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Bosnien-Herzegowina: Der Fluch der Kohle


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Bosnien-Herzegowina: Der Fluch der Kohle

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Veraltete Kohlekraftwerke sorgen mit für verpestete Luft, Boden und Wasser in Bosnien-Herzegowina. Und der Kampf der Bevölkerung für eine sauberere Umwelt ist ein Kampf von David gegen Goliath.

Allerheiligen im Dorf Divkovici in Bosnien-Herzegowina. Die Dorfbewohner gedenken ihrer Verstorbenen. Goran Stojak hat vor drei Monaten seinen Vater verloren – der starb an Lungenkrebs. Der Fluch des Dorfes: In vier Monaten sind hier sechs Menschen an Lungenkrebs gestorben. Die letzten auf einer langen Liste.

Die Einheimischen sehen im Kohlekraftwerk von Tuzla den Schuldigen. Es lässt nur wenige hundert Meter vom Dorf entfernt seine Abgase und Abwässer ab. Seit vier Jahren kämpft Goran gegen die Umweltverschmutzung durch das Kraftwerk – David gegen Goliath. “Das Kraftwerk ist dort hinten”, zeigt er, “das Abwasser kommt durch diese Pipeline hier am See an, versickert nach und nach im Boden, verteilt sich durch die Bäche beiderseits des Sees, und fließt in die Brunnen, die wir Anwohner fürs Trinkwasser nutzen.”

Kohlschwarze Schlacke im See, Schwermetalle im Boden

Die Abfälle des Kraftwerks werden gefiltert und mit Wasser vermischt in Deponien am Rande von Divkovici gebracht. Analysen eines unabhängigen Labors im vergangenen Jahr ergaben hohe Werte für Schwermetalle im Boden – bis zu mehrere Dutzend Meter tief. Was aussieht wie fruchtbarer Boden, ist in Wirklichkeit Staub von den Rückständen aus dem Kohlekraftwerk – mit Kadmium, Quecksilber, Arsen und Chrom darin.

Insiders: Dying for coal

Bei trockenem Wetter treibt der Wind den giftigen Ruß bis zu den Häusern. Bronchitis, Asthma und Lungenkrankenheiten sind hier keine Seltenheit, erzählt Goran: “Letzte Nacht musste ich meine Frau und unser sieben Monate altes Baby ins Krankenhaus bringen, wegen Lungen- und Atemproblemen. Wenn ich nachts in meinem Bett liege, dann höre ich die Schmerzensschreie meines Nachbarn, der Lungenkrebs hat. Wir sind hier zum Sterben verdammt. In wenigen Jahren wird das Dorf ausgestorben sein – dann wird es hier niemanden mehr geben.”

Als Vorsitzender der Anwohnerinitiative gegen das Kraftwerk von Tuzla hat er immer wieder die Behörden auf das Problem hingewiesen. Aber nichts sei für die siebzig Leute, die im Dorf geblieben sind, getan worden, klagt er. Mila Divkovic ist eine von ihnen. Sie lebt von einer kargen Rente und von ihrem eigenen Anbau. Die Analyse-Ergebnisse des vergangenen Jahres haben ihr Angst gemacht – aber sie kann schwer auf ihren Gemüsegarten verzichten: “Wir haben keine Wahl, wir haben nur kleine Renten, von irgendwas müssen wir ja leben. Wir haben kein Geld, um woanders was zu kaufen. Mein Sohn ist arbeitslos. Ich muss etwas zu essen anbauen.”

Beim Kohlekraftwerk von Tuzla wollte man uns nicht einlassen. Keine Stellungnahme.

