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Läuft Frankreich in die Falle mit Militäreinsätzen in ehemaligen Kolonien?

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Läuft Frankreich in die Falle mit Militäreinsätzen in ehemaligen Kolonien?

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Es herrschte Chaos am Vorabend des Putsches im März in der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, Bangui. Und danach wurde die Lage nicht wirklich klarer. Ob es sich um ethnische oder religiöse Konflikte handelt oder einfach um Streit um die Macht ist so genau nicht auszumachen. Die jüngsten Bilder von Anfang Dezember zeigen nur das Ausmaß der Grausamkeiten. Die ehemalige französische Kolonie liegt mitten in einem großen Unruhegebiet, das durch seinen Reichtum an Uran und Diamanten Begehrlichkeiten weckt. Dieses Land taumelt seit der Unabhängigkeit 1960 von einem Chaos ins nächste. In den 1070er Jahren trieb da der selbsternannte Kaiser Bokassa sein Unwesen. Die Täter beim jüngsten Putsch vom März nennen sich SELEKA und behaupten, eine muslimische Koalition zu sein, die sich gegen christliche Vorherschaft wehre. Ihr Anführer Michel Djotodia hat sich selber zum Übergangspräsidenten ernannt, räumt aber ein, seine Kämpfer inmzwischen nicht mehr kontrollieren zu können. Auf der anderen Seite steht auch eine Miliz, die von sich sagt, sie verteidige die christlichen Dörfer gegen die Gewalt der Muslime.
Klar ist nur, da dreht sich eine Spirale der Gewalt immer weiter. Ein Bauer aus einen christlichen Dorf sagt, sie würden hier nur ihr Dorf schützen. Die SELEKA-Leute seinen gekommen, um zu plündern. Seine Leute hätten sich nur zur Verteidigung bewaffnet. Der UN-Sicherheitsrat hatte am 5. Dezember auf eine dringliche Anfrage Frankreichs hin grünes Licht gegeben für einen Einsatz von Truppen Frankreichs und der Afrikanischen Union.
Inzwischen herrscht Unruhe bei der EU, weil Frankreichs Präsident gesagt hat, der Einsatz werde sein Land nichts kosten. Die EU zahle alles.
Nach dem Sicherheitsratsbeschluß hat sich Deutschland bereit erklärt, logistische Hilfe zu leisten. Das bedeutet, Truppentransporte zu fliegen und Spezialflugzeuge zum Betanken der französischen Jäger in der Luft zur Verfügung zu stellen. Frankreich hat seine Truppen vor Ort auf 1600 Mann verstärkt. Wie in anderen ehemaligen Kolonien auch hat Frankreich ständig Truppen in geringerem Umfang im Lande stationiert. “Zum Schutz der dort lebenden Franzosen”, wie es offiziell heißt. Die aktuell 2.500 Soldaten der Afrikanischen Union sollen auf 6000 Mann verstärkt werden. Die Resolution des UN-Sicherheitsrates erteilt ein Mandat für einen Einsatz von sechs Monaten. Darin heißt es auch, wenn möglich soll den afrikanischen Truppen der Vorzug gegeben werden vor Einheiten der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich. Der französische Präsident Hollande, der am Dienstag von der Trauerfeier für Nelson Mandela in Johannesburg direkt nach Bangui weitergeflogen war, hat erklärt, sein Land wolle 20.000 Mann der Truppen der Afrikanischen Union ausbilden.

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Frankreich hat für seine Intervention in der Zentralafrikanischen Republik vom
UN-Sicherheitsrat grünes Licht bekommen. Nach Mali im Januar ist das schon der zweite französische Militäreinsatz in diesem Jahr in einer ehemaligen Kolonie. Was steckt dahinter? Das fragen wir den Chefredakteur der in Paris erscheinenden Zeitschrift “Jeune Afrique”, Francois Soudan. Um welche Interessen geht es da? Bitte erklären Sie uns die Zusammenhänge dessen, was sich seit dem Putsch gegen den Präsidenten Bozizé im März abgespielt hat, woher kommt das Chaos, ist es schon älteren Datums?

