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Katholische Kirche: Missbrauchsopfer in Frankreich klagen an

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Katholische Kirche: Missbrauchsopfer in Frankreich klagen an

Katholische Kirche: Missbrauchsopfer in Frankreich klagen an
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Das Schweigen brechen: Dafür kämpfen in Frankreich die Opfer eines pädophilen Priesters. Die einstigen Pfadfinder wollen, dass die katholische Kirche Verantwortung übernimmt.

Dutzende Missbrauchsfälle

Bertrand und Pierre-Emmanuel haben sich erst vor Kurzem kennengelernt. Während ihrer Kindheit wurden sie beide, wie Dutzende andere Kinder von einem Priester missbraucht. Was hier, hinter diesen Mauern einer Kirche in der Nähe von Lyon, geschah, verfolgt sie bis heute. “Der Priester, der im oberen Stock Gottesdienste abhielt, hat unglaublich viele Kinder missbraucht, Dutzende,” so Bertrand.

Warum wurde nicht dafür gesorgt, dass dieser Priester nie mehr Kontakt zu Kindern hat?

Pierre-Emmanuel erinnert sich: “Mich hat es am meisten schockiert, als er versucht hat, mir einen Zungenkuss zu geben. Er hat mein Glied gestreichelt, ich konnte nichts dagegen machen. Ich wollte fliehen, aber zugleich hatte ich Angst, dass man mir nicht glauben würde.”
Auch Bertrand lässt die Vergangenheit nicht los: “Ich erinnere mich an Schweißgeruch und an den Kontakt mit seinen Kleidern. Ich erinnere mich an seine Hände, die mich unter meinem Hemd berührten. Er drückte mich ganz fest an sich.” Und Didier wurde ebenfalls Opfer des Priesters: “Er hielt mich fest, drückte sich an mich und rieb sich an mir. Ich erinnere mich noch gut daran, an das Gefühl seines Glieds, das er an mich drückte. Er sagte mir: ‘Sag mir, dass du mich liebst. Und dann sagte er mir, dass ich sein kleiner Junge sei. Das sei unser Geheimnis, und ich sollte nicht darüber reden.”

Dieses Geheimnis haben Dutzende Pfadfinder jahrelang mit sich herumgetragen. Sie waren zwischen acht und zwölf Jahre alt, als sich Pater Bernard Preynat an ihnen verging. Er war von 1970 bis 1991 für die Pfadfinder zuständig. Er war ein charismatischer, geachteter Mann, und die Eltern der Gemeinde vertrauten ihm, ohne zu zögern, ihre Kinder an. Auf die Frage, ob denn niemand etwas geahnt hat, antwortet ein Bewohner des Dorfes: “Natürlich gab es Menschen, die Bescheid wussten, aber niemand hat etwas gesagt. Denn dieser Priester hat eine unglaubliche Ausstrahlung. Ich bin mir sicher, dass manche Eltern ihren Kindern nicht glaubten und ihnen sagten: ‘Hör auf, Lügen zu erzählen. Das stimmt nicht.’”

Bertrand und Pierre-Emmanuel schauen sich in der Kirche und den Klassenräumen um. Die Erinnerungen kommen wieder hoch: “Es ist auch in diesem Raum passiert. Und auch ein oder zwei Mal im Zimmer nebenan, in der Ecke. Draußen war es oft laut, aber hier drinnen herrschte Stille, wie heute, es hallt noch wider,” so Bertrand.

Das Schweigen der Kirche

Unter dieser Stille hat Didier mehr als 30 Jahre lang gelitten. Er wurde im Alter zwischen acht und elf missbraucht. Wir treffen ihn bei Bertrand. Er hat im vergangenen Dezember mit anderen Opfern des Priesters Preynat den Verein La Parole Libérée gegründet. Mehrere von ihnen haben gegen den Pater Anzeige erstattet. Sie werfen ihm sexuellen Missbrauch an Minderjährigen vor.

Der Verein arbeitet mit einer Psychologin zusammen. Dutzende Opfer des Priesters, die sich bislang nicht getraut hatten, etwas zu sagen, haben sich gemeldet. François ein Mitbegründer des Vereins betont: “Wir haben das Schweigen gebrochen und Taten aufgedeckt, indem wir gesagt haben: ‘Das ist wirklich passiert. Das haben die Kinder durchgemacht.’ Wir wollen, dass diese Verbrechen anerkannt und nicht mehr heruntergespielt werden.”

Er zeigt uns den Brief, den seine Eltern 1991 per Einscheiben an die Diözese geschickt haben. Er hatte sich ihnen anvertraut und sie glaubten ihm. Die Folge: Pater Preynat gesteht die Taten und der damalige Erzbischof suspendiert ihn. Doch nur sechs Monate später wird er in ein anderes Dorf versetzt.

