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Welche Rolle spielt Russland in der europäischen Energiekrise?

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Von Lauren Chadwick
Rohre für die Ostseepipeline Nord Stream 2 werden auf dem Gelände des Hafens von Mukran in der Nähe von Sassnitz gelagert, 4. Dezember 2020
Rohre für die Ostseepipeline Nord Stream 2 werden auf dem Gelände des Hafens von Mukran in der Nähe von Sassnitz gelagert, 4. Dezember 2020   -   Copyright  Stefan Sauer/(c) dpa-Zentralbild
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Als Wladimir Putin in der vergangenen Woche andeutet hat, dass Russland gegebenenfalls bereit wäre, die Energiekrise in Europa zu lindern, haben die Märkte aufgeatmet.

Zuletzt waren die Erdgaspreise in die Höhe geschnellt. Der Grund dafür sind die gestiegene Nachfrage, ausgelöst durch das Ende der Corona-Lockdowns, und gleichzeitig die geringen Lagerbestände an Erdgas in Europa nach dem langen Winter des vergangenen Jahres.

Russland ist der größte Gaslieferant der Europäischen Union, die in zunehmendem Maße von den Importen abhängig ist. Russland hat also die Macht, die Situation zu ändern. Es gibt jedoch keine Anzeichen dafür, dass Russland seine Gaslieferungen seit Putins Rede in der vergangenen Woche erhöht hat.

Russland sagt, es habe seine langfristigen Verträge erfüllt. Experten fragen sich aber, warum das Land die Situation nicht nutzt, um noch mehr auf dem europäischen Markt zu profitieren.

"Die Lieferungen von Gazprom, das ein Monopol auf die Pipeline-Exporte von russischem Gas nach Europa hat, erfolgen zum regulären Preis. Soweit wir wissen, haben sie sich an alle vertraglichen Verpflichtungen gehalten", sagte Dennis Hesseling, Leiter der Abteilung Infrastruktur, Gas und Einzelhandel bei der EU-Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden, gegenüber Euronews.

Sind die russischen Speicher leer oder geht es um Nord Stream 2?

Der Experte sagt, dass Gasexporteure normalerweise mehr Gas zur Verfügung stellen, um steigende Preise zu dämpfen. "Man würde erwarten, dass die Parteien auf die Preissignale reagieren. In der Vergangenheit haben wir gesehen, dass Gazprom auf die Chancen auf dem europäischen Markt reagiert hat. Das ist jetzt nicht der Fall, und wir wissen nicht, weshalb."

Einige europäische Politiker und Experten befürchten, dass Russland versucht, die Regulierungsbehörden unter Druck zu setzen, damit sie die gerade fertiggestellte Nord Stream 2-Pipeline genehmigen. Andere argumentieren, dass Russland kein überschüssiges Gas hat und versucht, seine eigenen Speicher vor dem Winter aufzufüllen.

Erdgas ist der wichtigste Energieträger für das Heizen in EU-Haushalten und unterliegt daher im Winter einer wesentlich höheren Nachfrage.

Nach Angaben von "Gas Infrastructure Europe" sind die Erdgasspeicher in Europa derzeit nur zu etwa 76 % gefüllt. Letztes Jahr um diese Zeit waren sie zu etwa 95 % gefüllt.

Putin sagte in der vergangenen Woche, dass Russland ein "zuverlässiger Lieferant" für Europa sei, der "alle seine Verpflichtungen in vollem Umfang erfüllt", wie es in einer Kreml-Übersetzung seiner Rede heißt, und deutete an, dass Russland zusätzliches Gas nach Europa schicken könnte.

Auch sein Sprecher Dmitri Petrow sagte Reportern, dass es "Potenzial" bei bestehenden Gaspipelines gebe, mehr Erdgas in die EU zu liefern, berichtete die Nachrichtenagentur Associated Press.

Jack Sharples, wissenschaftlicher Mitarbeiter am "Oxford Institute of Energy Studies" und Experte für Russland und Gazprom, sagte, Putins Einfluss auf den Markt zeige, dass es sich um einen sehr unruhigen Markt handele.

"Zusätzlich zu den Fundamentaldaten von Angebot und Nachfrage sehen wir wahrscheinlich eine Menge Spekulation. Das zeigt sich daran, dass die Preisbewegungen [Ende letzter Woche] in keinem Verhältnis zu den Schwankungen der physischen Gasflüsse nach Europa standen."

"Es ist offensichtich, dass Russland in die Krise verwickelt ist"

Simone Tagliapietra, Senior Fellow bei der Brüssler Denkfabrik Bruegel, ist der Meinung, dass es "jetzt ziemlich offensichtlich" ist, dass Russland in die Krise verwickelt ist: "Sie wollen zeigen, dass Gas wichtig ist, dass russisches Gas für Europa wichtig ist".