Francois Soudan
Das Chaos in Zentralafrika ist durch schlechtes Regieren entstanden. Und zwar schon seit der Unabhängigkeit in den 60er Jahren. Da kam der “Vater der Unabhängigkeit,” Barthélémy Boganda, durch einen mysteriösen Flugzeugabsturz ums Leben. Es halten sich hartnäckig Gerüchte, wonach französische Geheimdienste dabei mitgemischt haben sollen. Das ist der Ausgangspunkt für alles, was danach schiefging. Alle folgenden Regierungen trugen den Stempel des Versagens. Ich möchte nur an die letzte blutige Intervention erinnern, dies ist jetzt schon die fünfte seit der Unabhängigkeit. Es muss alles von Grund auf neu gemacht werden.

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Worin unterscheidet sich dieser Militäreinsatz von jenem in Mali?

Francois Soudan
Er unterscheidet sich in der Darstellung in Frankreich. Es wurde von der Gefahr eines Völkermordes gesprochen, um ein erneutes Eingreifen in den Augen der Öffentlichkeit zu rechtfertigen – was wirklich übertrieben ist.
Dies zum Ersten. Und zweitens besteht ein Unterschied beim Blick auf jene, die die Franzosen entwaffnen sollen. In Mali waren die Guten und die Bösen leicht zu unterscheiden. Böse ist dort der Arm von Al Kaida. Hier geht es einmal um die Rebellen der Bewegung SELEKA – und gleichzeitig um die Anti-SELEKA-Milizen. Die Franzosen müssen an zwei Fronten gleichzeitig kämpfen.
Und drittens ist anders als in Mali die Frage offen, was danach kommt. In Mali gibt es eine politische Macht, die vor relativ kurzer Zeit aus Wahlen hervorging. In Zentralafrika gibt es nichts dergleichen.

euronews
In Frankreich erregt auch das Schicksal des gestürzten Präsidenten Besorgnis. Was muss geschehen, damit gewählte Politiker ihres Lebens sicher sind – aber auch begreifen, wann es Zeit ist, zu gehen? Ist dies eine humanitäre oder eine politische Mission?

Francois Soudan
Beides. Es ist eine humanitäre Mission, die aber so komplex ist, dass alles schwieriger wird. Es muss der Weg frei gemacht werden für Wahlen. Aber dafür gibt es keine funktionierende Verwaltung, um das zu organisieren. Dazu würde man die Vereinten Nationen oder die Afrikanische Union brauchen. Ohne deren Mandat kann nichts laufen in diesem Land für die nächsten 6 bis 8 Monate.

euronews
Wie wirkt sich die französische Entscheidung aus, Truppen aus Nachbarländern einzubeziehen? Da treibt die sogenannte “Gottesarmee” – wörtlich übersetzt “Widerstandsarmee des Herrn” – des Kriegsverbrechers Joseph Kony ihr Unwesen.
Der wird vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gesucht.

Francois Soudan
Auf den beziehen sich doch die großen Ängste der Franzosen aber auch der Staatschefs von Kamerun, der Demokratischen Republik Kongo, und von Tschad, die fürchten, dass Zentralafrika zu einer Operationsbasis der Dschihadisten werden könnte, von Leuten, die in dieser Region das
“Boko Haram” einführen wollen. Das Wort aus einer Stammessprache bedeutet “westliche Bildung ist Sünde”. Das wäre dann die Destabilisierung einer ganzen Region. Und dann hat Frankreich dort seine wirtschaftlichen Interesse. Aus Zentralafrika holt der Konzern AREVA Uran. Man muss sich wohl auf eine lange und teure Intervention einrichten.

euronews
Da taucht doch schlimmer noch als in Mali wieder das Gespenst des “Francafrique” auf, Frankreich sieht sich verpflichtet, als Gendarm in seinen ehemaligen Kolonien zu agieren!

Francois Soudan
Es gibt gute Gründe, weshalb Frankreich sehr vorsichtig vorgehen muss. Man hat Präsident François Hollande in der Hauptstadt Bangui gesehen, wo er einfach so herumspazierte, ohne die Übergangregierung.um Erlaubnis zu fragen. Normalerweise ein Unding in einem unabhängigen Staat. Man hat Bilder von der französischen Armee gesehen, die in der Falle zu stecken scheint. Es wird der Anschein erweckt, als solle sie die dortige christliche Gemeinschaft schützen. Fallen solcher Art muss Frankreich unbedingt vermeiden. Die jetzt genannten Kriegsbegründe könnten sehr schnell verschwinden.