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Brüsseler Wirtschaftsforum für ein gestärktes Europa nach der Pandemie

Von Naomi Lloyd  & Sabine Sans
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Brüsseler Wirtschaftsforum für ein gestärktes Europa nach der Pandemie
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Real Economy ist auf dem Brüsseler Wirtschaftsforum. Dort geht es darum, wie man Europas Wirtschaft nach der Pandemie wiederaufbaut. Euronews-Reporterin Naomi Lloyd spricht mit zwei EU-Kommissaren und der Chefin der Welthandelsorganisation über Impfstoffe, internationalen Handel und die wirtschaftlichen Aussichten.

Das Brüsseler Wirtschaftsforum, die wichtigste Wirtschaftsveranstaltung der EU, wird von der Europäischen Kommission organisiert.

Laut der jüngsten Wirtschaftsprognose ist die Erholung der EU im Gange. Die europäischen Volkswirtschaften werden bis Ende 2022 wieder das Niveau von vor der Pandemie erreichen.

Auf dem Brüsseler Wirtschaftsforum treffen sich Europas Entscheidungsträger, Wissenschaftler, Vertreter der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft, um über die drängendsten wirtschaftlichen Herausforderungen Europas zu diskutieren. Es geht um die große Frage, wie Europa seine Wirtschaft nach der Pandemie wiederaufbaut.

Wie überstehen Kleinunternehmer die Krise?

Real Economy fragt Kleinunternehmer, die im Laufe der Serie vorgestellt wurden: Wie kommen sie zurecht?

Dovile Ambrazeviciute war zum ersten Mal in der Sendung, als sie gerade staatliche Hilfe für ihren Pflanzenladen bekam. Heute sagt sie:

"Unsere größte Sorge ist, dass wir nicht überleben werden, weil wir große Schulden haben. Die Wirtschaft läuft ziemlich langsam. Was wir uns von der Europäischen Union wünschen würden, sind ähnlichere Regeln für alle Länder und alle Unternehmen, egal wo man sich befindet."

Auch Greg Yurkovich bekam staatliche Hilfen, um das Personal in seinen Pizzerien zu halten: "Unser Problem ist, dass es im Gastgewerbe einen Mangel an Mitarbeitern gibt. Wie findet man Leute und wie schafft man eine Aufbruchsstimmung, um die Wirtschaft wachsen zu lassen?"

Europäischer Aufbauplan für eine gerechtere Zukunft

EU-Wirtschafts-Kommissar Paolo Gentiloni stellt sich in Brüssel dem Gespräch mit Real Economy. Welche Hilfe wird es für kleine Unternehmen geben, wenn wir die Pandemie überwunden haben und die staatliche Unterstützung ausläuft, will die euronews-Reporterin wissen.

Paolo Gentiloni, EU-Wirtschaftskommissar:

_Kleine Unternehmen wurden von dieser Krise hart getroffen. Es gibt mindestens zwei wichtige Instrumente für kleine und mittlere Unternehmen: Das eine ist das Programm der Europäischen Investitionsbank, und das andere ist InvestEU._

Euronews:

Die Wirtschaftsaussichten sind positiv. Aber es besteht immer noch die Gefahr von mehr Armut, mehr sozialer Ausgrenzung. Wie groß ist diese Sorge?

Paolo Gentiloni:

_Es war klar, dass die Krise kein Gleichmacher ist: Während der Krise hat sich die Kluft zwischen Gebieten verschiedener Länder, bei den Einkommen vergrößert. Wir hoffen, dass wir mit dem europäischen Aufbauplan eine inklusivere und gerechtere Gesellschaft schaffen können._

Rolle Europas beim internationalen Handel

Nicht nur europäische Organisationen nehmen am Forum teil: WTO-Generaldirektorin Ngozi Okonjo-Iweala spricht über die Rolle Europas im internationalen Handel. Aber zunächst weitere Unternehmer, die wir in Real Economy vorgestellt haben.

Im Dezember hing der größte Teil der Fracht von Bengt Westerholms Firma in China fest. Daraus hat der finnische Unternehmer gelernt:

"Noch immer ist ein großer Teil der Luftfracht am Boden. Es gibt Seefrachtraten aus dem Fernen Osten nach Europa, die das Fünffache betragen. Viele finnische Unternehmen versuchen derzeit, ihre Lieferanten und ihre Materialien in Europa oder näher an Europa zu finden. Wir sehen jetzt alle das Risiko."

Laura Cardenas Corrales ist Grafikdesignerin. Sie hat ihre Arbeit in der Coronakrise verloren. Heute ist sie auf einer Plattform eingeschrieben: Ihre Arbeit laufe gut, erzählt sie.

"Der Klimawandel macht mir Sorgen. Ich würde gerne wissen, ob es in der EU auch künftig Anreize oder Unterstützung für kleine Unternehmen geben wird, damit ihr gesamtes System umweltfreundlicher wird."

