Eilmeldung

Eilmeldung

Flüchtlingsansturm auf Europas Grenzen

Dutzende Kosovaren kehren nach Pristina zurück, allerdings nicht freiwillig. Sie waren illegal in Deutschland und wurden abgeschoben. Zwischen

Sie lesen gerade:

Flüchtlingsansturm auf Europas Grenzen

Schriftgrösse Aa Aa

Dutzende Kosovaren kehren nach Pristina zurück, allerdings nicht freiwillig. Sie waren illegal in Deutschland und wurden abgeschoben. Zwischen Dezember 2014 und Februar dieses Jahres sind zwischen 50 und 100.000 Kosovaren ausgewandert. Deutschland, Österreich und Ungarn haben daraufhin einen harten Kurs eingeschlagen.

Meinung

Die meisten gehen, weil sie von Menschen manipuliert werden, die ihnen sagen, dass der Westen ein Paradies sei.

Xilaje hatte auf ein besseres Leben in der EU gehofft: “Wir haben den Bus nach Ungarn genommen und von da aus sind wir nach Deutschland.” Auf die Frage, ob sie es erneut versuchen würde, antwortet sie: “Nein, ich will nicht mehr dorthin.”

Gafurr Kabashi, seine Frau und ihre zwei Kinder haben in Ingolstadt gelebt, bevor ihr Asylantrag abgelehnt wurde. Sie hatten eine freie Unterkunft und 800 Euro Unterstützung pro Monat. Ihr jüngstes Kind ist in Deutschland geboren. Gafurr will wieder zurück. Er sagt: “Wir wurden in Deutschland gut behandelt. Die Bedingungen waren gut. Aber dann haben sie uns zurückgeschickt.”

Einen Tag nach ihrer Ankunft im Kosovo besucht Euronews die Familie Kabashi in ihrem Heimatdorf, 60 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Sie wohnt jetzt bei Gafurrs Brüdern. Die ingesamt zwölfköpfige Familie lebt nur von einem Einkommen von rund 100 Euro.

Gafurr ging nach Deutschland, weil er im Kosovo keine Perspektiven hatte. Er erzählt, dass er insgesamt 1700 Euro für die Reise ausgegeben hat. 300 Euro zahlte er an Menschenschmuggler, die sie zu Fuß von Serbien aus über die Grenze nach Ungarn brachten. In Ungarn wurden sie von der Polizei gefasst und sie verbrachten einige Tage in einem Flüchtlingslager. “Das Leben in dem Lager in Ungarn war hart. Es gab Schlägereien und sogar Morde. Schwarze Flüchtlinge wurden ermordet. Wir konnten dort nicht bleiben. Wir haben also Ungarn verlassen und sind nach Deutschland gegangen, weil unser Leben in Gefahr war,” so Gafurr.

Gafurr und seine Familie nahmen den Zug nach Deutschland und beantragten dort Asyl. Zurück im Kosovo, wissen sie nicht, wie es weitergehen soll. Gafurr ist verzweifelt: “Die Zukunft? Katastrophal. Wir haben kein Geld, keine Arbeit und wir müssen schließlich unsere Kinder ernähren. Wir sind in einer sehr schlechten Lage.”

Schulkinder besuchen den Chipshersteller Pestova, eines der erfolgreichsten Unternehmen der Region. Es hat rund 150 Angestellte, die zwsichen 350 und 450 Euro verdienen. Der Firmenleiter Bedri Kosumi sagt, die Auswanderung sei spürbar: “In unserem Unternehmen sind acht Arbeiter ins Ausland gegangen, zwei von ihnen sind wieder zurück. Es gibt für diesen Exodus viele Gründe, aber die meisten gehen, weil sie von Menschen manipuliert werden, die ihnen sagen, dass der Westen ein Paradies sei.”

Bei rund 1.8 Millionen Einwohnern macht es sich bemerkbar, wenn 50.000 innerhalb weniger Monate ihre Koffer packen. Manche Städte wie Vushtrri sind fast ausgestorben. Der Friseur Naim erzählt, dass viele vor der Reise noch zu ihm gekommen sind: “Wegen der Auswanderung habe ich viele Kunden verloren. Ich habe rund 30 Prozent Einbußen.”

