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Jahrestag in Syrien: 7 Jahre Tod und Vertreibung

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Jahrestag in Syrien: 7 Jahre Tod und Vertreibung

Vor allem die Lage der Kinder verschlimmert sich zusehends.
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REUTERS/Bassam Khabieh
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Sieben Jahre sind seit dem Beginn des Konflikts in Syrien vergangen. Tod und Vertreibung sind allgegenwärtig.

Der Konflikt hat das Land zersplittert: Loyalisten der Regierung, militanten Rebellen, Extremisten und ausländische Kämpfer führen ihre Auseinandersetzungenüber die gesamte Länge und Breite des Landes aus.

Beobachtern zufolge haben kaum andere moderne Konflikte so viele Menschenleben gekostet. Rund eine halbe Million Syrer wurden laut UN-Angaben getötet und 6,1 Millionen vertrieben.

Von jahrelangen Stadtbelagerungen bis hin zur Zerstörung historischer Sehenswürdigkeiten wurde ein Großteil der Infrastruktur des Landes in Schutt und Asche gelegt.

Millionen von Syrern haben in den Nachbarländern Zuflucht gefunden oder die gefährliche Überquerung des Mittelmeers auf der Suche nach Zuflucht in Europa unternommen.

Von den globalen Akteuren, die Bodentruppen und Bomber einsetzen, bis hin zu den Staaten, in denen die Vertriebenen heute leben - wenige Teile der Welt sind vom Krieg in Syrien unberührt geblieben.

Worum geht es bei dem Konflikt in Syrien? Wie fing alles an? Wer kämpft gegen wen? Und wie steht die EU zu dem Krieg?

Was bringt die Zukunft?

In Interviews, die Euronews mit mehreren Flüchtlingen in verschiedenen europäischen Ländern führte, sagten viele, dass die ersten Tage des Aufstands die prägendste Zeit ihres Lebens war.

Omar Alshgore war noch in der Schule, als der Konflikt begann. Er nahm an Protesten in seiner Heimatstadt Baniyas teil, ohne wirklich zu verstehen, wofür oder gegen was er kämpfte.

"Ich war 15 Jahre alt und wusste nicht, was es bedeutet - Freiheit oder Polizei", sagte er. "Ich weiß, dass sie uns in unseren Schulen sagten, dass Polizisten Leben retten. Aber ich erlebte, wie sie meine Freunde töteten, mich verhafteten und folterten."

Omar wurde wegen der Teilnahme an den Protesten mehrmals für mehrere Tage festgenommen, bevor er schließlich für drei Jahre in Haft kam.

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"Von der Hölle in den Himmel"

Während seiner Inhaftierung sagt er, dass er täglich gefoltert wurde. Später erfuhr er, dass ein Sicherheitsoffizier seiner Mutter erzählt hatte, der sei tot. Dabei war er die meiste Zeit hinter Gittern, in dem Glauben, dass seine Familie alle getötet worden sei.

"Als ich aus dem Gefängnis kam, war ich 20 Jahre alt. Ich hatte Tuberkulose und wog 34 Kilogramm", sagte er.

"Meine Mutter hat mich nicht mehr erkannt, als sie mich erblickte... Sie konnte sich nur ein schönes Kind vorstellen, nicht mich als schrecklichen Menschen."

Seine Mutter, die schließlich für die Freilassung Omars bezahlt hatte, nachdem sie darüber informiert worden war, dass er noch am Leben war, schickte ihn nach Griechenland. Dort sollte er medizinische Hilfe suchen.

Als er diese nicht fand, reiste er durch Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien, Österreich, Deutschland und Dänemark, bevor er schließlich in Schweden ankam.

Omar wiederholt sein letztes Schuljahr, er freut sich, zahlreiche Freunde zu haben. Heute sagt er, dass seine Erfahrung im Gefängnis ihm geholfen hat, den Schritt nach Europa zu wagen.

"Wenn man von der Hölle in den Himmel kommt, ist es so einfach", sagte er.

Eine sehr lange Krise

Der Krieg in Syrien hat Millionen von Menschen wie Omar aus ihren Häusern, Städten und Dörfern vertrieben.

Während die Mehrheit in die Nachbarländer Syriens geflohen ist, haben nach offiziellen Angaben rund eine Million Menschen in Europa Asyl beantragt.

Es ist eine der größten und schlimmsten Flüchtlingskrisen des 21. Jahrhunderts", sagte der stellvertretende UNHCR-Hochkommissar für Flüchtlinge Volker Türk gegenüber Euronews.

"Es ist eine sehr lange Krise. Die große Mehrheit der syrischen Bevölkerung, der Zivilisten, die die Hauptlast der Gewalt, des Konflikts, der Verfolgung tragen müssen, ist auf fremde Hilfe angewiesen", so Türk.

