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Gespräche über weltweit größte Freihandelszone

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Gespräche über weltweit größte Freihandelszone

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Überschattet von Überwachungsvorwürfen gegen den US-Geheimdienst NSA haben in Washington Gespräche über eine gemeinsame Freihandelszone zwischen der EU und den USA begonnen. Berichten zufolge geht es zunächst um Verfahrensfragen.
Die Verhandlungen über die weltweit größte Freihandelszone, die auf beiden Seiten des Atlantiks 800 Millionen Menschen umfassen soll, dürften weit über ein Jahr in Anspruch nehmen. Der Start der Gespräche war beim G-8-Treffen im Juni in Nordirland beschlossen worden.

Ungeachtet der gegen Washington gerichteten Vorwürfe halten die USA und die EU an den Freihandelsgesprächen fest. Doch die transatlantischen Beziehungen sind nicht mehr das, was sie waren und der Zeitpunkt für die Verhandlungen ist daher möglicherweise nicht der beste. Über dieses Thema sprachen wir mit Professor Stuart Diamond, der im amerikanischen Philadelphia Handel unterrichtet und Autor des Bestsellers “Getting more” ist.

euronews:
Die Affäre um Edward Snowden hat viel böses Blut gemacht. Sollten wir dem Rat einiger Mitglieder des Europaparlaments folgen und die Verhandlungen vertagen?

Stuart Diamond:
Das bringt nichts. Die Debatte um Snowden hat mit den Freihandelsgesprächen nichts zu tun. Diese beiden Angelegenheiten miteinander zu vermengen, lenkt vom Ziel ab. Ziel der Verhandlungen ist der Gewinn von Hunderten Milliarden Dollar für die USA und die Europäische Union. Das zu unterlassen, die Verhandlungen wegen einer anderen Angelegenheit zu vertagen, brächte nichts, denn jene hat mit den Gesprächen nichts zu tun.

euronews:
Es stimmt doch, dass Vertrauen verlorengegangen ist?

Stuart Diamond:
Schauen wir auf den Handel zwischen den USA und China, auf den Handel zwischen den USA und der früheren Sowjetunion, auf den Handel zwischen der OPEC und Ölimporteuren. Vertrauen ist wichtig, doch nicht unbedingt notwendig. Es entsteht Schritt für Schritt.

euronews:
Was werden die Unterhändler als erstes tun, sobald sie zusammenkommen?

Stuart Diamond:
Sie werden sagen: “Hallo, was gibt’s Neues? Wie geht’s? Welches sind eure Ziele? Wir sollten für unsere Länder Geschäfte machen. Wie denn? Was bereitet uns dabei Sorge? Was brauchen wir? Immer eins nach dem anderen, Ganz einfach.” Wirksame Verhandlungen sind etwas mehr als ein Gespräch. Kein Kräftemessen, kein emotionales Erlebnis. Doch wenn man mit Ruhe und ohne Leidenschaft an die Dinge herangeht, kommt man rascher ans Ziel.

euronews:
Zum Thema Emotionen: In den vergangenen Wochen bezog Frankreich eine schwer zu verhandelnde Position: Es bestand darauf, den audiovisuellen Bereich noch vor dem Beginn der Gespräche auszuklammern. Kann man seine Interessen wirklich verteidigen, indem man sehr hart verhandelt?

Stuart Diamond:
Man muss dazu sagen, dass Frankreich nicht von Freihandel sprechen sollte, wenn es bestimmte Bereiche der Kunst ausklammern will. Dann geht es vielmehr um Handelsgespräche. Wird etwas ausgeklammert, kann man nicht mehr von Freihandel sprechen. Zweitens ermutigt diese Haltung die USA dazu, ihrerseits Bereiche auszuklammern. Das alles führt zu nichts.

euronews:
Das stimmt, doch wie ist es um die großen kulturellen Unterschiede auf beiden Seiten des Atlantiks bestellt? Die EU hat 28 Mitglieder, ganz gleich also was zwischen den Vertretern der EU und der USA in Washington ausgehandelt wird, es kommt in Brüssel auf den Prüfstand.

Stuart Diamond:
Erstens zeigen neue Studien, dass Verhandlungserfolg weniger von der Kultur abhängt, aus der die Menschen kommen, als vielmehr von individuellen Beziehungen. Selbst wenn es viele unterschiedliche Kulturen gibt, verhandelt man nicht gleichzeitig mit einer Million Menschen in dem gleichen Raum, sondern mit Individuen. Diese müssen persönliche Beziehungen aufbauen. Zweitens zeigen die Studien, dass sich große Unterschiede zwischen den Verhandlungsparteien positiv auswirken, wenn man diese Unterschiede nutzt. Sie fördern die Kreativität, fördern Werte. Die Parteien könnten sagen: Wir sind froh, dass wir nicht übereinstimmen, was die Basis für neue Werte sein könnte. Verhandlungen hängen stark von der Haltung ab, die man gegenüber der anderen Partei einnimmt. Versucht man zusammenzuarbeiten, können Unterschiede der Wertschöpfung und guten Lösungen dienen. Auf dieser Grundlage kommt man weiter. Das bringt mehr, als mit Forderungen in Verhandlungen zu gehen, die andere Leute abschrecken.

euronews:
Danke für das Gespräch.