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Mein Avatar: Hilfe für Schizophrenie-Patienten?


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Mein Avatar: Hilfe für Schizophrenie-Patienten?

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In einer psychiatrischen Klinik in Montpellier in Südfrankreich werden um die vierzig Avatare, virtuelle Kunstfiguren, klinisch getestet. Die Forscher wollen herausfinden, ob und wie die virtuelle Realität genutzt werden kann, um die soziale Eingliederung von Patienten mit psychischen Störungen wie Schizophrenie oder Autismus zu fördern.

Mehdi Hafis war 23, als bei ihm Schizophrenie festgestellt wurde und sein Leben sich schlagartig änderte. Er hatte in einem Restaurant gearbeitet, musste dort aber aufhören und starke Medikamente mit Nebenwirkungen nehmen. Vier Jahre lebt er jetzt damit: “Ich dachte immer, dass Schizophrenie gespaltene Persönlichkeit bedeutet. Aber dann erfuhr ich, dass es weit mehr ist. Jeder Patient hat andere Symptome. Einige hören innere Stimmen, andere haben Halluzinationen. Andere, wie ich, sind paranoid. Ich hab anfangs ziemliche Angst bekommen, weil mir klar wurde, dass mein Leben sich langfristig ändert. Dass ich nicht mehr das tun kann, was alle anderen machen können.”

Er ist einer von vierzig Patienten, die freiwillig am europäischen Forschungsprojekt AlterEgo teilnehmen. Dieses soll die Therapie bei Patienten mit Verhaltensstörungen und psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie, Autismus oder manischen Ängsten verbessern. Hauptwerkzeug ist dabei ein Avatar, ein virtuelles Alter Ego des Patienten selbst: “Wir schaffen hier Avatare, die den Patienten von der Gestalt her sehr ähnlich sind, aber auch in den Bewegungen und Verhaltensweisen. Dafür nutzen wir Sensoren, die die Bewegungen der Patienten registrieren. Auf diese Weise erhalten wir individuelle Bewegungsmuster für jeden Patienten, die dann für dessen Avatar angewendet werden”, erklärt Verhaltensforscher Robin Salesse von der Universität Montpellier.

Der Ansatz basiert auf der Ähnlichkeitstheorie oder Theorie der Gleichartigkeit aus den Neurowissenschaften. Demnach ist es leichter, zu kommunizieren und sozial zu interagieren mit jemandem, der einem ähnlich sieht: Die Aufmerksamkeit steigt in dem Fall. Psychiaterin Delphine Capdevielle: “Wenn ein Avatar mir ähnelt, wenn er sich so bewegt wie ich, werde ich viel besser behalten, was er mir sagt, und so wird die Therapie vielleicht wirkungsvoller sein.”

Über vierzig Kameras vermessen die Bewegungen des Patienten. Mit Körperscannern, Bewegungsanalysen und komplexen mathematischen Modellen versuchen die Forscher, ein möglichst realistisches Abbild zu schaffen. Sie wollen die Technologie so weiterentwickeln, dass sie verlässlich und wirksam ist und unkompliziert zu nutzen. Projektkoordinator Benoît Bardy: “Die kleine Kamera-Architektur kann man heute schon von unserer Webseite herunterladen. Dann kann sie auf verschiedenen Plattformen genutzt werden: Zum Beispiel mit der kleinen Webkamera auf unserem Smartphone, auf dem Computer, im Home Cinema – ohne dass man dafür ins Krankenhaus gehen muss.”

Den Patienten sollen keine zusätzlichen Kosten entstehen, betont Delphine Capdevielle: “Unsere Patienten haben nicht sehr viel Geld. Deshalb ist für uns die große Frage , wie jeder die Methode kostenlos nutzen oder dies von der Krankenkasse erstattet bekommen kann. Damit wir nicht noch mehr Ungleichheiten bei Patienten schaffen, die sowieso schon unter vielen Ungleichheiten leiden.”

Mehr Informationen beim deutschen Projektpartner DFKI

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