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Whistleblower: Der hohe Preis der Wahrheit

Politik-, Finanz- und Gesundsheitsskandale kommen oft durch Whistleblower ans Licht. Manche von ihnen sind bekannt, andere nicht. Aber sie alle zahlen einen hohen Preis.

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Whistleblower: Der hohe Preis der Wahrheit

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Politik-, Finanz- und Gesundsheitsskandale kommen oft durch Whistleblower ans Licht. Manche von ihnen sind bekannt, andere nicht. Aber sie alle zahlen einen hohen Preis.

Meinung

Alles geht den Bach runter: Die Karriere, die Gesundheit, das Geld und die Familie. Warum muss man so sehr leiden und warum wird man so ausgegrenzt, nur weil man die Wahrheit gesagt hat?

“Es wird alles getan, um einen fertig zu machen”

“Die Frau, die zuviel wusste”: Die Französin Stéphanie Gibaud hat sich mit der Schweizer Bank UBS angelegt. Sie arbeitete früher als Marketingspezialistin für die französische Tochter der Großbank. Sie enthüllte, wie Bankberater aus der Schweizer UBS-Zentrale französischen Kunden dabei geholfen haben sollen, Steuern zu hinterziehen.

Sie hat vor Kurzem ein Buch über die Affäre geschrieben. UBS verklagt sie wegen Verleumdung. Für Stéphanie Gibaud ist es bereits der dritte Prozess gegen ihren früheren Arbeitgeber: “UBS hat mich 2010 wegen Verleumdung verklagt. Denn ich hatte es gewagt, Fragen zu stellen, zur illegalen Anwerbung von Kunden und zu Steuerbetrug. Ich fand mich vor Gericht wieder und wurde natürlich freigesprochen. Dann habe ich UBS wegen Mobbing verklagt. Diesen Prozess vor dem Arbeitsgericht habe ich auch gewonnen. Und in beiden Fällen gab es keine Berufung.”

Die französische Justiz hat Verfahren gegen UBS Schweiz und ihre französische Tochtergesellschaft eingeleitet. Es geht um Vorwürfe wie Geldwäsche, Steuerhinterziehung und Beihilfe zum Betrug. Die Ermittler gehen davon aus, dass UBS mehr als zwölf Milliarden Euro auf Offshorekonten vor dem französischen Fiskus versteckt hat.

Und der früheren Mitarbeiterin macht die Bank das Leben schwer: “Ich werde gezielt von einer ganzen Bande gemobbt, das ist “Gang Stalking”. Es wird alles getan, um einen fertig zu machen. Sie warten nur darauf, dass ich zusammenbreche. Denn ich bin ja nur ein Krümel im Vergleich zu diesem ungeheuer mächtigen multinationalen Konzern. Diese Unternehmen, für die einzig das Geld zählt, kommen ungestraft davon,” so Stéphanie Gibaud.

Die Französin ist eine Whistleblowerin. 2008 nahm alles seinen Anfang. Bei der UBS Filiale in Paris gibt es eine Hausdurchsuchung. Gibauds Chefin befiehlt ihr, Dateien von Kunden und Kundenberatern zu löschen. Sie weigert sich und versteht, was vor sich geht. Bei den Luxusevents, die sie organisierte, haben in Wahrheit UBS-Mitarbeiter aus der Schweiz wohlhabende Franzosen davon überzeugt, heimliche Konten in der Schweiz zu eröffnen. Der Steuerbetrug wurde über eine doppelte Buchführung verschleiert. Sie erklärt: “Ich habe mich in die Höhle des Löwen begeben. Ich bin zum Leiter der Rechtsabteilung, zum Direktor und zur Personalleiterin gegangen. Ab dem Moment, an dem ich Nein gesagt habe, hat sich alles gegen mich gewendet.”

Sie wird isoliert, gemobbt und schließlich 2012 gefeuert. Bei ihrem Prozess gegen UBS werden ihr 30.000 Euro Entschädigung zugesprochen, doch das Geld reicht gerade mal aus, um den Anwalt zu bezahlen. Heute ist sie arbeitslos und bekommt Sozialhilfe. Mit ihrem jüngsten Sohn wohnt sie in einer Wohnung in Paris. Für wie lange noch ist ungewiss. Sie hat große Probleme, für die Miete aufzukommen. Stéphanie Gibaud klagt: “Alle wenden sich von einem ab. Ich habe mehr als 1000 Bewerbungen verschickt. Die einzige Antwort, die ich je bekommen habe, war: “Madame, Sie machen uns Angst.” Alles geht den Bach runter: Die Karriere, die Gesundheit, das Geld und die Familie. Warum muss man so sehr leiden und warum wird man so ausgegrenzt, nur weil man die Wahrheit gesagt und sich für das Gemeinwohl eingesetzt hat?”

