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Zurück in den Krieg: Warum kehren so viele Flüchtlinge in die Ukraine zurück?

Von Aleksandar Brezar
Eine ältere Frau wartet am 29. März 2022 in Przemyśl auf einen Zug nach Kiew   -   Copyright  Aleksandar Brezar

Während der Krieg in die sechste Woche geht, entscheiden sich immer mehr Ukrainer dagegen, in einem der Schutz bietenden EU-Länder zu bleiben und auszuharren. Hunderte, fast ausschließlich Frauen, Kinder und ältere Menschen, standen am Montagabend in Przemyśl, dem wichtigsten Flüchtlingszentrum im Südosten Polens, in der Schlange für den Nachtzug nach Kiew.

Unter ihnen die 46-jährige Natalia, die in einen dicken Mantel und Schal gehüllt in der Schlange auf die erste Etappe ihrer Reise nach Saporischschja wartete. Ihren 16-jährigen Sohn hatte sie in der polnischen Stadt Kattowitz gelassen.

"Das Wichtigste war, mein Kind herauszuholen", sagte sie gegenüber Euronews. "Ich habe es geschafft, meinen Sohn aus einem Hotspot zu holen. Ich habe ihn mitgenommen und ihn dort gelassen, bis der Krieg zu Ende ist und ich zu meinem Mann und meiner Mutter zurückkehre."

Saporischschja im Südosten der Ukraine, ist seit Beginn der Invasion ständigen Angriffen und wahllosem Beschuss durch die russischen Streitkräfte ausgesetzt.

"Heimat ist Heimat"

Dort befindet sich auch das größte Kernkraftwerk Europas. Ein Beschuss Anfang März und ein anschließendes Feuer hatten befürchten lassen, dass die Reaktoren beschägigt und eine Kernschmelze ausgelöst werden könnte - es wäre die erste seit der Katastrophe von Tschernobyl 1986.

Mehr als 3,9 Millionen Ukrainer sind seit dem russischen Angriff vor mehr als einem Monat aus ihrem Land geflohen, die meisten von ihnen nach Polen.

Doch für Natalia eröffnete die jüngste Beruhigung der Kämpfe die Möglichkeit zur Rückkehr. Die Alternative, im Ausland zu bleiben, wurde für sie immer unerträglicher. Sie sagte, dass viele ihrer Landsleute dasselbe fühlen. "Viele kehren zurück, weil sie keine Unterkunft und keine Arbeit finden, es gab keine Möglichkeit, hier zu leben. Wir sind nicht reich, und wir wollten nicht hierher kommen, um Urlaub zu machen. Zu Hause können wir wenigstens von unseren eigenen Ressourcen leben. Heimat ist Heimat", betonte Natalia.

Menschen stehen am 29. März 2022 in Przemyśl Schlange für einen Zug nach Kiew Aleksandar Brezar

Sorge um die Familienangehörigen überwiegt die Angst vor dem Krieg

Andere Menschen auf dem Bahnhof gaben an, dass einer der Gründe für ihre Rückkehr in die Heimat auch eine Mischung aus der Sorge um Familienangehörige und der mangelnden Sicherheit an ihren Zufluchtsorten war.

Juri, ein 71-jähriger Juraprofessor, sagte, er kehre wegen seiner älteren Mutter nach Kiew zurück, die in der Hauptstadt auf sich allein gestellt sei. "Das ist ein Problem, das ich lösen muss. Aber ich habe dort auch meine Freunde, meine Bücher und meinen Computer. Ich fühle mich dort besser aufgehoben."

Aber nicht alle kehren dauerhaft zurück. Einige sind nur unterwegs, um andere, Familienmitglieder oder Haustiere, zu holen, damit sie sie in Sicherheit bringen können.

Marina, 34, war auf dem Weg nach Lwiw, um sich mit ihren Eltern zu treffen und ihre 13-jährige Tochter in die Niederlande zu bringen. Zusammen mit Hunderten anderen wartete sie am Dienstagabend bei Nieselregen. Ihr Zug aus Kiew hatte fast drei Stunden Verspätung.

Ukrainische Kinder, die am 29. März 2022 mit einem Zug aus Kiew in Przemyśl angekommen sind, werden mit einem Krankenwagen weggebracht Aleksandar Brezar

Die Menschen, die sich auf dem Bahnsteig versammelt hatten, warteten geduldig, als mehr als ein Dutzend Kinder auf Bahren herausgetragen und von Krankenwagen abtransportiert wurden.

"Ich habe ein wenig Angst, aber ich habe gesehen, dass viele Menschen zurückkommen, ich bin froh zu sehen, dass die Menschen keine Angst haben. Die Menschen gehen an Orte, die noch unsicherer sind als Lwiw oder Poltawa. Und das hat mir Mut gemacht", so Marina.

