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Merkel und Obama über Scheitern und langen Atem


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Merkel und Obama über Scheitern und langen Atem

Angela Merkels Dilemma zwischen Mitgefühl mit Flüchtlingen und Realpolitik, Barack Obamas Verteidigung von Drohneneinsätzen im Kampf gegen Terroristen – trotz des Risikos, dass sie auch Unbeteiligte treffen können – die deutsche Bundeskanzlerin und der ehemalige US-Präsident sprachen bei einer Diskussionsrunde auf dem Evangelischen Kirchentag in Berlin von ihrem öffentlichen Amt, von Momenten des Scheitern und dem langen Atem.

Barack Obama, ehemaliger US-Präsident:

“Die Welt ist komplizert – wenn man nur die fürchterliche Gewalt ansieht, die gerade in Manchester passiert ist. Wir konnten den Leuten dort eine Nachricht schicken – wie sehr uns das nahegeht, der Verlust an Menschenleben und dass wir mit den Familien trauern”, so Obama bei einem seiner ersten Auftritte vor einer größeren Öffentlichkeit seit dem Ende seiner Amtszeit im Januar.

“Ich bin sehr stolz auf meine Arbeit als Präsident. Wenn man ins öffentliche Leben einsteigt, muss man klar sehen, dass man nie 100 Prozent von dem erreicht, was man will. Da geht es um Menschen. Und Menschen machen Fehler. Man arbeitet mit Anderen, die die gleichen Werte und Visionen teilen, um die Welt besser zu machen – immer in dem Bewusstsein, dass das nie perfekt wird.”

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— Roman Mueller (@bildungsrebell) 25 mai 2017

Obama ist Jahrgang 1961, für das ostdeutsche Kind Angela ein besonderes Datum.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel:

“Ich kam in die Schule, da wurde die Mauer gebaut. Meine Eltern waren an dem Tag so schockiert, unser ganzes Leben hatte sich geändert… Und viele sind jahrzehntelang verlacht worden, wenn sie gesagt haben, ‘die deutsche Einheit kommt eines Tages’ – und sie ist gekommen. Und jetzt dürfen wir nicht immer nur in Monaten denken, wir müssen in Jahren denken. Ich hatte schon meine Pläne gemacht, wie ich nach dem Eintritt ins
Rentenalter endlich nach Amerika reise. Es ist früher passiert.”

PODIUMSDISKUSSION

Bei einer Podiumsdiskussion vor Zehntausenden Zuhörern am Brandenburger Tor zum Thema “Engagiert Demokratie gestalten” verteidigte Merkel rasche Abschiebungen abgelehnter Asylbewerber nach Afghanistan: “Ich weiß, dass ich mich damit nicht beliebt mache”, aber solche Migranten sollten gar nicht erst in Gemeinden und zu den ehrenamtlichen Helfern geschickt werden.

ASYLPOLITIK

“Wir versuchen, sachgerechte Lösungen finden.” Die deutsche Asylpolitik müsse sich auf diejenigen Menschen in der Welt konzentrieren, die dringend Hilfe brauchten, und davon gebe es immer noch genug.

Obama pflichtete Merkel bei: Als Staats- oder Regierungschef gelte es, “Barmherzigkeit” gegenüber Flüchtlingen zu zeigen, aber es gebe auch eine Verpflichtung gegenüber der eigenen Bevölkerung. “Das ist nicht immer einfach”. Gleichzeitig rief er dazu auf, sich massiv gegen Fremdenhass, Nationalismus und antidemokratische Strömungen auf der Welt einzusetzen. Es sei das Wichtigste, sich hinter die Werte zu stellen, die “uns am wichtigsten sind” und sich gegen jene zu stellen, die diese Werte zurückdrängten. “Ich denke, das ist eine wichtige Schlacht, die wir austragen müssen.”

“ES HÄNGT ALLES VON JUNGEN MENSCHEN AB”

“Es hängt alles von jungen Menschen ab”, so Obama, “und deshalb möchte ich auch mein Wissen weitergeben”. Er hoffe, junge Menschen dazu motivieren zu können, Führungsaufgaben zu übernehmen und sich den Herausforderungen der Welt zu stellen. Sie hätten heute Zugang zu Informationen und Chancen, die undenkbar gewesen seien, als er und Merkel geboren worden seien. Für Konfliktfälle empfahl er die Mittel der Diplomatie – es könne nicht sein, das Heil “nur in militärischer Hardware” zu suchen.

TERRORISMUS

Der Kampf gegen den Terrorismus sei kein Kampf gegen ein einzelnes Land, sagte der Ex-US-Präsident, sondern gegen einzelne Gruppen, gegen “Menschen, die sich im Schatten aufhalten”. “Manchmal haben meine Entscheidungen zum Tod von Zivilisten geführt, weil es Fehler gab. Aber es gab keine anderen Wege, um an Terroristen zu kommen […] Drohnen selbst sind nicht das Problem, das Problem ist der Krieg.” Obama hatte nach seinem Amtsantritt 2009 die Drohneneinsätze verstärkt. Obama hatte Luftangriffe in Pakistan, Jemen, Libyen, Somalia und möglicherweise auch anderen Orten angeordnet.

OBAMACARE

Konkret warb Obama für die Fortsetzung seiner Gesundheitsreform “Obamacare”. Diese sei derzeit “insgesamt bedroht”, obwohl sie schon 20 Millionen Menschen in den USA eine bessere Gesundheitsversorgung verschafft habe.

PERSöNLICHES

Über sein Verhältnis zu Merkel sagte Obama, sie sei ihm während seiner Präsidentschaft “eine der liebsten Partnerinnen” gewesen und sie habe “hervorragende Arbeit geleistet, nicht nur hier in Deutschland, sondern in der ganzen Welt.”

Für die Bemerkung, die guten Beziehungen Europas zu Amerika habe schon Kolumbus aufgebaut, der zur Zeit Martin Luthers gelebt habe, erntete Merkel ein breites Grinsen. Die Kanzlerin: Schließlich feiere man 500 Jahre Reformation. Sie kommt aus einer protestantischen Pastorenfamilie, Obama gehört der protestantischen “United Church of Christ” an.

Protestanten weltweit, Bevölkerungsanteil:

Sigrid Ulrich mit dpa

Großbritannien

Landesweite Schweigeminute für Manchester-Opfer