“Menschen leiden und sterben, weil nicht auf Whistleblower gehört wird”

Eileen Chubb kämpft seit mehr als 15 Jahren in Großbritannien für das Gemeinwohl. Es ist eines der wenigen Länder, in dem es ein Gesetz gibt, das die Whistleblower schützt. Doch Eileen Chubb und tausende andere fordern eine Verschärfung. Sie kritisieren, dass die Täter immer noch einfach davonkommen.

Sie hat auch alles verloren, als sie mit anderen Kollegen die Misstände in dem Altenheim anprangerte, in dem sie arbeitete. Das Heim wurde von dem internationalen Gesundheitsunternehmen Bupa geführt. Sie erzählt: “Menschen wurden tagelang in ihren eigenen Exkrementen liegen gelassen, bis zu 18 Stunden lang, bis sie keine Haut mehr hatten. Manche lagen bis auf die Knochen wund. Menschen wurde absichtlich keine Nahrung und kein Wasser gegeben. Und manchen gab man keine Schmerzmittel. Andere wurden mit Neuroleptika betäubt, die ihnen gar nicht verschrieben waren. Die Medikamente der Toten wurden aufbewahrt und so verwendet. Menschen wurden angespuckt, getreten und angeschrien. Ihnen wurden ihr Geld und ihr Schmuck gestohlen. Diese Menschen wurden auf jede nur erdenkliche Art verletzt. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.”

Als sie das vor 15 Jahren öffentlich machte, wurde sie gefeuert. Seitdem hat Eileen Chubb keine Stelle mehr gefunden.
Damals bot Bupa ihr eine Abfindung an. Doch sie wollte Gerechtigkeit. Sie wurde enttäuscht. Es gab nur ein paar Festnahmen, ihr früherer Arbeitgeber wurde nie veurteilt.

Sie gründete eine Nichtregierungsorganisation, um anderen Whistleblowern zu helfen und, um auf die Misstände im britischen Gesundheitssektor aufmerksam zu machen. Eileen Chubb fordert ein neues Gesetz zum Schutz von Whistleblowern. Schätzungen zufolge schweigen 75 Prozent der europäischen Angestellten, die Zeuge von illegalen Machenschaften oder Unrecht werden. Sie betont: “Es geht nicht nur um die Whistleblower, sondern auch um die Opfer dieses Schweigens. Menschen leiden und sterben, weil nicht auf Whistleblower gehört wird. Wir bekämpfen das Schweigen. Wenn wir die Whistleblower mit einem richtigen Gesetz schützen können und allen klarmachen, dass das Schweigen Opfer fordert, dann können wir etwas ändern, dann können wir einen Wandel bewirken.”

“Ich habe die Probleme gemeldet und mir damit viele Feinde gemacht”

In der Schweiz kämpft Yasmine Motarjemi. Sie hat den Konzern Nestlé wegen Mobbing verklagt. Sie arbeitete einst für das Unternehmen und war verantwortlich für die Lebensmittelsicherheit.

Die Expertin der Weltgesundheitsorganisation (WHO) akzeptiert im Jahr 2000 den Posten bei Nestlé. Sie stellt schnell viele Fehler bei der Lebensmittelherstellung fest. Mangelnde Hygiene in den Fabriken, falsche Dosierung bei Babypulver, verseuchte Rohstoffe, ungenügende Etikettierung der Produkte usw. Sie erzählt, dass es viele Missstände gab. Sie ist besorgt, meldet die Probleme jedes Mal, aber das Unternehmen reagiert in vielen Fällen nur langsam, nach mehreren Monaten.

“Ich habe die Probleme gemeldet und mir damit viele Feinde gemacht. Einer davon wurde mein Chef. Er hat angefangen, mich zu mobben. Ich wurde gemobbt und mir wurde das Gefühl vermittelt, schuldig zu sein. Ich habe nicht verstanden, was vor sich ging. Von heute auf morgen wurde mein Arbeit nicht mehr geschätzt. Ich war plötzlich unsichtbar, ich existierte nicht mehr. Dieses Gefühl ist so schmerzhaft, dass man nicht mehr leben will,” so Yasmine Motarjemi.

Sie wird ins Abseits gedrängt und darf kein Team mehr leiten. Nach vier Jahren Mobbings wird sie entlassen. Yasmine Motarjemi leidet bis heute an einer schweren Depression. Sie will sich aber nicht unterkriegen lassen. Sie fordert von Nestlé eine finanzielle Entschädigung und will, dass die Verantwortlichen der Missstände verurteilt werden.

Im Dezember hat der Prozess begonnen. Sie sagt: “Es gibt viele Menschen, die sich mit dem Konzern geeinigt haben. Sie gehen zu etwas anderem über und leben ihr Leben weiter. Ich kann das verstehen, denn manchmal haben sie keine andere Möglichkeit. Sie sind gezwungen eine Einigung zu akzeptieren, weil sie keine Mittel haben oder weil ihnen die Kompetenz oder die Beweise fehlen. Denn man braucht Beweise. Ich habe den Willen und die Beweise. Ich habe den Willen, die Beweise und bin dazu fähig. Es nicht zu machen, wäre ein Verbrechen.”