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Vor Päsidentschaftswahlen in Ägypten: Mubaraks letzter Regierungschef liegt in Umfragen vor


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Vor Päsidentschaftswahlen in Ägypten: Mubaraks letzter Regierungschef liegt in Umfragen vor

Von der Revolutions-Euphorie der Ägypter – wie 2011 bei den Parlamentswahlen – ist wenig geblieben. Erst der schmutzige Wahlkampf zwischen liberalem Lager und Anhängern des alten Mubarak-Regimes. Und nun könnte entweder Ahmed Shafik - als eine Light-Version von Husni Mubarak – oder Amre Mussa Präsident werden.
 
Ein Überblick der vier Top-Kandidaten:
 
Ahmed Schafik:
Ahmed Schafik ist 70 Jahre als. Nach einer Karriere in der Luftwaffe ernannte ihn Mubarak 2002 zum Minister für Zivilluftfahrt. Im Januar 2011 – vier Tage nach Beginn der Massenproteste – wird er neuer Regierungschef. Doch als Mubarak zurücktritt, setzt der Oberste Militärrat Schafik ab. Heute gilt er als Kandidat des Militärs. Für die Revolutionsjugend ist er ein “Überbleibsel des alten Regimes”. Es ist nicht sicher, ob seine Kandidatur rechtsmässig war.
 
Amre Mussa:
Amre Mussa, einst Generalsekretär der Arabischen Liga, gilt als aussichtsreicher Kandidat für das Präsidentenamt. Der 75-Jährige war unter Husni Mubarak zehn Jahre Außenminister. Für seine kritische Haltung gegenüber Israel erntete er damals viel Lob vom Volk. Doch dann schickte Mubarak Mussa zur Arabischen Liga – er war ihm zu populär geworden war. Wer mit Mussa zusammenarbeitet, muss Höchstleistungen bringen. Sein Verhältnis zu den islamistischen Parteien ist distanziert.
 
Mohammed Mursi:
Als der Kandidat der Muslimbruderschaft aus formalen Gründen von der Wahlkommission ausgeschlossen wurde, sprang Mursi ein. Der Ingenieur hatte bereits 2000 bis 2005 für die Muslimbrüder im Parlament gesessen. 2011 wurde er Vorsitzender der neuen Bruderschafts-“Partei “für Freiheit und Gerechtigkeit”. Mohammed Mursi gehört zum konservativen Flügel der Bewegung, wirbt für eine “islamische Renaissance”.
 
Abdel Moneim Abul Futuh:
Der Arzt Abdel Moneim Abul Futuh ist bürgerlich, konservativ und fromm  und liegt damit voll im Trend im neuen Ägypten. Das einstige Führungsmitglied der Muslimbruderschaft hatte sich im Sommer 2011 ohne das OK seiner Organisation als unabhängiger Kandidat aufgestellt - daraufhin flog er hinaus. Denn die Muslimbrüder wollten damals keinen eigenen Bewerber aufstellen. Liberale Ägypter vermuten ein inszeniertes Spektakel dahinter - damit auch bürgerliche Ägypter Abul Futu wählen würden. Die Muslimbruderschaft hofft, dass Abul Futuh  im Falle eines Wahlsiegs, zur Islamisten-Bewegung zurückkehrt.
 

Wie stehen die Chancen für die Muslimbrüder; wen werden die Menschen in Ägypten wählen und wohin steuert das Land? euronews sprach mit dem Politikwissenschafter Álvaro de Vasconcelos vom EU-Institut für Sicherheitsfragen:
 
Olivier Péguy,euronews:

Wir sind heute im Interview mit Álvaro de Vasconcelos, Direktor des EU-Instituts für  Sicherheitsfragen. Er ist Experte für die Beziehungen zwischen Europa und den Mittelmeer-Ländern.
Am Mittwoch sind die Ägypter aufgerufen, ihren neuen Präsidenten zu wählen. Die Wahl findet in einer sehr unruhigen Zeit statt. In Kairo gibt es immer wieder Ausschreitungen. Wer garantiert, dass die Wahlen geordnet stattfinden?
 