Flucht und Rückkehr - "die Wellen treffen sich in der Mitte"

Maciek aus Szczecin arbeitet seit Beginn des Krieges als Freiwilliger für das JDC, eine führende jüdische Hilfsorganisation. Er hat eine mehrtägige Pause eingelegt, am Sonntag kehrte er nach Przemyśl zurück. Er sagte, er sei überrascht, dass die Zahl der Menschen, die aus der Ukraine kommen, deutlich zurückgegangen sei.

Gleichzeitig sei die Zahl der Menschen, die in ihre Heimat zurückkehren, so stark gestiegen, dass er und andere freiwillige Helfer glauben, dass inzwischen fast genauso viele Menschen zurückkehren wie vor dem Krieg geflohen sind - zumindest, wenn es um diejenigen geht, die über den Bahnhof von Przemyśl reisen.

"Als ich vor zwei Wochen hier war, herrschte ein großes Durcheinander. Aber jetzt ist die Welle viel kleiner, und man merkt vor allem, dass viele Menschen zurückgehen. Viele von ihnen treffen diese Entscheidung. Die Wellen gleichen sich also aus und treffen sich in der Mitte. Ich habe das Gefühl, dass viel weniger Menschen fliehen", sagte er Euronews.

Die polnische Grenzpolizei gab an, dass etwa 21.000 Ukrainer in das Land eingereist sind, während etwa 12.000 das Land am Montag wieder verlassen haben. Insgesamt seien seit dem 24. Februar 364.000 Menschen in die Ukraine zurückgekehrt.

Menschen warten in Przemyśl am 28. März 2022 in der Schlange für die Fahrt nach Kiew Aleksandar Brezar

Polen ist das Zielland für die meisten Flüchtlinge aus der Ukraine. Nach UN-Angaben sollen dort etwa 2,3 Millionen Menschen untergebracht sein. Aber für einige habe sich das Leben in Polen als schwierig erwiesen, ihre Lage wurde aufgrund mangelnder Ressourcen verzweifelt, sagte Maciek.

Viele Flüchtlinge in Polen mussten sich auf die Hilfsbereitsschaft der einfachen Leute verlassen. Die Länder in Europa ringen noch um ein einheitliches Konzept für den Umgang mit den Flüchtlingen - von der Dokumentation der Hilfesuchenden bis hin zur Gewährung von Unterhaltszahlungen - Geld, das die grundlegenden Ausgaben decken würde.

Der Zugang zu Arbeitsmarkt und Hochschulbildung bleibt für viele schwierig

Anfang März warnte die UNO, dass bis zu 90 % der Ukrainer von Armut und extremer wirtschaftlicher Verwundbarkeit betroffen sind, was das Land um Jahrzehnte zurückwirft und tiefe wirtschaftliche Narben hinterlässt. Flüchtlinge sind dabei besonders gefährdet.

Eine Reihe von humanitären Organisationen und Menschenrechtsorganisationen haben auch Bedenken hinsichtlich der Sicherheit der Flüchtenden geäußert, einschließlich möglicher Verstöße gegen den Menschenhandel.

Das größte Problem sind jedoch die fehlenden Kapazitäten. Einige Rückkehrer berichten, dass sie wochenlang in Sporthallen und Turnhallen in abgelegenen Gegenden geschlafen haben, weil sie nicht wussten, ob sie eine bessere Unterkunft für sich und ihre Familie finden würden, wenn sie noch ein wenig warten. 

Menschen steigen in Przemyśl am 29. März 2022 aus einem Zug aus Aleksandar Brezar

"Die Leute kommen zurück, weil die Realität hier so ist. Wir sind voll. Ich komme aus dem Nordwesten Polens, nahe der Grenze zu Deutschland. Und selbst dort gibt es viele Flüchtlinge, die Hilfe brauchen", sagte Maciek. "Man kann sagen, dass alles, was hier (Polen) gut ist, vor allem an den Menschen in Polen liegt, nicht an der Regierung", schloss er.

Nach Ansicht des UNHCR-Sprechers Rafał Kostrzyński leistet die polnische Regierung jedoch hervorragende Arbeit. "In Anbetracht der hohen Zahl der ankommenden Flüchtlinge leistet die Regierung bemerkenswert gute Arbeit", sagte er Euronews.

"Sie haben die Grenzen offen gehalten, was ein sehr willkommener Ansatz ist. Sie haben die Grenzen nicht nur für ukrainische Flüchtlinge geöffnet, sondern auch für Drittstaatsangehörige, was ebenfalls lobenswert ist."

"Es gibt Probleme - es gibt Lücken, es gibt Risiken und so weiter - aber in Anbetracht des gesamten Kontextes und unter Berücksichtigung der sehr komplexen Situation ist das Schicksal der Flüchtlinge hier in Polen nicht so schlecht", sagte Kostrzyński. "Sie erhalten Hilfe - nicht immer in dem Maße, wie sie es sich wünschen, aber sie erhalten Hilfe."

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