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Der Kunstmarkt in Zeiten der Wirtschaftskrise

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Der Kunstmarkt in Zeiten der Wirtschaftskrise

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Der weltweite Kunstmarkt hat einen Wert von 43 Milliarden Euro pro Jahr, so der jüngste Bericht der European Fine Art Foundation. Europa hat einen Anteil von 36%, gefolgt von den USA und China. Die Schwellenländer zeigten jüngst ein starkes Wachstum. Wie reagiert der Markt auf die internationale Wirtschaftskrise?

Euronews fragte Guillaume Cerutti, den Frankreich-Generaldirektor des Auktionshauses Sotheby’s.

Giovanni Magi, euronews: “In welchem Ausmaß beeinflusst die Wirtschaftskrise den internationalen Kunstmarkt?”

Guillaume Cerutti: “Die Wirtschaftskrise beeinflusst den internationalen Kunstmarkt wie alle Branchen, aber in einer besonderen Weise, denn der Kunstmarkt hat besondere Eigenschaften. Es ist ein Markt voller Überraschungen, es gibt auf ihm nur Individuen, einzelne Sammler und einzelne Objekte. Das sind ganz besondere Eigenarten. Und deshalb stellen wir in der Krise fest, dass Meisterwerke, seltene Objekte von großem Prestige, große Gemälde von der Krise nicht betroffen sind. Im Gegenteil: Sie sind bei großen Sammlern besonders gefragt. Aber Objekte von geringerem Wert, interessante Gemälde von geringerer Bedeutung können von der Krise betroffen sein. Ihr Schätzwert sollte gegenwärtig sehr genau festgelegt sein, damit wir das jeweilige Objekt auf dem Kunstmarkt verkaufen können. Somit hat die Krise ganz unterschiedliche Auswirkungen, je nach Qualität und Bedeutung des Objekts.”

euronews: “Es gab einige Auktionen, bei denen unglaubliche Verkaufspreise erzielt wurden. Ist Kunst immer eine gute Investition, oder gibt es auch hier Blasen wie auf dem Immobilienmarkt?”

Cerutti: “Es stimmt, dass bei den wichtigen Auktionen Rekorde gebrochen wurden. Im vergangenen Jahr zum Beispiel verkaufte Sotheby’s in New York ein Werk von Eduard Munch, “Der Schrei”, ein berühmtes Werk, für mehr als 120 Millionen Dollar. Die Werke Picassos wurden bei Auktionen in Paris verkauft, zum Beispiel ein Protrait von Dora Maar für sieben Millionen Euro. Es stimmt, dass es mit solchen Zahlen so aussieht, als wäre der Kunstmarkt eine Schutzzone, eine Zuflucht in Zeiten der Krise. Aber die Wirklichkeit ist natürlich komplizierter. Denn wie gesagt gibt es Bereiche mit weniger Käufern, und man kann die Sorgen über die internationale Wirtschaft zu spüren bekommen.”

euronews: “Ist der Kunstmarkt zunehmend auf die Eliten beschränkt, die sehr reichen?”

Cerutti: “Der Kunstmarkt besteht aus mehreren Märkten. Wenn man die großen impressionistischen und modernen Gemälde anschaut, sieht man häufig sehr hohe Preise, und da lautet die Antwort auf ihre Frage: Ja, man braucht sehr viel Geld, um ein wichtiges Bild von Picasso zu kaufen.
Aber der Kunstmarkt hat auch Bereiche, in denen man zu sehr niedrigen Preisen kaufen kann, beispielsweise Kupferstiche: Sie können ein echtes Werk von Picasso kaufen, weil nur wenige Kopien von einem bedeutenden Kupferstecher hergestellt wurden. Das bekommen sie für wenige hundert Euro. Wir hatten Ende Februar in Paris eine Auktion von Werken des Kupferstechers Crommelynck, bei der außergewöhnliche Werke von Picasso für wenige hundert Euro verkauft wurden.”

euronews: “Welche Art von Kunst wird von Ihren Kunden besonders geschätzt?”

