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Meine Rakete ist größer als deine: Blick in Nordkoreas Waffenkammer

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Meine Rakete ist größer als deine: Blick in Nordkoreas Waffenkammer

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Die Menge macht’s nicht immer. Vor allem nicht, wenn es um Waffen geht. Wer einen Krieg gewinnen will, der braucht die richtige Strategie, Taktik und die richtige Feuerkraft. Trotzdem lohnt sich ein Blick auf das Arsenal der Nordkoreaner. Denn auch, oder gerade wenn jemand keine Strategie hat, kann er eine Gefahr für andere darstellen.

Nehmen wir die Rakete vom Freitag, dem 15. September 2017. Nordkorea feuerte sie einmal mehr in Richtung Japan ab. Es soll sich um eine Hwasong-12 handeln (zu Deutsch: Mars-12), eine ballistische Mittelstreckenrakete. Schon im Juli hat Nordkorea eine Hwasong-14 gestartet. Der große Bruder der Mittelstreckenvariante fliegt angeblich tausende Kilometer weit und kann somit die Küste der USA erreichen.

Statt Blumen schicken die Nordkoreaner wohl Atomwaffen nach Amerika, so die Befürchtung, denn Langstreckenraketen sind üblicherweise mit Atomsprengköpfen bestückbar. Die Raketen fliegen in einer (ballistischen) Kurve bis ins Weltall. Dort entledigen sie sich der Sprengladung, die zurück in die Erdatmosphäre fällt und dort explodiert – zumindest wenn die nordkoreanischen Ingenieure ihren Job gut gemacht haben.

Beruhigend für die USA und den Rest der Welt: Noch kämpfen die Nordkoreaner mit großen Problemen. Immer wieder gingen Raketenstarts daneben. Das Kim-Regime übt und übt, derzeit vergeht kaum ein Monat, in dem nicht von neuen Waffentests die Rede ist. Ein Blick auf die Statistik zeigt: Die Tests haben schon zu Zeiten von Kim Jong Uns Vorgänger und Vater Kim Jong Il stark zugenommen. Netter Nebeneffekt: Jede getestete Rakete bedeutet eine Rakete weniger für das Arsenal des wirtschaftlich sowieso schon klammen und isolierten Nordkorea.

Hier präsentieren wir die Hall of Fame der nordkoreanischen Raketensysteme. Unsere Tabelle zeigt: Hier wird noch viel gebastelt. Viele der Waffensysteme sind in der Entwicklungsphase.

Was die atomaren Sprengköpfe angeht, sind die Statistiken weniger genau (wenngleich auch nicht garantiert ist, dass obengenannte Zahlen und Daten bis ins Detail korrekt sind). Unstrittig ist, dass die Nordkoreaner atomare Explosionen ausgelöst haben. Erdbebenmessungen zeigen, dass die Explosionen mit der Zeit immer stärker geworden sind, die Sprengkraft von Nordkoreas Atombomben nimmt offenbar zu. 2016 hat Kims Regime eigenen Angaben zufolge sogar eine Wasserstoffbombe getestet, der große böse Bruder der kleinen bösen Atombombe. Experten im Ausland sind aber nicht überzeugt, dass es sich tatsächlich um eine Wasserstoffbombe gehandelt hat. Im Ergebnis ist das aber nicht so wichtig. Dass eine herkömmliche Atombombe ausreicht, um unfassbaren Schaden und Leid zu bringen, haben die USA im Zweiten Weltkrieg bewiesen.

Obzwar jede große Atommacht sich inzwischen gegen Nordkorea wendet: Bei der Entwicklung der Waffen hatte das Land Unterstützung. So haben sowohl die damalige Sowjetunion als auch China in früheren Jahrzehnten mit Nordkorea kooperiert, beispielsweise bei der Entwicklung von Raketen und beim Bau eines Atomreaktors.

Während Nordkoreas Regierung die atomare Stärke ständig voller Stolz im Fernsehen vorführt, ist die Abschätzung der genauen militärischen Ausrüstung und Schlagkraft schwierig. Das US-Verteidigungsministerium hat es trotzdem versucht und die Ergebnisse (von 2015) sogar öffentlich zugänglich gemacht. Demnach besteht Nordkoreas Armee aus rund 1,2 Millionen Soldaten (nicht mitgerechnet sind Reservisten). Auf die Bevölkerung gerechnet sind das 4,6 Prozent der Bürger. Zum Vergleich: In Österreich sind es nur 0,6 Prozent.

Wenn wir schon am Vergleichen sind: Südkorea, der unmittelbarste Gegner und Nachbar Nordkoreas, hat etwa eine halbe Million Bürger unter Waffen. Die USA, die als wahrscheinlichster potentieller Gegner der Nordkoreaner gelten, haben 1,4 Millionen aktives Militärpersonal, 9.000 Panzer, 14.000 Flugzeuge, 920 Hubschrauber und 72 U-Boote. Klingt in einigen Bereichen nach Patt, wäre da nicht die erwähnte Sache mit der Strategie und Taktik.

Es kommt also nicht unbedingt auf die Größe an. Aber dann doch irgenwie auf die Länge (der Flugbahn einer Rakete). Viele Soldaten, Flugzeuge und Panzer können etwas ausrichten, sobald sie am Einsatzort angekommen sind. Eine einzige atomar bestückte Rakete reicht aber aus, um großes Unheil anzurichten. Ist sie einmal gestartet, ist es fast zu spät. Hat sie ihre Ladung abgeworfen, nützen auch Millionen Soldaten nichts mehr.

Seit Ronald Reagan Präsident war, haben die USA 200 Milliarden US-Dollar in Raketenabwehrsysteme investiert, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf den US-Kongress. Ergebnis dieser Bemühungen ist unter anderem das Verteidigungssystem THAAD. Es habe eine 100-prozentige Erfolgsrate vorzuweisen, berichtet das US-Verteidigungsministerium. Datenbasis sind 13 durchgeführte Tests. Statistikern kommt bei so etwas das Grausen.

Beruhigend sind da doch die Worte von John Schilling, der für die Nordkorea-Beobachtungsseite 38 North der Johns Hopkins University tätig ist. Demnach haben die USA und andere Nationen noch ein bisschen Gnadenfrist, um ihre Verteidigungssysteme zu optimieren. Schilling sagte Reuters, die Nordkoreaner bräuchten wohl ein weiteres Jahr, bis ihre Raketen zuverlässig wichtige Ziele auf dem US-Festland treffen könnten. Das war vor zweieinhalb Monaten.