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Europäische Kindergarantie: Chancengleichheit stärken

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Europäische Kindergarantie: Chancengleichheit stärken
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In der EU wachsen aktuell 18 Millionen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohte Kinder auf. Dazu gehören insbesondere Kinder mit Behinderung, Kinder in Migrationssituation, in Heimen untergebrachte Kinder sowie Kinder von Alleinerziehenden oder in kinderreichen Familien. Das Europäische Parlament hat vorgeschlagen, dass der Europäische Sozialfonds Plus 5,9 Milliarden Euro für die Umsetzung der Kindergarantie bereitstellt.

In dieser Folge von Real Economy geht es um Kinderarmut und die Europäische Kindergarantie. Wir fragen, was getan werden muss, um die Kinderarmut in Europa zu beenden und wie sichergestellt werden kann, dass die europäische Kindergarantie von den Mitgliedsstaaten umgesetzt wird.

Jedes vierte Kind in Europa lebt in Armut. Das war bereits vor der Pandemie so. Und die Situation verschärft sich. Fanny Gauret trifft auf Zypern frisch gebackene Eltern mit Drillingen, die um das Nötigste kämpfen.

Die Europäische Kindergarantie soll der Kinderarmut ein Ende setzen, wenn die EU-Regierungen mitziehen. Wir stellen Ihnen die Eckpunkte vor:

Europäische Kindergarantie

18 Millionen Kinder in Europa sind von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht.

Im Vergleich zu wohlhabenderen Altersgenossen haben sie ein höheres Risiko, schlechte Schulleistungen zu erbringen, Schwierigkeiten, einen angemessenen Arbeitsplatz zu finden, und sie leiden als Erwachsene unter schlechter Gesundheit.

Mit der Europäischen Kindergarantie will man diesen Kreislauf der Benachteiligungen durchbrechen: Die EU-Regierungen sollen dafür sorgen, dass jedes von Armut bedrohte Kind kostenlose Bildung, Betreuung und eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung erhält - eine gesunde Schulmahlzeit am Tag und die Möglichkeit, an schulischen Aktivitäten einschließlich Sport teilzunehmen - alles kostenlos. Auch für angemessenen Wohnraum soll gesorgt werden.

Die Garantie setzt die Europäische Säule sozialer Rechte um, die darauf abzielt, bis 2030 mindestens 5 Millionen Kinder aus der Armut zu befreien.

Die Mitgliedstaaten sind aufgefordert, den Vorschlag zur Einführung einer Europäischen Kindergarantie zügig anzunehmen und der Kommission innerhalb von sechs Monaten nach ihrer Annahme nationale Aktionspläne zur Umsetzung vorzulegen.

Kinderarmut auf Zypern

Eltern zu werden, aber nicht das Nötigste für sein Baby zu haben, ist eine verzweifelte Situation. Fanny Gauret hat sich auf Zypern das Projekt "Baby's Dowry" angeschaut. Finanziert mit EU-Geldern hilft es den Bedürftigsten.

Auf Zypern wird die anziehende Wirtschaft von der Coronakrise erschüttert. Das macht es nicht einfacher, Armut zu bekämpfen. Dem nationalen Anti-Armuts-Netzwerk zufolge lebt jedes dritte Kind in Armut.

Die Sozialarbeiter des "Baby’s Dowry"-Projekts unterstützen Familien mit finanziellen Schwierigkeiten. Sozialarbeiterin Panayiota Christou sagt:

"Das Programm 'Baby's Dowry' wird von Zypern und dem Europäischen Fonds für die am stärksten benachteiligten Personen (FEAD) finanziert. Das Programm hilft Familien mit Kindern unter 2 Jahren, denen das Nötigste fehlt und die von sozialer Ausgrenzung und einem Armutsrisiko betroffen sind.

In Temvria, in der Nähe der zypriotischen Hauptstadt Nikosia, leben der Ex-Soldat Mario und Koulla. Sie arbeitete früher in Teilzeit bei einer Tankstelle. Als sie Drillinge bekamen, wurde die finanzielle Situation schwierig. Das Mitgiftpaket des Projekts erleichtert ihnen das Leben:

"Jetzt haben wir Betten, eine Babywanne, einen Kinderwagen", freut sich Koulla Ioannou. "Das macht das Leben für uns und die Kinder einfacher, wir fühlen uns wohler. Dank des Projekts können wir Geld sparen und es für die Zukunft nutzen, wenn die Kinder größer werden."

Kinderarmut ist ein verstecktes Problem

Mit dem Projekt geht man ein gesellschaftliches Problem an, das immer noch schwer einzuschätzen ist, meint die Sozialarbeiterin: "Kinderarmut ist ein verstecktes Problem. Sie ist nicht offensichtlich. Man muss die Haushalte unterstützen, um die Lebensbedingungen der Kinder zu verbessern."

Mit einem Budget von 3,6 Millionen Euro hat das Projekt "Baby's Dowry" etwa 2000 Familien wie Koulla und Mario geholfen. Viele der Begünstigten sind alleinerziehende Mütter oder Flüchtlingsfamilien. Eine von ihnen trifft die Reporterin in Nikosia.