Interview mit der WTO-Generaldirektorin Ngozi Okonjo-Iweala

Die WTO-Chefin bringt eine globale Perspektive in diese Veranstaltung ein. Die Wirtschaftsprognose für Europa fällt positiv aus. Aber Schwellen- und Entwicklungsländer sind in einer schwierigeren Situation. Warum ist das für Europa wichtig, will die euronews-Reporterin von Ngozi Okonjo-Iweala wissen, die aus Genf zugeschaltet ist.

Ngozi Okonjo-Iweala, Generaldirektorin der Welthandelsorganisation:

Der Hauptgrund für diese Divergenz liegt in der Ungleichheit beim Zugang zu Impfstoffen. Wenn wir diese Ungleichverteilung wirklich ändern wollen, müssen wir schnell handeln, und Impfstoffe in die Länder und Regionen bringen, die keinen Zugang haben. Die EU ist einer der größten Exporteure von Impfstoffen. Trotzdem haben sie eine Exportbeschränkung auferlegt. Ich würde mir wünschen, dass Europa diese Beschränkung aufhebt.

Euronews:

Die Pandemie hat europäische Unternehmen dazu gebracht, sich mehr vor Ort zu orientieren, statt international zu handeln.

Ngozi Okonjo-Iweala:

Natürlich gab es zu Beginn der Pandemie Störungen im internationalen Handel. Was wir jetzt sehen, ist eher eine Diversifizierung in andere Länder Asiens, als eine große Bewegung, lokaler zu handeln. Da gibt es Bestrebungen, aber wir erwarten nicht, dass das große Ausmaße annehmen wird.

Euronews:

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen beim Aufbau einer neuen Wirtschaft, die vor Europa liegen?

Ngozi Okonjo-Iweala:

Erstens ist das Ausmaß der Konjunkturprogramme, die viele Entwicklungsländer umgesetzt haben zwar eine gute Sache. Aber wir müssen uns auch vor dem Inflationsdruck in Acht nehmen. Eine weitere Herausforderung ist die Integration. Von den Menschen, die arbeitslos wurden, sind 1,3 Millionen Frauen. Wir müssen sicherstellen, dass Frauen wieder in die Arbeitswelt zurückkehren. Drittens denke ich, dass sich Afrika nicht schnell erholt. Das könnte auch ein Problem oder eine Herausforderung sein, die Europa im Auge behalten muss.

Interview mit EU-Handelskommissar Valdis Dombrovkis

Der geschäftsführende Kommissions-Vizepräsident und EU-Handelskommissar Valdis Dombrovskis ist Teilnehmer dieses Gesprächs über den Handel mit der WTO auf dem Forum. Auch er stellt sich den Fragen von Real Economy.

Euronews:

Vor allem Afrika ist bei Impfstoffen im Rückstand. Wird die EU ihre Exportbeschränkungen aufheben?

Valdis Dombrovskis, geschäftsführender Kommissions-Vizepräsident und EU-Handelskommissar:

Zunächst einmal muss man feststellen, dass die EU der größte Impfexporteur der Welt ist. Wir haben seit Dezember etwa 385 Millionen Dosen Impfstoffe in mehr als hundert Länder exportiert. Das macht fast die Hälfte der Impfstoffproduktion der EU aus. Es gibt ein Genehmigungs- und Überwachungssystem für die Exportkontrolle, aber im Allgemeinen schränkt es die Impfstoffexporte nicht ein.

Euronews:

Die WTO-Chefin sieht die größten Herausforderungen für die Zukunft in den Punkten Inflationsgefahr, Rückkehr der Frauen in die Arbeitswelt sowie in der Sicherstellung, dass Afrika beim Wiederaufbau nicht abgehängt wird. Was sagen Sie dazu?

Valdis Dombrovskis:

_Den Inflationsdruck muss man in der Tat sehr genau beobachten. Was das Thema Frauen in der Arbeitswelt betrifft, ist das seit langem eine Priorität innerhalb der EU. Wir gehen auch geschlechtsspezifische Diskriminierung und das geschlechtsspezifische Lohngefälle an. Und als wir unsere neue handelspolitische Strategie veröffentlicht haben, haben wir die südliche und östliche Nachbarschaft der EU sowie Afrika als vorrangige Regionen für die Zusammenarbeit genau umrissen._

Euronews:

Eine der interviewten Unternehmerinnen würde gern wissen, ob es für Firmen Anreize geben wird, grün zu werden?

Valdis Dombrovskis:

Es wird Anreize geben, zum Beispiel in Bezug auf die Finanzierung von Forschung und Innovation. Wir schlagen den Kohlenstoff-Grenzausgleichsmechanismus vor: Der stellt sicher, dass Importe aus weniger ehrgeizigen Ländern in Bezug auf die Emissionsreduzierung diesem Mechanismus unterliegen und die gleichen Wettbewerbsbedingungen nicht beeinträchtigt werden.

Cutter • Sebastien Leroy

Weitere Quellen • Produktion: Camille Cadet; Kamera Brüssel: Bram Verbeke, Jorne Van Damme, Karel Verstreken; Motion Design: NEWIC https://www.agence-newic.com/