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Archäologische Schätze aus den Fluten retten

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Archäologische Schätze aus den Fluten retten

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Die Türkei ist das jüngste Land in Europa, das Durchschnittsalter der Bevölkerung beträgt weniger als 30 Jahre. Zugleich sind hier einige der ältesten Kulturgüter zu Hause. Und nun stellen Sie sich vor, man würde all dies überfluten. Das geschah mit Allianoi, einer archäologischen Stätte der Römerzeit. Sie verschwand im vergangenen Jahr in einem neuen Stausee.

Der Archäologe Ahmet Yaras versuchte jahrelang, die Stätte zu retten. Einige unentwegte Ausgräber verschiedener Herkunft kamen ihm zu Hilfe. Einer von ihnen ist der 32-jährige Onur Karahan: “Nach meinem ersten Studienjahr in Architektur sah ich an der Uni eine kleine Suchanzeige am Schwarzen Brett. Da stand: Suche Architekturstudenten, die mir helfen, Allianoi zu zeichnen, um die Stätte vor einem Staudamm zu retten.”

Nesrin Ermis, 28 Jahre alt, erinnert sich: “Ich hatte Besuch, Leute mit Interesse an Geschichte, und ich brachte sie hier nach Allianoi. Und zusammen sahen wir, wie Allianoi langsam unterging.”

Unterschiedliche Herkunft, verschiedene Geschichten, aber der gleiche Zorn über das Ergebnis: Wirtschaft und Kultur müssen kein krasser Gegensatz sein, sagen sie. Und der 28-jährige Hasbi Parlak betont: “Es gab Alternativen. Der Staudamm hätte woanders gebaut werden können, das war möglich. Das Wasser wird hier benötigt, das wissen wir, aber es gab Alternativen.”

Sie haben den Kampf verloren, aber etwas anderes gewonnen. Die Allianoi-Initiative gehört zu den 28 Projekten, die in diesem Jahr den Kulturerbe-Preis der EU erhalten haben. Europa Nostra heißt die Stiftung, die von der Europäischen Kommission mit der Auswahl beauftragt ist.

Ihr Vertreter in der Türkei ist Baris Altan: “Diese archäologischen Stätten gehören zum Kulturerbe, und das ist unsere Zukunft. Das gilt nicht nur für junge Spezialisten der Archäologie, Architektur und Kultur, sondern für die ganze Gesellschaft. Leider könnten schlechte Beispiele wie Allianoi junge Leute entmutigen. Aber wir sollten nicht den Mut verlieren sondern den nächsten Schritt vorbereiten.”

Diese Leute sind überhaupt nicht entmutigt. Sie werden nicht müde, ihre Geschichte zu erzählen. Die Allianoi-Kampagne hat zehntausende inspiriert – zum Kampf gegen 1300 neue Wasserkraftwerke und Staudämme in ganz Anatolien.

Die bekannteste Stätte, die von einem Staudamm bedroht ist, ist das Dorf Hasankeyf in Südost-Anatolien. Andere Stätten wie etwa Zeugma sind schon überflutet worden.

Die Behörden sagen, der Staudamm von Allianoi werde nur 50 Jahre in Betrieb sein. Doch Hasbi gibt zu Bedenken: “In 50 Jahren wird hier alles unter einer Schlammschicht liegen, und man wird wohl kaum an Allianoi herankommen. Aber auch in dem Fall werde ich natürlich alles tun, um Allianoi zu helfen.”

“Die jüngeren Generationen sollten ihre Vergangenheit besser kennen,” sagt Nesrin: “Menschen, die ihre Geschichte nicht kennen, können den Wert ihres heutigen Lebens nicht ermessen und auch ihre Zukunft nicht sehen.”
Und ohne die Arbeit dieser Freiwlligen könnten die Menschen die aus den Wassern geretteten Schätze jetzt nicht in einer Ausstellung bewundern.

Allianoi-Video mit freundlicher Unterstützung von Mehmet Güngör,
Musik mit freundlicher Unterstützung von Koma Azad.