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Michelle Bachelet war bis 2011 die erste Präsidentin Chiles. Seitdem ist sie Untergeneralseketärin der Vereinten Nationen und Direktorin der Frauen-Organisation UN Women, die sich für die Gleichheit und die Stärkung der Frauen einsetzt.

Vergangene Woche hielt sie beim EU-Gipfel zu “Nachhaltiger Energie für alle” in Brüssel eine programmatische Rede.

Sie setzte sich darin für einen vereinfachten Zugang von Frauen zu Energie ein – vor allem in den Entwicklungsländern, wo Frauen stark unter wirtschaftlicher und sozialer Diskriminierung leiden.

Mit diesem Thema beginnt unser Interview.

euronews:
“Wie kann man diesen Frauen im Alltag helfen, unabhängig von Geldzuwendungen?”

Michelle Bachelet:
“Frauen verrichten unheimlich viele Arbeiten, die unbezahlt sind: sie holen Wasser oder sammeln Feuerholz. Wenn wir diese Frauen mit der nötigen Energie versorgen könnten, um die normalen Haushaltsdinge zu verrichten, wie Kochen, Heizen oder Lichter anzünden…dann würden sie viel Zeit sparen. Sie hätten auf diese Weise mehr Zeit für Bildung oder das Verrichten einer produktiven Tätigkeit.”

euronews: “Warum war es nötig, eine Vereinbarung über die Zusammenarbeit von EU und UN Women zu unterzeichnen, wenn Sie sowieso schon kooperieren? Gibt es ein spezielles Aufgabengebiet für 2012? Könnten Sie mir praktische Beispiele für eine engere Zusammenarbeit geben?”

Michelle Bachelet:
“Wir haben in der Vergangenheit bereits zusammengearbeitet, aber wir müssen diese Zusammenarbeit erweitern, um sie globaler und umfassender gestalten zu können und sie nicht nur von Projekt zu Projekt zu tragen. Natürlich könnte jemand hierher kommen, mit einem Kommissar sprechen und ein Projekt zugewiesen bekommen. Aber wir wollten mehr. Wir wollen generell dafür sorgen, dass das Thema Frauen bei den Tätigkeiten der Europäischen Kommission präsent ist, bei Regierung und politischer Teilhabe. Im Bereich der wirtschaftlichen Entwicklung sollen die Projekte bereits deutlich machen, was für Frauen dabei herausspringt, wie besondere Ressourcen.”

euronews:
“Das bedeutet aber auch höhere Kosten. Sie haben in Ihrem ersten Jahr bereits 500 Millionen Euro gesammelt und wollten diese Summe verdoppeln. Haben Sie dieses Ziel erreicht?”

Michelle Bachelet:
“Wir wollten für dieses Jahr 300 Millionen Dollar sammeln und haben bereits 235 eingeworben – wir müssen also noch weitere Mittel beschaffen. Aber wir brauchen noch viel mehr Geld. Wir haben 300 Millionen als Summe genannt, weil wir wissen, dass die Lage schwierig ist. Denn unsere größten Spender waren bisher vor allem europäische Länder wie Spanien. Und die müssen natürlich gerade viel sparen. Die nordischen Länder waren und sind immer noch phantastische Partner.”

euronews:
“Nicht die USA?”

Michelle Bachelet:
“Die USA helfen uns auch, aber sie sind nicht unser größter Spender. Australien, Japan und Korea sind dagegen sehr wichtig.”

euronews:
“Sie sind also optimistisch?”

Michelle Bachelet:
“Oh nein! Das eine ist, dass es mehr geworden ist, aber es reicht nicht. Wir brauchen viel mehr Geld! Bedenken Sie, dass von 7 Milliarden Menschen auf der Welt 3,5 Milliarden Frauen sind und 70 Prozent davon in Armut leben.”

euronews:
“Glauben Sie, dass der Arabische Frühling von extremistischeren Parteien bedroht ist, die die Sharia als Gesetz befürworten? Welche Rolle spielen die Frauen bei dieser demokratischen Bewegung?”

