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Sylvie Guillem - Abschied als Anfang

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Sylvie Guillem - Abschied als Anfang

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Das “Steps”-Festival für zeitgenössischen Tanz in Zürich. Höhepunkt der diesjährigen Ausgabe ist das neue Programm der französischen Tänzerin Sylvie Guillem: “6000 Miles Away”.

“Es geht um Neuanfang. Bye zu sagen, das hat mit Abschied zu tun”, erklärt die 47-jährige Künstlerin. “Abschied von der Kindheit, Abschied von der Karriere, von der Frau, die ich einmal war und nicht mehr bin. Wir verabschieden uns jeden Tag, um schließlich Neues zu finden. Alles ist im Fluss. Wir müssen im Buch des Lebens weiterblätter, Seite um Seite.”

Trotz der verstreichenden Zeit konnte sich Sylvie Guillem einen jugendlichen Anteil ihrer Selbst bewahren: “Die Jahre vergehen und doch habe ich den Eindruck, noch immer dasselbe kleine Mädchen zu sein. Ich sehe mich mit anderen 15-jährigen auf dem Schulhof stehen. (lacht) Auf manchen Gebieten werde ich nicht erwachsen. Ich fühle, dass das kleine Mädchen noch immer da ist.”

Als engagierte Künstlerin, unterstützt Sylvie Guillem eine Nichtregierungsorganisation zum Schutz der Meere: “Leidenschaftlich engagierte Menschen haben mich schon immer fasziniert. Diese Leute machen mich glücklich. (Pause)
Manche fragen mich: Warum sollte ich mich für Fische einsetzen? Zunächst sind zum Beispiel Wale ja keine Fische. Und dann sind die Ozeane schließlich so etwas wie lebende Organismen. Und trotzdem interessiert es die Leute nicht. (Pause) Ich aber habe mich sofort für deren Sache eingesetzt. Ich unterstütze das.”

Sylvie Guillems politisches und ihr künstlerisches Bewusstsein scheinen viel gemeinsam zu haben: “Es geht um Präsenz. Sobald Sie einen Fuß auf die Bühne setzen, zeigen Sie Präsenz. Diese Form von Anwesenheit hat eine ganz eigene Dimension, sie ist im wahrsten Sinne des Wortes außer-gewöhlich! (Pause) Wer auf die Bühne tritt, verlässt das Gewöhnliche. Die Zeit dort dehnt sich und wird für mich zu einer wundervollen Gegenwart.”

Ihr Bühnenleben hat Sylvie Guillem gelehrt, die Signale ihres Körpers nicht zu überhören: “Das ist ein Vorrecht der Jugend. Dann plötzlich bekam ich Schmerzen. Ich verstand, dass der Körper zerbrechlich sein kann und meiner Aufmerksamkeit bedarf. Ich musste mich also ändern. Und das tat ich auch. Ich erschloß mir eine neue Sicht auf die Dinge, änderte meine Arbeitsweise. Ich habe all das modifiziert. Ich glaubte unverwundbar zu sein. Nun weiß ich, dass ich in der Tat verletztlich bin.”

Eine erfolgreiche Karriere, Weltruhm, das Ansehen ihrer Kollegen. Sylvie Guillem ist sich der Endlichkeit all dessen bewusst. Was kommt danach?

“Ich habe eine lange Zeit immer dasselbe getan und kenne daher den hohen Preis dafür”, sagt Sylvie Guillem. “Ja, manchmal sage ich mir selbst: So schlimm wird es nicht sein, wenn alles einmal vorbei ist. (Pause) Trotzdem sehne ich eine Karriereende nicht herbei. Ich genieße meine Arbeit noch immer und daher steht ein Rückzug nicht unmittelbar bevor. Und doch muss ich seit einiger Zeit immer wieder daran denken. (Pause) Ich muss zugeben, dass ich darüber sinniere, wie es wohl wäre einen anderen Beruf auszuüben: Gärtner, zum Beispiel.”

In unserem Beitrag sind Sequenzen von Ludwig van Beethovens Piano sonata Op. 111 (arietta) und Musik von David Morrow zu hören.

Mehr Auszüge aus dem Interview mit der französischen Tänzerin Sylvie Guillem finden Sie hier : http://fr.euronews.net/2012/05/03/entretien-avec-sylvie-guillem