 
Álvaro de Vasconcelos:

Es ist wichtig, dass das Militär einsieht: Der Übergang zu einer Demokratie muss weitergehen und es muss die Ergebnisse der Wahl akzeptieren. Ausserdem ist ein Übereinkommen zwischen islamischen und  liberalen Parteien extrem wichtig. Die Stärke der liberalen Parteien ist essentiell, weil es schon genug Unstimmigkeiten in Ägypten gibt – da sind  die, die die Revolution vorantrieben und die, die die Parlamentswahlen gewonnen haben. Dann sind da noch die islamischen Parteien, die sich selbst für demokratisch legitim halten.
 
Oliver Péguy, euronews:

Eine Zwischenfrage – wo steht Muhamad Mursi, der Kandidat der Muslimbruderschaft, derzeit? Die Bruderschaft, die sich nun “Partei für Freiheit und Gerechtigkeit” nennt, ist die stärkste politische Kraft im Land. Aber ihr Präsidentenschaftskandidat führt nicht in den Umfragen. Denken Sie, diese Wahl kann oder wird die Muslimbruderschaft kippen?
 
 
Álvaro de Vasconcelos:

Ich denke sehr wohl, dass die Muslimbruderschaft verliert. Sie erinnern sich: Anfangs wollte sie nicht einmal einen Kandidaten für die Päsidentenwahl aufstellen. Sie hatte dies entschieden, weil sie nicht alles verlieren wollte. Es war für sie zu früh, die Weichen der Macht zu stellen – und zu viel, gleichzeitig in Parlament, Verfassungsgebender Versammlung und Präsidentschaft tätig zu werden. Ausserdem wäre das in Ägypten selbst, aber vor allem im Ausland schwer akzeptiert worden.
So kann man es als einen Fortschritt sehen, dass sie überhaupt einen Kandiaten aus dem Hut gezaubert hat - als die Salafisten dies auch taten. Die Bruderschaft hatte Angst, dass sie alle Stimmen der Islamisten an den Kandidaten der Salafisten verlieren würden. Aber dieser erste Bruderschaft-Kandidat wurde vom Militär NICHT akzeptiert – mit der Begründung, die formalen Bedingungen seien nicht erfüllt, weil er einmal verurteilt worden war.
Also mussten sie einen neuen Kandidaten präsentieren – und der hat wohl wenig Chancen auf einen Sieg.   
 
Oliver Péguy, euronews:

Und würde die Muslimbruderschaft, im Falle einer Niederlage, diese akzeptieren?
 
Álvaro de Vasconcelos:

Ja, die Muslimbrüder halten sich an demokratische Regeln

Oliver Péguy, euronews:

Und Amr Moussa, ehemaliger Aussenminister unter Hosni Mubarak und ehemaliger Generalsekretär der Arabischen Liga, wird er künftig eine wichtige Rolle spielen?
 
Álvaro de Vasconcelos:

Ich denke, Amr Moussa wird von denen anerkannt werden, die den Revolutions- und Demokratiegedanken tragen. Er wird von den Leuten des alten Regimes unterstützt, von den Menschen in den ländlichen Gebieten und den Regionen, die weiter weg von den Umwälzungen und der Politik in Kairo entfernt leben. Aber auch gerade deswegen wird er Schwierigkeiten haben, diese Wahl zu gewinnen.      
 
Oliver Péguy, euronews:

Welcher der heutigen Kandidaten trägt noch den Geist des Revolution von 2011 mit sich?
  
Álvaro de Vasconcelos:

Der ehemalige Muslimbruder Aboul Fotouh – er kann am ehesten viele zusammenbringen. Allerdings wird es in einer zweiten Wahlrunde  schwierig für die Muslimbruderschaft sein, jemanden nicht zu unterstützen, der aus ihren Reihen kommt. Aber gerade die jungen liberalen Wähler werden in Fotouh jemanden sehen, der ihren Gedanken näher ist. Deshalb denke ich, ER kann die meisten Stimmen gewinnen.
 
Oliver Péguy, euronews:

Herr Vasconcelos, wir werden die Geschehnisse in Ägypten aufmerksam verfolgen und ich bedanke mich für Ihre Erklärungen.
 
Álvaro de Vasconcelos:

Ich danke Ihnen!
 

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