistisch, dass die Länder besser darauf vorbereitet sind, eine zweite Welle mit effektiven Tests und Kontaktverfolgung abzuwehren.

Die Regierungen hoffen, dass sie durch die Kontrolle lokaler Infektionscluster die Übertragung auf die Gemeinschaft, die man während des ersten Ausbruchs beobachtet hat, verhindern können.

Deutschland hat zum Beispiel im Landkreis Gütersloh und dem angrenzenden Warendorf eine erneute Abriegelung eingeführt, auch andere Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung wurden schnell getroffen, darunter die Schließung von Schulen und Kitas. Die Schlachthöfe, auf denen neue Infektionsherde entstanden waren, wurden geschlossen.

Spanien hat einigen Unternehmen in einer Provinz, in der ein Cluster gefunden wurden, neue Auflagen auferlegt

Die große exponentielle Zunahme der Fälle muss es nach Ansicht von Experten nicht geben.

"Es sieht nicht so aus, als ob wir eine große zweite Welle erleben, wir sehen lokale Cluster. Ich denke, viele Regierungen haben dieses Mal viel besser verstanden, dass wir vorsichtig sein müssen", sagte Bary Pradelski, ein außerordentlicher Wirtschaftsprofessor am französischen nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS).

"Sie rufen sehr lokale Ausgangssperren aus, in manchen Fällen gibt es einen Lockdown von nur einigen Straßenblöcken", fügte er hinzu. Das war der Fall für einen Ausbruch in einer Mietskaserne im Berliner Viertel Neukölln.

Könnten Kontaktverfolgung und Massentests die Notwendigkeit einen zweiten Lockdown verhindern?

Ein Forscherteam unter der Leitung von Tim Colbourn am University College London (UCL) entwarf 31 potenzielle Szenarien für eine Lockerung der Beschränkungen in Großbritannien.

Sie stellten fest, dass es möglich ist, eine zweite Welle zu vermeiden, wenn 40% der Infektionen durch Tests identifiziert und mindestens 40% dieser Kontakte zurückverfolgt und schnell isoliert werden.

"Dies gilt selbst dann, wenn die Kontakte pro Tag auf 80% der vor der Pandemie bestehenden Werte ansteigen, sobald die Sperren aufgehoben werden", sagte Colbourn, Professor für globale Gesundheitsepidemiologie an der UCL.

Das hängt wiederum vom Umfang und der Kapazität der Tests und der Rückverfolgung durch die britische Regierung ab, die den Lockdown phasenweise aufhebt und Tausende Menschen zur Nachverfolgung von Kontaktpersonen eingestellt hat, um potenzielle Coronavirus-Fälle im Land ausfindig zu machen.

Den Cluster kontrollieren

In einem perfekten System kann man Menschen mit Coronaviren und alle ihre Kontakte testen und schnell isolieren, bevor ein Cluster außer Kontrolle gerät.

"Die Labors führen genügend Tests durch, damit dieses System zu funktionieren scheint: Vorläufig sind die Ausbrüche unter Kontrolle. Darüber hinaus werden Tests eingesetzt, um die Prävalenz des Virus zu überwachen", sagte Claire Mathieu, Forschungsdirektorin am Institut für Grundlagenforschung in der Informatik des französischen Zentrums für wissenschaftliche Forschung (CNRS).

Mathieu verwendet Algorithmen, um die Verbreitung des Virus und die Auswirkungen von Ausgangssperren zu untersuchen.

Frankreich kann 700.000 Tests pro Woche durchführen, und beschäftigt nach Angaben des Gesundheitsministeriums 2.000 Mitarbeiter, die sich auf die Ermittlung von Kontaktpersonen konzentrieren. Spanien hat in der zweiten Juniwoche 238.858 Tests durchgeführt. In Deutschland liegt die Kapazität bei 1.099.000 Tests pro Woche, teilte das Robert-Koch-Institut auf Anfrage mit.

Thibault Camus/AP
Abstände einhalten und Masken tragen bei Kommunalwahlen am Sonntag in Frankreich. In dem Land gibt es fast 200.000 bestätigte Infektionen und fast 30.000 Covid-Tote.Thibault Camus/AP

Aber selbst wenn "Rückverfolgungs- und Screening-Systeme von einem Epidemieausbruch überfordert sind, gibt es andere Maßnahmen, wie zum Beispiel eine lokale Abriegelung", sagte Mathieu.

"Die wichtigsten Maßnahmen in jedem Land sind zu isolieren, zu testen und zu versorgen und jeden Kontakt zu verfolgen und unter Quarantäne zu stellen", sagte ein Sprecher des Europa-Büros der Weltgesundheitsorganisation.

"Es ist schwierig, zum jetzigen Zeitpunkt Vorhersagen zu treffen, aber wir wissen, dass viele Länder beträchtliche Ressourcen mobilisieren, um sicherzustellen, dass die Test- und Rückverfolgungskapazitäten ausgebaut werden".

Kontrolle lokaler Ausbrüche

Frankreich hat den Lockdown nach unterschiedlichen Zonen gelockert: Auf der Grundlage der Virusverbreitung und der Krankenhauskapazität wurden die Gebiete in die Farben grün, orange und rot unterteilt. Regionen mit einer besseren öffentlichen Gesundheitssituation wurden schneller aus dem Lockdown entlassen als andere.

Dieser Plan wurde auf der Grundlage von Untersuchungen des Wirtschaftswissenschaftlers Bary Pradelski und des Mathematikers Miquel Oliu-Barton erstellt.