Michelle Bachelet:
“Wir haben alle gesehen, dass das eine sehr wichtige Gelegenheit für Frauen war, um ihre Rechte einzufordern. Aber wir können nicht alle Länder über einen Kamm scheren, dazu sind sie zu verschieden. Seit der Wahl in Tunesien sind 26 Prozent der Leute, die Entscheidungen treffen, Frauen. 30 Prozent fänden wir natürlich besser, aber es ist ziemlich gut. Das ist auch mehr als in einigen europäischen Ländern! Wenn Sie dagegen an Ägypten denken, ist der Anteil sehr niedrig. Nur 1,8 Prozent der Gewählten sind Frauen. Wir müssen mit den Parteien und mit den religiösen Führern zusammenarbeiten. Wir haben in vielen Teilen der Welt schon sehr viel Gutes bewirkt.”

euronews:
“In Lateinamerika gibt es einerseits sehr viele Frauen an der Macht, wie in Brasilien, Costa Rica und Argentinien, und dann gibt es sehr viel Gewalt gegenüber Frauen und viele Todesfälle wegen illegaler Abtreibung. Wie läuft der Dialog mit der katholischen Kirche?”

Michelle Bachelet:
“Das läuft gleich wie mit anderen Führern der Welt. Es geht darum, eine gemeinsame Basis zu finden, wie wir die Rechte der Frauen durchsetzen und den Zugang der Frauen zu medizinischer Versorgung erleichtern können. Damit sie Familienplanung betreiben können. Derzeit stirbt weltweit jede Minute eine Frau, während sie das Normalste auf der Welt tut – ein Kind zur Welt bringen.”

euronews:
“Die Präsidentin Brasiliens Dilma Rousseff möchte sich dafür einsetzen, sieht sich aber dem Druck der katholischen Kirche ausgesetzt.”

Michelle Bachelet:
“Ich weiß. Aber wir müssen mit ihnen zusammenarbeiten und zeigen, wie wichtig es ist, dass sich die Religionen für das Leben der Menschen einsetzen. Zum Beispiel: 260 Millionen Mädchen und Frauen wollen Zugang zu Verhütungsmitteln. Haben sie aber nicht. Wenn wir diese Frauen mit Verhütungsmitteln versorgen könnten – Familienplanung, Alternativen, Verhütung jeder Art – versichere ich Ihnen, dass wir die Müttersterblichkeit drastisch reduzieren könnten.”

euronews:
“Darin kennen Sie sich sehr gut aus, da Sie Medizin studiert haben. Sie haben, glaube ich, aber auch eine militärische Ausbildung und waren Verteidigungsministerin, bevor Sie Präsidentin wurden. Ich habe gelesen, dass Sie mehr Frauen als Polizistinnen, Friedenswächterinnen und Mediatorinnen wollen. Glauben Sie, dass Frauen mit Waffen bei der Lösung von Konflikten, Gewalt und Krieg mehr Erfolg haben?”

Michelle Bachelet:
“Das glaube ich, aber dafür gibt es auch klare Beweise. Frauen sind wirkliche Mediatorinnen und ich habe bei vielen internationalen Situationen gesehen, dass Frauen Frieden und Vernunft in Diskussionen bringen können. In vielen Teilen der Welt, wo Frauen leider als Bürgerinnen zweiter oder dritter Klasse angesehen werden, würde es Frauen helfen, wenn Frauen an der Macht wären – mit Waffen, als mächtige Unternehmerinnen, als politische Führungspersönlichkeiten, als Präsidentinnen und so weiter.”

euronews:
“Abgesehen von den nordischen Ländern gibt es aber weniger als 25 Prozent Frauen in Regierungen, Parlamenten oder in der Geschäftsführung von Unternehmen. Glauben Sie an Quoten?”

Michelle Bachelet:
“Absolut! Zuerst einemal ist politische Teilhabe die größte Herausforderung beim Einsatz für Frauenrechte. Es geht nicht nur darum, Frauen zu beschäftigen. Sondern wir brauchen Frauen, weil sie einen Mehrwert schaffen. Denn wenn Ökonomen und Geschäfsmänner darüber nachdenken, wie die Wirtschaft zu retten sei, geht es immer um Diversität, neue Ideen und Kreativität. Wenn Sie Frauen und Männer und Leute von verschiedenen Teilen der Welt zusammenbringen, haben Sie ein besseres Ergebnis.”

euronews:
“Michelle Bachelet, vielen Dank für das Gespräch.”

Copyright © 2014 euronews

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