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Mosambiks Präsident über Wachstum und Armut

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Mosambiks Präsident über Wachstum und Armut

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Das Wirtschaftswachstum in Mosambik beträgt pro Jahr rund acht Prozent, dennoch lebt die Hälfte der Bevölkerung in Armut. euronews hat mit Mosambiks Präsident Armando Guebuza gesprochen.

euronews:
Der EU-Afrika-Gipfel will das Hilfsmodell ändern und künftig auf Investitionen und Handel, vor allem in der Privatwirtschaft, setzen. Was bedeutet das in der Praxis?

Armando Guebuza:
Einer unserer traditionellen Wirtschaftszweige ist die Landwirtschaft – dort steigt die Produktivität. Das ist bereits ein wichtiger Schritt und erfordert die Schaffung einer Industrie, die mit der Landwirtschaft zusammenhängt. Und es braucht eine Infrastruktur, die diesem Prozess dienlich ist. Außerdem ist der Fremdenverkehr wichtig, denn Afrika ist für Touristen ein beliebtes Ziel – nicht nur wegen der Strände, sondern vor allem wegen der Natur, der Tier- und Pflanzenwelt.

euronews:
Welche Rolle spielen die Europäer insbesondere in Sachen Investition und Handel? Welches Modell ist erstrebenswert, um das Wachstum zu optimieren?

Armando Guebuza:
Europa kann und muss uns weiterhin unterstützen – vor allem was die Infrastruktur und die Bekämpfung gefährlicher Krankheiten betrifft. Mosambik forscht an einem Cholera-Impfstoff für Kinder – aber wir sind erst am Anfang. Europas helfende Hand ist sehr wichtig bei der Schaffung neuer Institutionen. In Mosambik gibt es mittlerweile mehr als 40 höhere Bildungseinrichtungen – verteilt über alle Provinzen.

euronews:
Die Armutszahlen haben sich nicht so verbessert wie erwartet, die Hälfte der Bevölkerung lebt immer noch in Armut. Transport, Trinkwasser und Elektrizität sind der Elite vorbehalten. Wenn mehr Einkommen zur Verfügung steht, warum gibt es dann nicht mehr Angebote?

Armando Guebuza:
Die Haltung der Leute ändert sich nicht, nur weil es plötzlich ein Wachstum von zehn oder 15 Prozent gibt. Die Verbreitung von Wohlstand ist keine mathematische Angelegenheit, sie hängt von der Schaffung von Arbeitsplätzen, Krankenhäusern, Infrastruktur und so weiter ab. Es dauert lange, all diese Dinge aufzubauen. Um zum Beispiel eine Straße über 100 oder 200 Kilometer zu bauen, braucht es trotz des Wachstums in Afrika erhebliche Investitionen, die aber nicht zur Verfügung stehen. Selbst in Europa und entwickelten Ländern anderswo auf der Welt hängt die Krise mit einem Mangel an Arbeitsplätzen zusammen. Man kann nicht behaupten, dort gebe es einen Mangel an Geld oder Mitteln. All das hat man, aber das reicht nicht, um alle Arbeitskräfte zu beschäftigen. Wir sind zwar im Wachstum begriffen, aber man kann eine derartige Entwicklung nicht von einem Tag auf den anderen erwarten.

euronews:
Es gibt eine große Flüchtlingswelle aus Afrika, obwohl Europa mittlerweile einer Festung gleicht. Viele Menschen kommen auf dem Weg nach Europa ums Leben, zahlreiche Schleuserbanden sind am Werk. Wie sollte man dieses Problem lösen?

Armando Guebuza:
Das ist ein sozio-ökonomisches Problem. Wir sollten mehr Arbeitsplätze schaffen, in die Verbesserung der Lebensbedingungen investieren, wir sollten die Ausbildungsgänge und die Berufsberatung ebenso verbessern wie die universitäre Bildung und die Infrastruktur. Das wird verhindern, dass die Menschen auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen von Afrika nach Europa oder auf einen anderen Kontinent ziehen.

euronews:
Sprechen wir über Rohstoffe als Quelle des Wohlstandes. Mosambik wird aufgrund der kürzlich entdeckten Energieressourcen oft als neues Eldorado bezeichnet. Aber dieser Segen ist in vielen Ländern zum Fluch geworden, der zu Korruption, bewaffneten Konflikten und zur Zerstörung der Umwelt geführt hat. Wie können Mosambik und andere Länder ein solches Szenario verhindern? Kann die Partnerschaft mit Europa dabei helfen?

Armando Guebuza:
Das Problem, das aus der Entdeckung dieser Rohstoffe erwächst, ist im Wesentlichen, dass wir immer noch große Defizite auf den Gebieten Forschung, Wissenschaft und Technologie haben. Diese Rohstoffe hätten bereits vor langer Zeit entdeckt worden sein können. Uns fehlt in hohem Maße der Zugriff auf Kapital, sonst hätten wir uns dessen längst bemächtigt. Jetzt müssen wir diese Entdeckungen mit der Hilfe europäischer Investitionen so nutzen, dass wir damit Erträge erzielen, um diese wiederum zu investieren. Was immer durch Steuern und Geschäftsmöglichkeiten auch eingenommen wird, sollte verwendet werden, um unseren Haushalt zu stärken.

euronews:
Die EU trägt maßgeblich zu Friedensmissionen bei. Im vergangenen Jahrzehnt wurden 1,2 Milliarden Euro an die Afrikanische Friedensfazilität überwiesen, aber der Kontinent ist nicht in der Lage, bewaffnete Konflikte zu verhindern und zu lösen.

6:09
Armando Guebuza:
Afrika ist sich dieser Probleme bewusst. Afrika setzt sich in Bewegung, wenn es Probleme gibt und versucht, diese vorherzusehen und zu verhindern, aber offensichtlich gibt es zwischenmenschliche Konflikte, die mit sozio-ökonomischen Problemen und alten kulturellen Fehden zwischen einzelnen Gesellschaftsgruppen zu tun haben. Diese Probleme löst man nicht, indem man ihnen einfach eine Milliarde Dollar gibt.

euronews:
Aber sind diese Friedensmissionen sinnvoll?

Armando Guebuza:
Sie sind ein Teil der Lösung, aber nicht die Lösung. Ja, wir brauchen weiterhin die Unterstützung aus Europa, aber glauben Sie nicht, dass die Hilfe aus Europa ein Zauberstab ist, der alle Probleme löst. Ich wünschte, das wäre der Fall.