Pradelski, ein CNRS-Professor in Grenoble, der auch ein assoziiertes Mitglied des Oxford Man-Instituts der Universität Oxford ist, sagte, dass das Management der Virusausbrüche auf lokaler Ebene durch die Bestimmung von Gebieten, in denen das Virus weniger präsent ist, dazu beitragen kann, künftige Ausbrüche einzudämmen.

"Wenn wir neue Virus-Cluster haben, sollten wir sehr schnell vor Ort handeln und das Virus lokal kontrollieren, den Reiseverkehr einschränken und restriktive Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit anwenden", sagte Pradelski.

Es ist wichtig, dass die Menschen ein Gebiet mit aktiver Übertragung des Virus nicht verlassen und Menschen in einem anderen geografischen Gebiet infizieren, fügte Pradelski hinzu.

Wenn wir neue Virus-Cluster haben, sollten wir sehr schnell vor Ort handeln.
Gary Pradelski
Forscher

Deshalb schlagen die Forscher einen europäischen Zonenplan vor, der Orte mit weniger Coronavirus-Fällen miteinander verbindet, um 14-tägige Quarantänebeschränkungen zwischen den EU-Ländern zu vermeiden.

"Ich meine, dem Virus ist es egal, welchen Reisepass man hat. Das Virus wird in Italien viel besser kontrolliert als in Großbritannien. Wir denken, dass eine internationale Zusammenarbeit wirtschaftlich sehr nützlich wäre, aber auch zu einer weniger nationalistischen Rhetorik beitragen würde", sagte Pradelski.

Angst vor einer zweiten Welle

Peking begann mit der erneuten Abriegelung, nachdem es eine Ansammlung von mehr als 100 Fällen im Zusammenhang mit Märkten identifiziert hatte. Die Meldung hatte zu vielen Ängsten geführt, da es zuvor in der chinesischen Hauptstadt wochenlang keine Fälle gegeben hatte.

"Das Problem mit Peking ist, dass es keine erste Welle gab, denn sehr früh war die erste Welle in Wuhan und in Hubei [Provinz]", sagte Karine Lacombe, Epidemiologin am Krankenhaus Saint-Antoine gegenüber France Inter. Sie sagte, die Reaktion sei legitim.

"Sie wollen nicht die Fehler aus Hubei und Wuhan wiederholen, wo die Intensität der Epidemie unterschätzt und zu spät abgeriegelt wurde".

Ng Han Guan/AP
In Peking wurden seit dem neuen Ausbruch insgesamt rund 8,3 Mio. Menschen auf das Coronavirus getestet.Ng Han Guan/AP

Südkorea hat davor gewarnt, dass man sich inmitten einer zweiten Welle befindet und möglicherweise wieder soziale Distanzierungsmaßnahmen einführen müsse.

Südkorea hat in der vergangenen Woche zwischen 40 und 60 Fälle pro Tag verzeichnet, eine viel niedrigere Zahl als in vielen europäischen Ländern. Dennoch haben Beamte die Alarmglocken wegen der Schwierigkeit, entstehende Cluster aufzuspüren und zu isolieren, geschlagen.

"Es gibt keine wirkliche Überreaktion auf dieses Virus", sagte Michael Mina, Epidemiologe an der Harvard's School of Public Health, gegenüber Euronews.

"Es hat das Potenzial, unserer Gesellschaft außerordentlichen Schaden zuzufügen, und das Wichtigste ist, die Fälle so gut wie möglich unter Kontrolle zu halten.

Welche Rolle spielt das Wetter?

Viele Experten sind besorgt über die bevorstehende Herbstsaison, in der es auch eine mögliche zweite Welle geben könnte.

In Europa ist es wahrscheinlicher, dass sich die Menschen im Sommer eher draußen treffen, "was ein geringeres Übertragungsrisiko darstellt, so dass [eine zweite Welle] im Herbst stattfinden könnte, wenn die Menschen vermehrt drinnen sind und vielleicht die Beschränkungen satt haben", so Colbourn von der UCL.

Die Regierungen zählen darauf, dass die Bevölkerung sich weiterhin sozial distanziert und ihre Kontakte zu anderen Menschen verringert.

Die jüngsten Ereignisse zeigen auch, wie schnell Fehler bei der Isolierung potenzieller Fälle die Zahlen in einem Land beeinflussen können.

Neuseeland wurde für seine raschen Abriegelungsmaßnahmen gefeiert, doch zwei Frauen, die ihre Quarantäne kurzzeitig für eine Beerdigung verlassen durften, wurden bei ihrer Rückkehr positiv auf Coronavirus getestet, was Premierministerin Jacinda Ardern als "inakzeptables Versagen des Systems" bezeichnete.

Aber es ist nicht nur das System, das funktionieren muss - zur Eindämmung braucht es auch die Bevölkerung, die gelernt hat, dass Distanz und Wachsamkeit unerlässlich sind, um das Coronavirus in Schach zu halten.

"Die Reaktion auf diese Pandemie ist ein Marathon, kein Sprint, und die Situation entwickelt sich weiter", sagte ein Sprecher der Weltgesundheitsorganisation gegenüber Euronews.

Es bleibt weiterhin in jedem Land die Gefahr eines Wiederaufflammens der Pandemie bestehen, die "durch die rigorose Anwendung von Interventionen des öffentlichen Gesundheitswesens wie körperliche Distanzierung oder den Gebrauch von Masken kontrolliert werden muss", so die WHO.