"Sie wollen zeigen, dass russisches Gas für Europa wichtig ist", so Bruegel. "Jetzt könnten sie auch dazu beitragen, diese Krise zu beenden und zu zeigen, dass sie ein zuverlässiger Lieferant sind. Andernfalls würden sie nur das Image von Gas und die Rolle von Gas im europäischen Energiemix weiter beschädigen, da es ohnehin schon als unzuverlässige Energiequelle wahrgenommen wird", fügt sie hinzu.

Die Gaskrise könnte die deutsche Regulierungsbehörde und die Europäische Kommission weiterhin unter Druck setzen, die umstrittene Nord Stream 2-Pipeline zu genehmigen, durch die 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr in die EU gepumpt werden sollen.

Der Kreml sagt, dass die Inbetriebnahme der Pipeline zur Entschärfung der europäischen Gaskrise beitragen würde. Europäische Parlamentarier äußerten erstmals Mitte September die Sorge, dass Russland Gas zurückhält, um die Eröffnung der umstrittenen Pipeline zu erzwingen, und forderten eine Untersuchung möglicher Marktmanipulationen.

"Ich weiß, dass einige von Ihnen über eine mögliche Manipulation des EU-Energiemarktes besorgt sind, und das sind ernsthafte Bedenken", sagte EU-Energiekommissar Kadri Simson am Mittwoch in einer Plenarsitzung des Parlaments.

"Wir untersuchen diese Behauptung mit Hilfe unserer Wettbewerbsbehörden. Unsere erste Einschätzung deutet darauf hin, dass Russland seine langfristigen Verträge erfüllt hat, aber keine zusätzlichen Lieferungen bereitstellt".

Norwegen erhöht seine Lieferungen

Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, fügte am Mittwoch hinzu: "Norwegen, einer unserer Lieferanten, erhöht jetzt seine Lieferungen, und ich denke, das ist ein sehr gutes Beispiel, dem andere folgen könnten."

Die Internationale Energieagentur (IEA) sagte in einer Erklärung vor zwei Wochen, sie glaube, dass "Russland mehr tun könnte, um die Gasverfügbarkeit für Europa zu erhöhen und sicherzustellen, dass die Speicher in Vorbereitung auf die kommende Winterheizsaison ausreichend gefüllt sind."

Der Exekutivdirektor der IEA, Fatih Birol, wiederholte diesen Punkt am Donnerstag gegenüber der Financial Times und erklärte, dass Russland seine Exporte um 15 Prozent erhöhen könnte.

Russland ist jedoch nicht verpflichtet, mehr Gas auf den europäischen Markt zu bringen, der laut Sharples ein "Markt der letzten Instanz" ist, auf dem es wahrscheinlich einen Käufer finden wird.

Zwar ist das russische Angebot über die bestehenden Pipelines in diesem Jahr zurückgegangen, insbesondere über die Ukraine und Weißrussland, doch könnte dies auch auf Probleme bei der Deckung der gesamten Nachfrage zurückzuführen sein.

"Nach den Zahlen, die Gazprom in den letzten Quartalen veröffentlicht hat, scheint das Unternehmen nicht weit von seiner vollen Produktionskapazität entfernt zu sein", so Sharples vom Oxford Institute of Energy Studies.

"Was für Gazprom eine unangenehme Wahrheit sein könnte, ist die Tatsache, dass es für das Unternehmen sehr schwierig ist, gleichzeitig die Inlandsnachfrage zu befriedigen, die eigenen Lager aufzufüllen und die Exportverpflichtungen nach Europa zu erfüllen", fügte er hinzu.

Angela Merkel sagte unterdessen, Russland könne nur auf der Grundlage von "vertraglichen Verpflichtungen" liefern, und fragte, ob es genügend Gasbestellungen für das Land gegeben habe. Die größten europäischen Energieunternehmen bestätigten gegenüber Reuters, dass Gazprom seine Verträge ebenfalls erfüllt habe.

Sharples sagte, wir wüssten vielleicht nicht genau, warum Russland die hohen europäischen Preise noch nicht ausgenutzt hat.

"Der einzige Weg, wie wir das mit Sicherheit wissen können, ist, wenn wir sehen, dass sie plötzlich Gas aus dem Hut zaubern, von dem wir nichts wussten, wenn der kommerzielle Betrieb von Nord Stream 2 genehmigt ist", sagte er.

"Umgekehrt, wenn nach der Genehmigung und dem Start von Nord Stream 2 der Gastransit über die Ukraine plötzlich auf ein sehr niedriges Niveau sinkt, könnte das ein Indikator dafür sein, dass Gazprom wirklich nichts übrig hat und dass der eigentliche Zweck von Nord Stream 2 darin besteht, die Ukraine einfach zu verdrängen."