Diese syrische Familie hat unter schwierigen Bedingungen gelebt. Als sie in Zypern ankamen, war es für Adel, der jetzt als Zusteller arbeitet, schwer, Arbeit zu finden. Die Unterstützung, die sie erhielten, hat ihnen sehr geholfen: "Als ich arbeitslos war, konnte ich keine Windeln für meine Tochter kaufen", erzählt der Vater.

Nachdem die Grundbedürfnisse ihres Kindes gesichert waren, konnte Adel Geld für die Familie sparen und auch seine berufliche Situation verbessern. Heute leben Adel und Heba in einer Wohnung, die der wachsenden Familie gerecht wird.

"Ich war sehr glücklich darüber, dass uns ‘Baby’s Dowry`mit dem Nötigsten geholfen hat", so Heba Habazeh. _"Unseren Kindern geht es so viel besser. Sie können wie andere Kinder leben. Sie haben, was sie brauchen. Das ist gut für ihr Leben, jetzt und in Zukunft."
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Chancengleichheit für Kinder

Kindern Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen für ihre Entwicklung und ihr Wohlergehen zu ermöglichen: Das ist das Ziel der Europäischen Kindergarantie. In Lissabon erklärt die portugiesische Arbeitsministerin Ana Mendes Godinho, die diese Garantie unterstützt:

"Wir wollen einen umfassenden Gesamtansatz garantieren, um die verschiedenen Bedürfnisse der Kinder in Bezug auf Wohnen, Bildung, Betreuung und Gesundheit zu erfüllen", sagt Ana Mendes Godinho. Und wir wollen gewährleisten, dass jeder Mitgliedsstaat einen nationalen Plan hat, mit einem konkreten Ziel und einem Lösungsansatz, um spezifische Antworten für bedürftige Kinder in den verschiedenen Bereichen zu haben. Nur so können wir Chancengleichheit für jedes Kind in Europa garantieren."

Sobald diese Garantie vom Europäischen Rat angenommen ist, müssen die Mitgliedsstaaten ihre Aktionspläne vorbereiten, um der Kinderarmut ein Ende zu setzen.

Was tun gegen Kinderarmut?

Wie beendet man Kinderarmut auf Zypern und in ganz Europa? Darüber spreche ich mit Jana Hainsworth, der Generalsekretärin von Eurochild - einem Netzwerk von Organisationen, die sich für gefährdete Kinder in ganz Europa einsetzen.

Euronews-Reporterin Naomi Lloyd:

_Schön, dass Sie unser Gast bei Real Economy sind. Wie hoch ist die Kinderarmut in Europa?

_Jana Hainsworth, Eurochild-Generalsekretärin:

Die Zahlen, die uns zur Verfügung stehen, stammen aus der Zeit vor der Pandemie. Zu diesem Zeitpunkt wuchs fast jedes vierte Kind in der Europäischen Union in Armut auf, was in einer so wohlhabenden Region wie Europa ziemlich dramatisch ist.

Euronews:

Die Pandemie hat das Ausmaß der Kinderarmut vergrößert. Wie schlimm ist die Situation im Moment?

Jana Hainsworth:

Unsere Mitglieder berichten von ziemlich großer Not in ganz Europa. Wir haben einen bemerkenswerten Anstieg bei der Inanspruchnahme von Lebensmittel-Ausgabestationen beobachtet. Es gibt Probleme mit Familien, die obdachlos werden. Die Auswirkungen auf Kinder sind ziemlich dramatisch, auch Kinder verlieren ihre sozialen Netzwerke. Es gibt viele Auswirkungen auf Kinder, weil sie nicht zur Schule gehen konnten.

Euronews:

Was halten Sie von den Versprechen der Europäischen Kindergarantie?

Jana Hainsworth:

Die europäische Kindergarantie-Initiative ist sehr vielversprechend. Sie ist wirklich ehrgeizig. Es ist der richtige Ansatz, Investitionen in Kinder zu priorisieren. Die Herausforderung für uns ist, dass das nicht nur eine Verpflichtung auf dem Papier bleibt. Ein gutes Beispiel dafür ist Irland. Dort gibt es eine langfristige Strategie zur Bekämpfung von Kinderarmut und sozialer Ausgrenzung. Sie haben ein Ziel. Es ist auch ein Land, in dem es tatsächlich einen Minister für Kinder gibt. Wenn wir uns von dieser sehr tiefgreifenden Krise erholen wollen, müssen wir über einen inklusiven Aufschwung nachdenken. Und wenn wir Kinder in den Vordergrund stellen, dann schaffen wir eine nachhaltigere und inklusivere Zukunft.

Cutter • Silvia Lizardo

Weitere Quellen • Produktion: Camille Cadet; Kamera Brüssel: Pierre Holland & Jorne Van Damme; Kamera Paris: Vincent Kelner und Toningenieur Michel Damblant; Kamera Zypern: Mathieu Rocher; Kamera Lissabon: Samuel Andrês; Motion Design: NEWIC https://www.agence-newic.com/