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Documenta 14: Aufzeigen, was unerträglich ist?


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Documenta 14: Aufzeigen, was unerträglich ist?

Ist Kunst nützlich? Danach gefragt, ob seine Documenta 14 elitär sei, sagt der künstlerische Leiter Adam Szymczyk (47) aus Polen, dann könne man die Kultur ja auch gleich ganz abschaffen und nur noch Nützliches herstellen. Und danach vielleicht in die Ferien nach Griechenland fahren.

Adam Szymczyk macht es anders: er holt die Kunst aus Griechenland in die hessische Provinz. Viele Werke aus dem Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst (EMST) in Athen sind in Kassel zu sehen. Es geht wie auf der gesamten Documenta 14 um Themen, die alle angehen: vor allem um Demokratie und um Flüchtlinge. Neben den riesigen Regalen mit “NATO-Draht” wie der ältere Besucher als Experte einem anderen erklärt, fragt ein anderes Werk, was denn Demokratie sei.
Schon 2005 hat Köken Ergun (41) in der Türkei den “I, Soldier” beobachtet, den Soldaten, der wie viele andere am Nationalfeiertag im Stadion seine Stärke präsentiert. Der aufrüttelnde 7-Minuten-Film auf zwei Leinwänden gehört zur Sammlung aus Athen. Zwischen den Werken zum Thema Diktatur und Unterdrückung ist Abstraktes gestreut wie Eugenia Apostolous (62) “Silent journeys” oder “Disembodiments” – oder Dimitris Tzamouranis (50) riesige Welle.

Das Werk, das zum Symbol für die Documenta 14 geworden ist, ist der “Parthenon der Bücher”. Trotz der Anspielung auf das Ursprungsland der Demokratie steckt hinter der riesigen Installation keine Griechin: Marta Minujin (73) kommt aus Argentinien. Aber sie hat es geschafft, dass sowohl Schüler als auch Rentner interessiert um die Säulen laufen und über “verbotene Bücher” diskutieren.
Die Studenten, die am Vormittag weiter einige eingeschickte Bücher, die irgendwo auf der Welt – von den Nazis, in den USA oder in der DDR – verboten waren, in Plastik einpacken und auf dem Metallgerüst befestigen, sind ein wenig genervt, auch davon dass sie ständig beobachtet werden. Doch der Parthenon ist noch lange nicht voll. Einige Werke sind schon doppelt vertreten oder wie “Der kleine Prinz” gleich in mehreren Sprachen aufgehängt, da gibt es Mickey-Maus-Hefte und Sigmund Freud, die Pflichtlektüre vieler Schüler “Der Fänger im Roggen”, aber auch Romane der “Twilight”-Serie, die wohl einige Regierenden zu erotisch fanden. Und natürlich die Bücher, die die Nationalsozialisten in Deutschland verboten hatten – wie die Romane von Irmgard Keun.

Auch für die zweite Installation, die ein weiteres Documenta-Symbol geworden ist, braucht der Besucher keine Eintrittskarte: Aufgestapelte Rohre wie auf einer Baustelle.

Die Studenten aus Kassel, die die Röhren des “One Room Apartment” mit Gebrauchgegenständen wie Lampen und Bettdecken gefüllt und auf der Documenta bewohnt haben, vergessen im Gespräch mit Besuchern, den Künstler zu erwähnen, der hinter den Röhren steckt: Der inzwischen mehrfach preisgekrönte Hiwa K. (42) ist schon vor Jahren aus dem Irak geflohen und lebt inzwischen in Berlin. Er zeigt die Röhren, da Geflüchtete darin oft leben. Hiwa K. wollte auf das Schicksal der Migranten aufmerksam machen, indem die Rohre an Touristen vermietet werden sollten. Doch das haben die Behörden nicht erlaubt. Ob die Message auch mit den Studenten rüberkommt, die flink von einer Röhre zur anderen klettern, ist nicht immer ganz klar.

In den Kellerräumen am Friedrichsplatz zeigt der US-Amerikaner Ben Russell in seinen Videos die unmenschlichen Arbeitsbedinungen der Goldgräuber in Südafrika. Schon der Lärm der Maschinen, die sie benutzen, macht den Job unerträglich.

Die Norwegerin Maret Anne Sara stellt viele kleine Rentierschädel mit Einschusslöchern aus – von hinten sind die Zähne der Tiere noch zu sehen – und protestiert mit ihrer Kunst gegen die Entscheidung der Regierung in Oslo, die Rentierherden zu verkleinern. Maret Anne Sara gehört zu den Sami, die von der Rentierzucht leben. Indigene Kunst ist ein weiterer Schwerpunkt der Documenta 14, wobei die Werke nicht immer gut dokumentiert sind. Nicht bei jedem Video steht auch dabei, wer es produziert hat.


In der Neuen Neuen Galerie, in der die Rentierschädel zu sehen sind, trifft die Kunst auch auf die Wirklichkeit, denn einige Stockwerke des eigentlich stillgelegten Gebäudes werden wieder genutzt. Da steht “Hier keine Kunst”, weil hier Angestellte in Büros der “Regionalstelle Nord für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge” arbeiten.


Schon der Weg zur Neuen Neuen Galerie führt – wie die Frau hinter der Café-Theke im Presse- und Informationszentrum erklärt – “an vielen Kebab-Läden vorbei”.

Documenta-Leiter Adam Szymczyk wollte ganz bewusst nicht nur in der Innenstadt ausstellen. In Kassel gibt es im Bahnhof noch Woolworth und sogar am Friedrichsplatz einen Erotikshop und “Running Mode für größere Größen”. Manchmal ist es ganz schön schwierig, in der nordhessischen Provinz die Ausstellungsorte zu finden. Ein älteres Ehepaar, das sich eine ganze Woche für die Documenta Zeit genommen hat, gönnt sich einen ganzen Tag zur Orientierung. Sie machen es richtig.

Das Presse- und Informationszentrum – übrigens nicht nur für die Presse, aber dennoch erstaunlich leer: wohl weil es keiner findet – liegt versteckt hinter vielen Polizeiautos in einem 2015 dichtgemachten Taschenladen: “Leder Meid” am Friedrichsplatz. Eine andere Filiale des Kasseler Traditionsladens gibt es noch – in der Straße mit den Kebab-Läden – kurz hinter dem riesigen Obelisken am Königsplatz.

“Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“ prangt in goldenen Lettern auf dem dunklen Marmor. Der Satz stammt aus dem Matthäus-Evangelium, der Obelisk ist ein Werk des US-Künstler mit nigerianischen Wurzeln Olu Oguibe (53). Im Namen der Flüchtlinge steht mitten in Kassel auf Deutsch, Türkisch, Englisch und Arabisch ein Dank dafür, dass sie in Deutschland aufgenommen wurden.


Zum Nachrichtenvideo zur Eröffnung geht es hier.