Die Arbeitslosenrate im Kosovo beträgt 30 Prozent. Für die jungen Menschen ist die Lage sogar noch dramatischer, in manchen Gebieten findet die Hälfte von ihnen keinen Job. Die schlechte Wirtschaftslage und der Glaube an ein paradiesisches Leben im Westen bringt viele dazu das Land zu verlassen. Der Journalist Avni Ahmetaj erklärt: “Ich habe mit den Auswanderern gesprochen und sie sagten mir, dass sie ein besseres Leben wollen. Aber sie haben keine Ahnung, wie sie ein besseres Leben in der Europäischen Union hinbekommen sollen. Denn sie waren nie dort. Wir sind isoliert vom Rest Europas. Für die Kosovaren ist Schengen etwas, was sie davon abhält in die europäischen Länder zu gelangen. Und das ist wirklich traurig. Ich fühle mich gedemütigt, wenn ich Dutzende Dokumente vorweisen und endlos vor der Botschaft warten muss, um ein Visa zu bekommen. Und ich habe keinerlei Garantie, dass ich es auch bekomme.”

Mit dem Bus geht es weiter nach Subotica, eine serbische Stadt an der Grenze zu Ungarn. Seit rund vier Jahren stranden hier Flüchtlinge aus dem Kosovo, Afghanistan, Syrien und Irak. Sie alle hoffen in die EU zu gelangen. Sie leben in einem verlassenen Firmengebäude, ohne Heizung. Einer von ihnen, Naji Hajji Issa floh vor den ISIL-Milizen im Irak. Er will in Deutschland Asyl beantragen. Er hat bereits eine lange und schwierige Odyssee hinter sich: “In Bulgarien verbrachte ich zwei Tage in einem Wald. Ich hatte kein Wasser und kein Essen. Es gab Kontrollposten der Polizei. Wir konnten nicht weiter. Aber als die Polizei die Sperre aufhob, ging ich weiter und nach zwei Tagen erreichte ich Serbien. Wir fanden dieses Gebäude und heute Nacht werden wir nach Ungarn gehen und von dort aus nach Österreich und Deutschland.”

Tibor ist ein freiwilliger Helfer der christlichen Osteuropa Mission. Er kommt jeden Tag und bringt Wasser, Lebensmittel und Medikamente. In Serbien ist es verboten den illegalen Flüchtlingen zu helfen, er geht also ein gewisses Risiko ein. Er erklärt, dass nur die Armen in dem Fabrikgebäude Unterschlupf suchen. Die anderen, die ein wenig mehr Geld haben und Menschenschmuggler bezahlen können, sind in der Stadt untergebracht. “Jene, die über die Grenze geführt werden, kommen meist nicht hierher. Die Menschen, die hier landen haben kein Geld und keine Beziehungen. Oder sie hatten Kontakt zu Schmugglern, haben ihn aber irgendwie verloren. Also warten sie hier,” so Tibor.

Ein paar Kilometer entfernt, muss man nur einen kleinen Bach überwinden, um in die EU zu gelangen. Doch diesen Schleichweg kennen nicht nur die Flüchtlinge. Die Polizei nimmt in diesem Gebiet regelmäßig Menschen fest. Im Februar versuchten Hunderte auf diesem Weg in die EU zu gelangen. An einem Tag nahm die Polizei 1700 Menschen fest.

Imre Körömi, ein Bauer auf der ungarischen Seite der Grenze, erzählt: “An manchen Tagen kamen ganz viele. Oft wartete die Polizei bereits auf sie. Es waren meist Gruppen von Flüchtlingen, 35 bis 70 Menschen. Wenn die Hunde anfingen zu bellen, wussten wir, dass sich eine Gruppe nähert.” Imre sagt, dass er keine Angst vor den Flüchtlingen habe, aber er meint, die Behörden sollten sie zurückschicken: “Wir sollten sie nicht reinlassen. Wenn sie über die Grenze kommen, sollten wir sie dorthin zurückschicken, wo sie herkommen.”

Laut EU-Gesetzen dürfen sich die Flüchtlinge nach ihrer Ankunft in einem EU-Staat frei bewegen, wenn sie dort Asyl beantragen. Gizella Vas von der ungarischen Polizei erklärt: “Diese Menschen werden festgenommen und dann sagen sie, dass sie in Ungarn Asyl beantragen wollen. Danach leiten wir sie an die Einwanderungsbehörde weiter. Die Flüchtlinge können sich innerhalb Ungarns frei bewegen. Viele nutzen das aus, um nach Westeuropa zu reisen.”

Ungarn und Deutschland erwägen eine Verschärfung der Asylregelung, doch dafür müssten die Gesetze in Brüssel geändert werden.