Familien werden zerrissen

Laut Internationaler Organisation für Migration (IOM) ist die Überquerung des Mittelmeers "bei weitem die tödlichste" Reise für Migranten ist, mit mindestens 33.761 Menschen, die zwischen 2000 und 2017 ums Leben kamen oder vermisst wurden.

Manal und ihre Kinder gehören zu denen, die an Bord eines Bootes nach Europa gingen.

Früher arbeitete Manal für das syrische Justizministerium und floh Ende 2014 aus Syrien, nachdem sie von Aufständischen bedroht wurde.

Doch Geld- und Zeitmangel zwangen sie, ihre drei Kinder zurückzulassen.

Nachdem sie es nach Dänemark geschafft hatte, war Manal am Boden zerstört, als sie erfuhr, dass sie drei Jahre warten musste, um das Recht zu erhalten, ihre Familie nachzuholen.

Sie wandte sich an Schmuggler und bezahlte für ihre drei Kinder, die jetzt 18, 14 und 9 Jahre alt sind, für eine Reise im folgenden Jahr.

Sie blieb über Whatsapp mit ihrer ältesten Tochter in Kontakt. Doch irgendwann kamen keine Nachrichten mehr.

"Ich bin gebrochen, ich bin zerschmettert"

"Stunden später las ich, dass das Boot kaputt war [und] viele Menschen starben. Ich wusste nicht, was mit meinen Kindern war", erinnert sie sich.

"Ich muss über meine Kinder Bescheid wissen - wenn sie tot sind, muss ich wissen, wo die Leichen sind, wenn sie noch leben, muss ich es wissen", sagte sie sich.

Tagelang ging Manal durch Fotos von Leichen und suchte nach ihren Kindern. Am neunten Tag, als bereits die Hoffnung verloren hatte, bekam sie eine Nachricht von einem Fremden auf Facebook, die ihr mitteilte, dass sie am Leben waren.

"Glauben Sie mir, diese neun Tage... ich erinnere mich an Nichts mehr. Ich habe aufgehört zu essen und abgenommen. Ich wurde verrückt", sagte sie.

Jetzt ist die Familie in Dänemark wieder vereint. Sie versuchen, die Schrecken der Reise zu vergessen, erklärte Manal.

"Mein Sohn wird von einem Psychologen betreut. Erst sieben Jahre alt und er hat Menschen vor seinen Augen sterben sehen", sagte sie.

"Wir hatten eine sehr schwere Zeit und das hat sich auf unsere psychologische Gesundheit ausgewirkt.... Ich bin gebrochen, ich bin zerschmettert. Aber ich muss eine sehr starke Frau sein, weil ich Kinder habe."

Zurück nach Hause?

Viele der Asylsuchenden und Flüchtlinge, mit denen Euronews gesprochen hat, sagten, dass sie davon träumen, nach Syrien zurückzukehren.

"Ich hoffe, die Situation wird sich verbessern. Wir wollen zurück in unsere Heimat, in unser Land. Es gibt keinen Ort wie Zuhause, trotz allem", sagte der 38-jährige Rasha, ein Asylbewerber im Lager Moria, unter Tränen.

Doch sieben Jahre nach dem Konflikt warnen Beobachter davor, dass ein Ende noch nicht absehbar ist.

Allein im Jahr 2018 wurden eine Rekordzahl an Menschen vertrieben, es gab mehr Opfer unter der Zivilbevölkerung, steigende Angriffe auf Bildungseinrichtungen und eine systematische Verweigerung der Hilfe, warnt die NGO Save the Children.

Türk sagt, es sei nicht der richtige Zeitpunkt, um an die Rückkehr nach Syrien zu denken.

"Es ist absolut klar, dass wir ein Ende der Gewalt innerhalb Syriens brauchen", sagte er. "Wir brauchen eine politische Lösung."

Während in Ghouta und anderswo im Land weiterhin Bomben fallen, konzentrieren sich Flüchtlinge wie Omar nun darauf, das Beste aus ihrem neuen Leben zu machen.

"Ich möchte Europa sagen, dass wir etwas bewegen können: Wir sind sehr gute Menschen, wir sind aus einem sehr guten Land, wir sind hier wegen des Krieges, der aus politischen Gründen begonnen hat", sagte er.

"Ich hoffe, dass es bald zu Ende geht, aber es ist ein großer Krieg, nicht nur für Syrien, sondern für die ganze Welt. Die Welt kämpft dort. Das syrische Volk muss die Lösung finden."

Eine Zeitachse des Konflikts in Syrien (auf Englisch)