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Papst erinnert an die Grundwerte Europas

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Papst erinnert an die Grundwerte Europas

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In einer europapolitischen Rede hat Papst Franziskus in Straßburg an die Grundwerte des Kontinents erinnert. Der Besuch des Oberhaupts der katholischen Kirche galt ausschließlich dem Europaparlament und dem Europarat. Auf dem Programm stand weder eine Messe noch ein Mittagessen. “Die großen Ideale, die Europa einst inspirierten, scheinen ihre Attraktivität verloren zu haben”, so Franziskus in seiner Rede vor dem Europaparlament. “An ihre Stelle sind bürokratische Einzelheiten getreten.” Der Papst rief die Abgeordneten dazu auf, sich dafür einzusetzen, dass Arbeit und Würde wieder eine Einheit bildeten: “Es müssen neue Wege gefunden werden, um die Flexibilität des Marktes mit der Stabilität und der Sicherheit einer Arbeitsstelle zu verbinden, die für die menschliche Entwicklung der Arbeitenden notwendig sind.” Auch mahnte das Oberhaupt der katholischen Kirche eine gemeinsame Politik Europas für die Rettung von Flüchtlingen an:
“Es darf nicht hingenommen werden, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof wird. Mit Booten landen täglich Männer und Frauen an den Küsten Europas, die der Hilfe und der Gastfreundschaft bedürfen.” “Nach der Rede vor dem Europaparlament setzte der Papst sein Programm mit einem Besuch des Europarats fest”, erläutert unser Korrespondent Sandor Zsiros. Bei seiner Rede vor den Vertretern der 47 Mitgliedsländer stellte der Papst die Wahrung des Friedens in den Mittelpunkt.

Wir luden Anne Morelli ein, die Rede des Papstes zu analysieren. Frau Morelli befasst sich an der Freien Universität in Brüssel mit Religion und Laizismus.

euronews:
“Was hat Sie an der Rede des Papstes überrascht?”

Anne Morelli:
“Nun, im Grunde genommen gar nichts. Auf diskrete Weise war darin das gewöhnliche Plädoyer gegen Abtreibung, gegen Euthanasie enthalten. Darüber hinaus Freundlichkeiten wie: Dass Migranten willkommen geheißen und alte Menschen vor der Einsamkeit geschützt werden müssen.”

euronews:
“Es gab jedoch auch einen starken Appell für eine sozialere Wirtschaft…

Anne Morelli:
“Natürlich, es handelt sich um freundliche Aufrufe, doch werden sie Folgen haben? Er wandte sich an die Vertreter mehrerer Regierungen. Doch werden diese morgen schon irgendetwas an ihrer Politik ändern? Werden sie das wirtschaftliche Gleichgewicht verändern? Werden sie das geplante transatlantische Handelsabkommen ablehnen, das der Wirtschaft viel zu viel Macht verleiht? Ich glaube, nein.”

euronews:
“Ist es problematisch, einen Papst ins Europaparlament einzuladen?”

Anne Morelli:
“Ich denke, dass es eine Frage des Prinzips ist. Alle Bürger Europas sollten vom Europaparlament vertreten sein, unabhängig davon, welchem Glauben sie anhängen oder ob sie gläubig sind. Es gibt vermutlich eine Mehrheit europäischer Bürger, die nicht katholisch ist.”

euronews:
“Sie sind der Ansicht, dass man der katholischen Kirche zu viel Bedeutung zugemessen hat. Doch auch religiöse Führer wie der Dalai Lama sind vor dem Europaparlament aufgetreten.”

Anne Morelli:
“Es bleibt immer doppeldeutig: Lädt man den Papst als Staatschef ein, wie einige sagen? Dann geht es jedoch um einen Mini-Staat, dann müsste der Papst nicht anders empfangen werden als der Fürst von Liechtenstein, der Fürst von Andorra oder der Fürst von Monaco, was aber nicht der Fall ist. Wird er in seiner Eigenschaft als kirchliches Oberhaupt eingeladen, müsste man auch die höchsten Vertreter der anglikanischen, lutheranischen oder der orthodoxen Kirche einladen, was jedoch so nicht stattfindet.”

euronews:
“Handelt es sich um einen Papst, der auch bei den Nicht-Katholiken Gehör gefunden hat?”

Anne Morelli:
“Die katholische Kirche hofft natürlich zeigen zu können, dass sie eine Führung hat, die für alle Europaparlamentarier als moralische Führung gelten kann.”

euronews:
“Was ist an diesem Papst verglichen mit seinen Vorgängern Benedikt und Johannes Paul anders?”

Anne Morelli:
“Er hat die unbequemen Dinge vermieden. Er hat nicht Stellung gegen die Laizität Europas bezogen, auch hat er Themen vermieden, von denen in der Synode die Rede war und für die es keine Mehrheit gab. Dazu gehört die Frage der Homosexualität oder das Recht der Eheschließung nach einer Scheidung. Seine Vorgänger hätten mit Sicherheit der Abtreibungs- oder der Euthanasie-Frage mehr Bedeutung geschenkt.”

euronews:
“War es also eine politische Rede?”

Anne Morelli:
“Es ging natürlich darum, den Abgeordneten Verhaltensregeln zu vermitteln, die der Sicht entsprechen, die der Vatikan auf die Politik hat.”