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Deutsche Spuren im Kaukasus

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Deutsche Spuren im Kaukasus

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Wer deutsche Spuren im Ausland sucht, muss genau hinsehen. Die Versuche Deutschlands, ein Kolonialreich aufzubauen, waren nicht besonders erfolgreich. Wer nach Spuren deutscher Kultur sucht, der muss schon genau hinschauen. Aber es gibt sie: in Brasilien, in Paraguay und in Aserbaidschan.

Wer sucht, der findet beispielsweise den Ort Göygöl im Westen Aserbaidschans. Er wurde 1819 von deutschen Einwanderern unter dem Namen Helenendorf gegründet. Es war die erste deutsche Siedlung in Aserbaidschan.

“Die Deutschen kamen Anfang des 19. Jahrhunderts aus Württemberg hier her, weil sie arm waren”, sagt Shergiyye Humbatova vom Tourismusbehörde Göygöl. “Sie lebten unter schlechten Bedingungen. Es hatte immer wieder Krieg gegeben und es gab wenig Arbeit. Außerdem wollte die russische Regierung hier mehr Christen ansiedeln.”

Die ersten deutschen Siedler waren 1818 in den Ort Elisabethpol, das heutige Ganja, gekommen. Rund 120 der 200 neu angekommenen Familien gründeten daraufhin Helenendorf. Ein Jahrhundert später lebten schon 6.000 Deutsche in der Region, verteilt auf acht Kolonien.

Heute sind die Deutschen verschwunden. 2007 ist der Letzte von ihnen im Alter von 72 Jahren gestorben: Victor Klein. Sein Freund Fikret Ismayilov, ein alter Herr mit weißem Schnurrbart und schwarzem Anzug, führt durch das Haus, das Kleins Vater gebaut hat und in dem bald ein Museum entstehen soll.

Zwei Herde in der Küche

“Alles sieht noch so aus wie früher”, sagt Ismayilov. Und tatsächlich wirkt das Haus wie aus einer anderen Zeit. Ein altes Radio, auf dem schwarzen Piano liegt noch ein Notenblatt, alte Fotos. Die letzten Überbleibsel einer deutschen Kultur, die in der Vergangenheit stehengeblieben ist.

Obwohl die Siedler ihre deutsche ihre kulturellen Eigenheiten mitbrachten, integrierte sich der Radiotechniker Victor Klein gut. Er sprach Deutsch, Russisch und Aserbaidschan-Türkisch. Und er nutzte die Hilfsmittel, die ihm zur Verfügung standen. Egal, aus welcher Nation sie stammten: “In der Küche stehen ein deutscher und ein sowjetischer Ofen”, erzählt Ismayilov und führt zu den beiden rostigen Herden. Dann fügt er hinzu: “Der deutsche ist aber besser.”

Ismayilov und Klein hatten sich 1951 kennengelernt. In einem Jugendlager sei das gewesen, erzählt Ismayilov: “Von da an waren wir Freunde bis zu seinem Tod. Wir haben uns immer besucht. Ja, wir standen uns sehr nahe.”

Kleins Familie darf bleiben

Im Juni 1941 griff Nazideutschland die Sowjetunion an. Aserbaidschan war damals sowjetisch. Vier Monate später begannen die Sowjets, 200.000 Deutsche zu deportieren.

Alleine aus Aserbaidschan, das damals Sowjetrepublik war, brachten sie 22.000 zum Arbeitsdienst nach Zentralasien und Sibiren. Aber Kleins Familie durfte bleiben, obwohl seine Mutter aus Deutschland stammte.

“Sein Vater war ein Arzt aus Polen”, sagt Ismayilov. “Er war Mitglied der kommunistischen Partei. Und es gab eine Entscheidung, dass Paare gemischter Herkunft nicht deportiert werden. Deshalb durfte er bleiben.”

Ismayilov öffnet eine Klappe im Boden des Hauses. Im düsteren Keller stehen verstaubte Flaschen und Holzfässer. Klein baute Wein an, wie viele andere auch. Das war eine Leidenschaft der Deutschen in Helenendorf. Hier haben sie 1860 das erste Weingut Aserbaidschans errichtet. Obwohl die Deutschen heute weg sind, hat sich die Weinbautradition in Göygöl erhalten.

Wein und Cognac für die Sowjets

Die Weinbauern Fohrer und Hummel waren weithin bekannt. Ende des 19. Jahrhunderts produzierten sie mehr als die Hälfte des Weins in der Region. Das Unternehmen gibt es noch heute.

“Die Fabrik hat ihre Arbeit während der Sowjetzeit nicht eingestellt”, erzählt Rasim Omarov, Produktionsleiter des Weinguts Göygöl. Er führt vorbei an Fässern, die sich meterlang in einem Kellergewölbe stapeln. “Sie haben Cognac und Brände produziert, die in Russland und im europäischen Ausland verkauft wurden.”

In Göygöl ist nicht nur der Wein ein Vermächtnis der Deutschen. Auch der Ort selbst zeigt Zeichen deutscher Baukunst und Stadtplanung.

Kerzengerade Straßen

Die Johanneskirche war die erste lutheranische Kirche Aserbaischans. Über 300 deutsche Häuser stehen in Göygöl noch. Die geraden Straßen durch den Ort sind ein Zeichen typisch deutscher Gründlichkeit und Ordnung. Früher hätten sich die Straßen wild durch die Orte geschlängelt, erzählt Fikret Ismayilov, der selber einmal Architekt war. “Die geraden Straßen waren ein großer Fortschritt. Wir haben von ihnen gelernt und sie haben von uns gelernt.”

So ist die deutsche Kultur zu einem kleinen Teil der aserbaidschanischen Kultur geworden.