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Steuerreform gefragt: "Bei risikoreicheren Investitionen zahlt man mehr Steuern!"

Vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich stellen wir in Zusammenarbeit mit der örtlichen Presse (potentielle) Wähler vor – und was sie über den Wahlkampf und die Lage in ihrem Land denken. Diesmal trifft Christian Bach, Journalist bei der Zeitung “Les Dernières Nouvelles d’Alsace”, in Straßburg den Unternehmer Stéphane Becker.

Stéphane Becker ist 42 und stammt aus Lothringen. Nach dem Informatikstudium hat er in Deutschland gearbeitet. Mit 29 gründete er seine erste Firma für Videospiele. Heute leitet er das Start-up Method in the Madness, das Firmen bei Software-Projekten betreut.

“Klar interessiere ich mich für den Wahlkampf, schon allein deswegen: Wenn Sie Firmenchef sind, dann ist das Umfeld, in dem Ihr Betrieb arbeitet, sehr wichtig. Da kommen Leute an die Macht, machen neue Gesetze und diese haben Auswirkungen auf Ihr Unternehmen. Also sollten Sie lieber mitbekommen, was da läuft! Ich bin ein bisschen enttäuscht von 2012. Damals war der Ökonom Thomas Piketty im Aufwind. Und ich habe mir gedacht, fein, wir kriegen endlich eine echte Steuerreform, wie wir sie brauchen! In Frankreich gibt es etwas absolut Seltsames: Als Unternehmer wird einem klar, dass die Steuerlast um so geringer ist, je geringer das Risiko bei einer Investition ist. Wenn Sie in einem Bereich ohne Risiko Ihr Geld anlegen wollen, zahlen Sie wenig Steuern. Aber die Gründung eines Unternehmens, die Investition in ein Unternehmen, ist etwas Riskantes, und die steuerliche Belastung ist da viel höher, als wenn man zum Beispiel in eine Lebensversicherung investiert. Nach einer gewissen Zeit sagen Sie sich da, das ist doch kontraproduktiv! Man müsste doch die Risikobereitschaft belohnen! Wir brauchen Unternehmensgründungen, denn das bedeutet Schaffung von Arbeitsplätzen.”

Stéphane ist überzeugter Europäer – nicht umsonst lebt er in Straßburg und hat in Deutschland Erfahrungen gesammelt. Aber die EU müsste reformiert werden, findet er. “Ich hätte gern ein Europa, das ein bisschen demokratischer ist, das mehr auf die Bevölkerungsgruppen achtet, die in Europa untergehen, die durch die Globalisierung ihren Job verloren haben. Ich finde es völlig normal, dass man sich über Europa Gedanken macht. Aber ich glaube nicht, dass man die Probleme löst, indem man sagt, Europa ist mies, ich werfe alles weg! Ich bin überzeugter Föderalist. Deshalb wünschte ich mir, dass Europa sich in diese Richtung entwickelt.”

Beckers Unternehmen ist im French Tech-Viertel in Straßburg angesiedelt, in einem Co-Working-Büro. Eine Büro-Form, in der verschiedene Firmen – Start-ups, Freiberufler – flexibel neben-, aber auch miteinander arbeiten können. Daran könnte die Politik sich ein Beispiel nehmen, meint Stéphane: “Bei den Politikern habe ich den Eindruck, dass sie viel Zeit damit verbringen, sich gegenseitig anzuschwärzen und sich nur aus Prinzip widersprechen. Am Ende sind die Politiker, die etwas erreichen, diejenigen, die diese Kluft überbrücken können und zusammenarbeiten, weil sie sich sagen, das Ziel ist, dass es Frankreich besser geht, also müssen wir zuammenarbeiten. Wie in einem Co-Working-Büro: Da hat jeder seine Fähigkeiten, aber wir können besser auf Wünsche der Kunden eingehen, wenn sich verschiedene Firmen zusammentun. Damit können wir andere Angebote machen als allein. Vielleicht sollte sich die Politik mal von den Co-Working-Büros inspirieren lassen!”

In Straßburg gingen 2012 bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl 24 Prozent der Stimmberechtigten nicht an die Urnen.

Producer: Olivier Péguy, euronews
in Zusammenarbeit mit Christian Bach, Dernières Nouvelles d’Alsace
Schnitt: Emma Belay

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