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Britische Rechtsextreme dümpeln dahin - doch ihr Gedankengut wird Mainstream

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Britische Rechtsextreme dümpeln dahin - doch ihr Gedankengut wird Mainstream

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In Großbritannien geht es rechtsextremen Gruppierungen so schlecht wie seit 20 Jahren nicht. Zu diesem Ergebnis kommt die antifaschistische Zeitschrift HOPE not hate in ihrem ersten Bericht des Jahres 2015.

Nick Lowles und Matthew Collins, die Autoren der Studie “The State of Hate 2014” stellen fest, dass sich die rechtsextremen Parteien auch selbst behindern und organisatorisches Chaos verursachen.

Die “British National Party” (BNP) hat die beiden Sitze im Europaparlament verloren, die sie seit 2009 hatte, darunter das Mandat des damaligen BNP-Vorsitzenden Nick Griffin. 2014 kam die BNP nur noch auf 1.14% statt der 6% bei der Europawahl 2009 (Angaben der BBC).

Im vergangenen Juli trat Griffin als Parteichef zurück, im Oktober 2014 wurde er sogar aus der Partei ausgeschlossen. Und persönlich pleite ging Griffin auch.

Die sogenannte “National Front” ist in zwei Gruppen im Süden und im Norden des Landes gespalten und wurde wegen Problemen mit der Justiz erst gar nicht von der Wahlkommission zugelassen.

Auch die Führungsfiguren der “English Defense League”, die als sogenannte “Anti-Dschihadisten” mit der Georgskreuz-Fahne auftritt, zerfleischen sich selbst.

Die Studie von Nick Lowles und Matthew Collins verweist auf schwindende Beteiligung an den Märschen und dadurch geringeres Interesse der Medien sowie auf den Rückzug von Parteichef Stephen Lennon, alias Tommy Robinson, im Oktober 2013.

Viele frühere Anhänger der BNP sind heute in den Rängen der UKIP von Nigel Farage zu finden und fühlen sich dort gut aufgehoben. Doch es wäre zu einfach, den Bedeutungsverlust der Rechtsextremen nur dem Erfolg der UKIP zuzuschreiben, meinen die Autoren von HOPE not hate – zumal der Niedergang der BNP beispielsweise vor den Erfolgen von UKIP angefangen hatte.

Rechtsextreme Ideen sind jetzt Mainstream

“Die gute Nachricht in Großbritannien ist, dass die rechtsextremen Gruppierungen so tief gefallen sind, doch einige ihrer Ideen sind jetzt Mainstream,” erklärt der Journalist and Autor Daniel Trilling euronews per E-Mail.

Auf den steigenden Zuspruch für UKIP haben die etablierten Parteien mit immer härteren Positionen zur Einwanderung geantwortet.

UKIP, die Anti-EU und Anti-immigration-Party, angeführt vom Europaabgeordneten Nigel Farage, kam bei der Europawahl 2014 auf 26.6% und hat jetzt 24 Sitze – mehr als jede andere britische Partei.

Farage, der häufig im Fernsehen auftritt, will jetzt ins britische Parlament einziehen.
“Das Schicksal der rechtsextremen Bewegungen in Europa ist von Land zu Land unterschiedlich je nach ihrer Fähigkeit, sich zu organisieren, und je nach den politischen Gegenheiten,” sagt Trilling, der ein Buch über die Geschicht der BNP und der “English Defense League” geschrieben hat mit dem Titel ‘Bloody Nasty People: The Rise of Britain’s Far Right’.

Trilling meint auch, dass in ganz Europa sowie in Großbritannien die Unzufriedenheit der Bürger wächst. Viele haben das Gefühl, dass die politischen Systeme nicht in ihrem Sinn handeln. Verstärkt wird dieses Phänomen durch die Finanzkrise. Und Trilling sagt auch, dass in Ermangelung fortschrittlicher Alternativen, einige Leute überzeugt werden können, Einwanderer und andere Minderheiten für die Krise verantwortlich zu machen. Das wahre Gegenmittel gegen die Rechtsextremen kann laut Trilling nur von einer Gruppe kommen, der es gelingt, den einfachen Menschen Hoffnung zu vermitteln und den Eindruck, die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen.

Kein Ende des Antisemitismus

Gleichzeitig zeigt eine neue Umfrage, dass Antisemitismus in Großbritannien weiter verbreitet ist.
In der Umfrage stimmten 45% der Befragten mindestens einer antisemitischen Aussage zu. Etwa 25% glauben, dass “Juden mehr Geld nachjagen als andere britsche Bürger” . Einer von sechs Briten meint, “Juden glauben, dass sie besser sind als andere Leute” oder dass Juden zuviel Macht in den Medien haben.
Viele der befragten etwa 260.000 in Großbritannien lebenden Juden fühlen sich nicht in Sicherheit. Mehr die Hälfte von ihnen hat in den vergangenen zwei Jahren mehr Antisemitismus als jemals zuvor erlebt. 45 Prozent geben an, dass ihre Familie von extremem Islamismus bedroht fühlt.

Gideon Falter, der eine Kampagne gegen Antisemitismus leitet, meint, dass Antisemitismus in Großbritannien noch nicht das Niveau von anderswo in Europa erreicht hat, und er sieht die Umfrage als einen Weckruf.

Gideon Falter erklärt: “Großbritannien steht an einem Wendepuntk: Wenn auf Antisemitismus nicht mit Null Toleranz reagiert wird, wird dieser ansteigen und mehr und mehr britischen Juden werden ihre Rolle in der Gesellschaft in Frage stellen.”
Einer Umfragen zufolge meinen bereits 60 Prozent der befragten britischen Juden, sie hätten vermutlich keine Zukunft in Europa und 25 Prozent haben in den vergangenen beiden Jahren darüber nachgedacht, Europa zu verlassen.