Dicke Luft über Tuzla

Schwermetalle, Kohlendioxid, Stickoxid, Schwefeldioxid, Feinstaub – all das macht Kohle zu einem der gesundheitsschädlichsten fossilen Brennstoffe. Die Abgase des Kraftwerks, zusammen mit dem Autoverkehr und den Kohleheizungen in vielen Haushalten, sorgen für hohe Luftverschmutzung in Tuzla. Die örtliche Umweltvereinigung Zentrum für Ökologie und Energie sieht ihre Stadt auf Platz zwei der meistverpesteten Städte Europas. Sie hat gegen die Ausbaupläne beim Kraftwerk von Tuzla geklagt. Und fordert, mehr Geld ein Energieeffizienz zu stecken. Direktorin Džemila Agić: “Wir haben ausgerechnet, dass man mit einfachen Maßnahmen den Wärmeenergieverbrauch um 42 Prozent senken könnte und den Kohlendioxid-Ausstoß um vierzig Prozent. Mit einfachen Maßnahmen wie einer besseren Wärmedämmung der Gebäude.”

Zu den vier bestehenden Kohlekraftwerken könnten sieben neue hinzukommen: Die Vorhaben werden gerade geprüft. Bis 2030 könnte dadurch der Treibhausgasausstoß des Landes um 18 Prozent im Vergleich zu 1990 steigen, warnen Umweltorganisationen.

Wer entscheidet?

Beim für Energie zuständigen Vize-Außenhandelsminister Admir Softic in Sarajewo Schulterzucken: Da es keinen nationalen Energieplan für Bosnien-Herzegowina gibt, sind für den Bau neuer Kraftwerke die beiden Teilstaaten, die Entitäten zuständig: die Föderation Bosnien und Herzegowina und die Republika Srpska. Auf die Frage, ob man die Pläne für den Ausbau der Kohlekraftwerke nicht komplett aufgeben müsste, um die Reduktionsziele für den Treibhausgasausstoß einzuhalten, antwortet Softic mit vielsagendem Lächeln: “Das ist eine politische Frage, die die Regierungen beider Entitäten, aus denen Bosnien-Herzegowina besteht, klären müssen. Andererseits ist der Gesamtstaat entschlossen, seine Verpflichtungen gegenüber der Energiegemeinschaft mit den anderen Balkanstaaten und der Europäischen Union einzuhalten. Wir sind überzeugt, dass wir das Ziel erreichen werden, bis 2020 vierzig Prozent aus erneuerbaren Energien zu gewinnen.”

Auch in der Republika Srpska, beim Kraftwerk von Ugljevik, gibt es Ausbaupläne. Hier hat die Geschäftsleitung uns die Pforten geöffnet. Aber über die Erweiterungspläne will sie nicht reden, auch hier klagen Umweltorganisationen dagegen. Projektmanager Zlatko Malović spricht lieber über die Modernisierung, die bis in drei Jahren das Kraftwerk auf europäischen Standard bringen soll: “Mit Fertigstellung der Entschwefelungsanlage werden wir den Schwefeldioxid-Ausstoß um mehr als das Achtzigfache verringern, auf 200 Milligramm pro Kubikmeter, was den strengsten europäischen Normen entspricht. Zum anderen werden wir auch den Ausstoß von Schwebstoffen aus dem Schornstein durch neue Elektrofilter um das Achtfache senken.”

Dreckschleudern sind wichtige Arbeitgeber

Keiner hier widerspricht, wenn es um die gesundheitliche und Umweltbelastung durch das Kraftwerk geht. Aber es ist auch ein wichtiger Arbeitgeber in der Region. Radivoje Radić arbeitet seit zwanzig Jahren hier und ist überzeugt: Bislang habe die Bevölkerung ohne die Kohle keine Perspektive: “Unabhängig von dem Risiko, das diese Art von Stromproduktion in sich birgt, sind wir gezwungen, damit weiterzumachen, wenn unsere Jugend nicht in andere Städte, andere Länder oder andere Kontinente abwandern soll. Und wenn es keine jungen Leute mehr hier gibt – was hätte es dann noch für einen Sinn, diese Anlage weiterzubetreiben?”

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