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Frankreich: Die Politik ist für die soziale Not in den Vorstädten verantwortlich

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Vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich stellt euronews in Zusammenarbeit mit der örtlichen Presse das französische “Wahlvolk” vor – Stimmberechtigte oder die, die es gern wären. Diesmal trifft Lucas Chedeville, Journalist bei dem urbanen Magazin StreetPress, Hind Ayadi, eine Innenarchitektin in Garges-les-Gonèsse in Val-d’Oise.

Hind Ayadi:“Ich habe mich indirekt dafür verantwortlich gefühlt.”



Lucas Chedeville: “Hallo, ich bin Lucas Chedeville, Journalist bei “StreetPress”. Wir sind hier in Garges-les-Gonèsse, in Val-d’Oise. Hier treffen wir Hind, eine junge Innenarchitektin.”

Hind Ayadi: “Wir befinden uns bei Espoir et Création, einem Ort, an dem wir Dekorations- und Kunst-Workshops machen. Es gibt auch einige Bastel- und Nähworkshops, also alles, was man unter “Kunst” im weiteren Sinn versteht.”

Lucas Chedeville: “Seit wann existiert dein Atelier?”

Hind Ayadi: “Ich habe mein Atelier 2008 gegründet. Dann habe ich gemerkt, dass es für die Anwohner des Viertels nicht so zugänglich ist. Das hat mich natürlich frustriert. Ich lebe selbst in einem dieser Vorstadtviertel und davor hatte ich oft auch keinen Zugang zu vielen Dingen. Ich habe mir gesagt, dass ich das nicht gleich ändern kann. Als ich dann mein Grundstück hatte, 2013, habe ich angefangen, mehr das zu tun, worauf ich Lust hatte. Ich sehe die jungen Leute, für die es nicht leicht ist. Ich dachte, dass es dort Potenzial gibt, warum also nicht etwas mit ihnen machen. Als wir dann wirklich soweit war, das war nach dem Tod eines jungen Menschen aus der Nachbarschaft. Da habe ich mir gedacht: Wir können das nicht so lassen. Ich habe mich indirekt für diesen Jugendlichen verantwortlich gefühlt.”

Hind Ayadi: “Meine Politik ist am Gemeinschaftssinn orientiert und menschlich.”



Lucas Chedeville: “Verfolgst du ein bißchen die Politik?”

Hind Ayadi: “Ein bißchen, von weiten. Es interessiert mich nicht wirklich. Ich gehöre zu den “Politikverdrossenen”. Unserer Meinung nach sind wir Aktivisten, also müssen wir mit ihnen zusammen arbeiten. Aber ich gehöre zu den abgestumpften Menschen.”

Lucas Chedeville: “Also wirst du nicht wählen gehen?”

Hind Ayadi: “Doch, ich denke, dass es wichtig ist. Ich ermuntere jeden, wählen zu gehen. Es ist sehr wichtig. Ich werden gegen Marine Le Pen stimmen, das ist die Hauptsache. Ich habe genügend von der Politik Gezeichnete gesehen. Sie setzen ihr ganzes Leben dafür ein und sind dann völlig enttäuscht. Also nein, ich bin in keiner Partei. Meine Politik ist am Gemeinschaftssinn orientiert und menschlich, das ist alles. Der Graben zwischen Anwohnern und den Politikern ist zu groß.

Hind Ayadi: Ein junger Mann, der ein paar Joints verkauft, geht für drei Jahre ins Gefängnis und dann gibt es diese Politiker, die Geld zweckentfremden, klauen, und sie sind noch immer da. Das ist eine Schande! Was mich wirklich ärgert ist, dass die französische Bevölkerung gegeneinander aufgebracht wird. Wenn ich mit dir über “Islamophobie” rede, betrifft mich das unweigerlich, denn ich bin Muslimin. Ich möchte, dass sie mit diesem blöden Spiel aufhören.

Die Politik ist für die soziale Not in den Vorstädten verantwortlich



Lucas Chedeville: “Wenn der Präsident oder die Präsidentin hier zu dir käme, um zu sehen, was ihr macht, und du mit ihm oder ihr diskutieren könntest, was würdest du sagen?”

Hind Ayadi: “Ich würde ihm von dem sozialen Elend erzählen. Dass man zuallererst Arbeitsplätze für die Jugend schaffen muss. Für mich haben die Jugendlichen Priorität. Darauf würde ich mich konzentrieren. Es gibt genügend Alleinerziehende, also ist Arbeit imperativ. Für mich ist “Arbeit” die Grundlage. Meine Priorität wären die Jugendlichen, denn es gibt viel zu viele von ihnen, die wegen Nichtigkeiten im Gefängnis sitzen, die umsonst sterben. Und daran ist die die Politik schuld. Man kann nicht alles auf sie schieben, aber sie ist für einen großen Teil der sozialen Not in den Vorstädten verantwortlich.”

Hindi Ayadi wurde im Magazin StreetPress porträtiert (auf französisch).

Produzent: Thomas Seymat, euronews
in Zusammenarbeit mit Lucas Chedeville, StreetPress
Schnitt: Nathalie Texier
Euronews wird gesponsert von Google News Lab

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