Cerutti: “Die Kunst des Zwanzigsten Jahrhunderts hat heutzutage zweifellos den größten Marktanteil. Impressionismus, die Moderne, die Kunst der Nachkriegszeit. In diesen Bereichen werden die höchsten Preise erzielt. Manche anderen Bereiche haben sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt, etwa die Kunst Afrikas und Ozeaniens: Das sind sehr wichtige Marktbereiche geworden. Ein weiterer Bereich, der sich dramatisch entwickelt hat, ist die asiatische Kunst. Noch vor zwölf Jahren war der Kunstmarkt vor allem ein Markt für westliche Kunden: Europäer und Amerikaner. Aber inzwischen gehen auch asiatische Käufer auf den Markt, darunter die Chinesen, mit einem Riesenappetit auf Werke aus ihrer eigenen Geschichte: Kaiserliche Werke, Siegel, Jade und Keramik. Dieser Markt hat sich auch sehr schnell entwickelt.”

euronews: “Wer ist Ihr Kunde? Ändert sich das Profil?”

Cerutti: “Die Identität der Käufer auf dem Kunstmarkt hat sich in den vergangenen Jahren entwickelt. Vor zwölf Jahren war der typische Käufer aus dem Westen: ein Europäer oder Amerikaner. Heute ist das typische Profil schwer zu beschreiben, denn es gibt Kunden aus Russland, China, Indien und Lateinamerika. Damit ist die Zahl der potentiellen Kunden gestiegen. Denn die Amerikaner und Europäer sind ja immer noch da. Das Profil ist also schwerer zu zeichnen. Außerdem haben sich in letzter Zeit sekundäre Bereiche stark entwickelt. Nehmen Sie die Photographie, oder die Kunst Afrikas und Ozeaniens, die sich sehr schnell entwickelt haben. Dadurch kam es zu einem Zustrom neuer Käufer, die jünger sind, und etwas anders als die Käufer in den traditionellen Bereichen vor zehn Jahren.”

euronews: “Ist Paris für Sammler noch attraktiv?”

Cerutti: “Paris und Frankreich waren vor 40 Jahren der wichtigste Kunstmarkt der Welt. Damals waren Frankreich und Paris im Hinblick auf die Kreativität und die Zahl der Künstler ein Muss. Und es gab damals äußerst wichtige Auktionshäuser und Händler, die weltweit bestimmend waren, als der Kunstmarkt noch ziemlich klein war. Es gab eine Koexistenz nationaler Märkte. Im Laufe der 70er, 80er und 90er Jahre und seit 2000 ist der Markt international geworden. Frankreich hat an Boden verloren, denn hier gibt es eine Art protektionistischen Reflex. Frankreich hat die Globalisierung immer etwas abgewehrt. Und im Zuge der Globalisierung hat Frankreich die Spitzenposition verloren. Dynamischere Länder und Handelsplätze geben jetzt den Ton an. Große Veranstaltungen im Zusammenhang mit Auktionen gibt es jetzt in London, in New York natürlich, aber auch in Hongkong, das ein extrem wichtiger Handelsplatz geworden ist.”

euronews: “Reagiert der Kunstmarkt auf die verschiedenen Steuergesetze?”

Cerutti: “Der Kunstmarkt ist hochempfindlich, was Steuern und Vorschriften angeht, und dies aus einem einfachen Grund: Sowohl die verkauften Objekte als auch die Käufer sind sehr mobil. Ein Objekt kann in Paris verkauft werden, aber der Besitzer kann auch beschließen, es in London oder Genf zu verkaufen. Und ein Sammler, der bei einer Auktion in Paris kauft, kann das auch in London, Genf oder New York tun, mit der heutigen Technologie, dem Internet, dem Versand von Katalogen, Mitteilungen von Auktionshäusern. Die Informationen gelangen an jeden Ort der Welt. Steuern sind deshalb von entscheidender Bedeutung. Sie können Marktteilnehmer veranlassen, ein Kunstwerk woanders zu verkaufen.”

euronews: “Was sind Ihre Prognosen für 2013 und die kommenden Jahre?”

Cerutti: “Das laufende Jahr 2013 beobachten wir sehr genau, denn meines Erachtens gibt es Risikofaktoren: Wir müssen den Wert der Verkaufsobjekte zurückhaltend schätzen, denn alle wirtschaftlich Aktiven, so auch unsere Kunden, sind vorsichtig, machen keine langfristigen Pläne. Sie sehen dies als ein schwieriges Jahr im Hinblick auf das Wachstum in Europa und halten sich daher zurück. Dem müssen wir uns anpassen, indem wir äußerst attraktive Schätzungen bieten und dadurch Vertrauen schaffen. Dann müssen wir sehr wählerisch sein, was die Qualität der Verkäufe angeht, die wir bei Sotheby’s organisieren. Das ist eines unserer Hauptziele.”