Er arbeitet unbehelligt 25 Jahre als Priester und ist weiterhin in Kontakt mit Kindern. Im Mai 2015 wird Preynat von dem derzeitigen Erzbischof, Kardinal Barbarin, aus dem Amt entfernt. Seine letzte Messe zelebriert er im August. Im Januar 2016 wird gegen Preynat Anklage erhoben. Er hat wie schon vor 25 Jahren alles gestanden und sogar von sich aus gesagt, dass er auch Kinder vergewaltigt habe.
Seitdem steht er unter gerichtlicher Aufsicht. Sein Anwalt Frédéric Doyez erklärt: “Es gab noch keine Verurteilung, aber daran ist nicht Pater Preynat schuld. Er hat, sobald er überführt wurde, gestanden. Dieser Mann lebt seit 25 Jahren mit dem, was er getan hat. Das Besondere an dem Fall ist, dass man ihm weiterhin vertraut hat, als ob nichts gewesen sei. Er wurde nur versetzt, damit das Ganze in Vergessenheit gerät.”

In den früheren Gemeinden des Priesters hat der Skandal manche Gläubige überrascht. Eine Frau, die gerade von der Sonntagsmesse kommt, meint: “Alles was ich ihnen sagen will, ist: ‘Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.’ Es ist natürlich ärgerlich, aber für uns war er ein guter Priester. Wir haben ihn sehr geliebt, und er fehlt uns. Unser Sohn war Messdiener, und er war sehr traurig, als der Priester gegangen ist.”

Der jetzige Pfarrer sagt: “Er mochte die Kinder und die Kinder mochten ihn. Der Katechismus lief gut. Niemals hätte ich gedacht, dass er mal so etwas gemacht hat. Er war mein Vorgesetzter, ich war Vikar. Er war mein Pfarrer. Es wäre ein wenig peinlich gewesen, wenn ich gewusst hätte, dass mein Pfarrer so etwas gemacht hat. Das wäre nicht erträglich gewesen. Es war besser, nichts davon zu wissen.”

Die Opfer klagen an

Die Opfer des Priesters wollen Gerechtigkeit. Sie wollen auch die katholische Kirche zur Rechenschaft ziehen. “Ich habe vor allem etwas gegen die Kirche, gegen all die Menschen, die davon wussten. Der damalige Bischof und der heutige. Alle Menschen, die nichts dagegen getan haben. Warum wurde nicht dafür gesorgt, dass dieser Priester nie mehr Kontakt zu Kindern hat? Das ist eine wichtige Frage, die man sich stellen muss,” so Didier.

Kardinal Barbarin hat behauptet, dass er erst 2014 vom Treiben des Priesters Preynat erfahren habe. Vor Kurzem räumte er in der französischen Presse ein, dass er schon 2007 davon wusste. Er betont, dass es sich um alte Fälle gehandelt habe, bei denen niemand Anklage erhoben habe und nichts habe darauf hingedeutet, dass Preynat rückfällig geworden sei.

Der Erzbischof von Lyon war nicht dazu bereit uns ein Interview zu geben. Man verweist uns an Régine Maire. Sie kümmert sich um den Fall Preynat und ist auch die offizielle Ansprechpartnerin der Opfer. Sie sagt: “Man kann das Schweigen, diese Omertà, bedauern. Die Kirche wurde geschützt, nicht die Kinder. So ist das halt.”

Eine Antwort mit der sich Preynats Opfer nicht abspeisen lassen wollen. Mehrere von ihnen wollen gegen den Erzbischof von Lyon und gegen Régine Maire Klage erheben. Sie werfen ihnen vor, Pädophiliefälle nicht gemeldet zu haben. “Der Kardinal Barbarin ist sich der Risiken bewusst. Man kann ihm Mitwisserschaft vorwerfen. Wenn er schuldig gesprochen wird, weil er gegen die Anzeigepflicht verstoßen hat, dann droht ihm Gefängis. Er weiß das. Er ist sich dessen bewusst. Und ja, er ist durchaus dazu bereit, zurückzutreten, falls das nötig sein sollte. Es geht schließlich um die Glaubwürdigkeit der Kirche,” so Régine Maire.

Die Mitglieder des Vereins Parole Liberée fordern Antworten von der Kirche. Ihre Klagen könnten auch Verantwortliche im Vatikan betreffen. Der Vatikan hat erneut bestätigt, dass alle Erzbischöfe Fälle von Pädophilie der Justiz melden müssen. Demnächst beginnt der Prozess gegen Preynat.

Bei vielen Opfern liegen die Taten zu weit zurück. Sie können nicht mehr Anklage erheben. Pierre Emmanuel konnte noch rechtliche Schritte einleiten. Aber er will mehr als eine Verurteilung, er will ein Ende des Schweigens: “Für mich ist es schon ein Sieg, dass ich überhaupt Anklage erheben konnte. Er hat gestanden und jetzt können Schritte gegen die religiösen Institutionen unternommen werden, damit all das, was 25 Jahre lang versteckt wurde, ans Licht kommt. Ich finde das sehr schlimm und unser Ziel ist es, aufzuklären und alles endlich ans Licht zu bringen.”