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Hilferuf auf dem Etikett: Türkische Näher fordern Lohn

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Hilferuf auf dem Etikett: Türkische Näher fordern Lohn

Hilferuf auf dem Etikett
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Als Hikmet Cingöz und seine Kollegen im Sommer 2016 in ihrer Textilfabrik in der Türkei zur Arbeit kamen, dachten sie, es würde ein Tag wie jeder andere. Stattdessen mussten die Arbeiter, die Kleidung für einige der größten Modemarken Europas nähten, feststellen, dass sie keinen Job mehr hatten.

Fabrikbesitzer verschwunden

"Die Türen standen offen und nichts war mehr drin", erzählt Cingöz, ein 47-jähriger Vater zweier Kinder, der in der Änderungsschneiderei der Fabrik arbeitete. In den Monaten vor der plötzlichen Schließung der Bravo Tekstil Fabrik und dem Verschwinden ihres Besitzers seien ihnen keine Löhne mehr ausgezahlt worden, berichtet er weiter. "Als wir in den letzten drei Monaten vor der Schließung nach unseren Löhnen fragten, sagten sie uns, dass es der Fabrik schlecht gehe, aber wir sollten ein bisschen Geduld haben, alles werde schon bald wieder in Ordnung kommen", erzählt er euronews.

Da die Fabrik Kleidungsstücke für die spanischen Modegiganten Zara und Mango und für den britischen Modekonzern Next produzierte, waren die Beschäftigten zuversichtlich, dass die offensichtlichen Finanzprobleme ihres Arbeitsgebers bald gelöst würden. Stattdessen machte die Fabrik von einem Tag auf den anderen dicht, und 140 Mitarbeiter standen auf der Straße, mit drei Monaten Lohnrückstand und ohne Abfindung.

Online-Petition und "Guerilla"-Kampagne in Zara-Läden

Nachdem sie gut eineinhalb Jahre vergeblich auf eine Lösung hingearbeitet hatten, gingen Cingöz und etliche seiner früheren Kollegen im November auf ungewöhnliche Weise an die Öffentlichkeit: Sie steckten kleine Etiketten mit Hilferufen in Kleidungsstücke, die in Zara-Läden in Istanbul verkauft wurden: "Ich habe diesen Artikel, den Sie kaufen werden, hergestellt, aber ich wurde dafür nicht bezahlt", ist darauf auf Türkisch zu lesen. Sie fügten auch einen Link zu einer Online-Petition zur Unterstützung der Betroffenen ein, die inzwischen über 300.000 Unterschriften erhielt.

Bego Demir von der internationalen "Kampagne für Saubere Kleidung" (Clean Clothes Campaign) führte die Arbeiter bei ihrer Aktion an, die sich vor allem gegen Zara richtete. Denn der Konzern hatte der Fabrik den Großteil ihrer Aufträge gegeben. Demir hatte nach eigenen Worten die Idee, die Kunden darüber in Kenntnis zu setzen, was geschehen war, nachdem mehrere Versuche gescheitert waren, bei den großen Auftraggebern eine Reaktion zu bekommen. "Die Beschäftigten brauchen dieses Geld, um ihre Mieten und Kredite zu bezahlen", sagt er gegenüber euronews.

Mietrückstände, Hochzeit geplatzt

Wie seine Ex-Kollegen hatte Cingöz nach der Schließung seiner Fabrik finanziell zu kämpfen. In den vier Monaten, die er nach einer neuen Arbeit suchte, war seine größte Sorge, wie er seine Miete bezahlen und die Ausbildung seiner Tochter finanzieren könnte.

Er bekräftigt, dass in den über vier Jahren, die er für die Fabrik bei einem Monatslohn von umgerechnet 348 Euro arbeitete, nicht viel übrigblieb. "Ich habe jeden Tag gearbeitet", sagt er, "und musste die meisten Tage Überstunden machen, um meine Familie ernähren zu können, denn der Lohn war so niedrig." Ein anderer früherer Beschäftigter der Fabrik habe seine Hochzeit platzen lassen müssen, erzählt Demir, weil er die ausstehenden Monatslöhne eingerechnet hatte, und könne Reparaturen in seiner Wohnung nicht bezahlen.

Verantwortung ja, aber kein Geld`?

Ein Sprecher von Zaras Mutterkonzern Inditex sagte euronews, man habe "alle vertraglichen Verpflichtungen Bravo Tekstil gegenüber finanziell beglichen", aber der Fabrikbesitzer sei ein Betrüger und verschwunden. Dem Sprecher zufolge ist Inditex bemüht, eine schnelle Lösung für alle Betroffenen zu suchen. Der Konzern habe mit anderen Markenfirmen an einem Vorschlag gearbeitet, einen "Härtefonds" für solche Arbeitnehmer einzurichten, der ungezahlte Löhne, Abfindungen und ausstehende Urlaubstage finanziert. Man arbeite mit der internationalen Gewerkschaft IndustriALL daran, eine Übereinkuft mit den Arbeitnehmern zu erzielen.

IndustriALL hingegen hat nach eigenen Angaben nicht an den Erwägungen über den Härtefonds teilgehabt.

Solange eine Lösung noch auf sich warten lässt, fordert Demir von der Clean Clothes Campaign, dass die Konzerne mehr tun müssten, um den Arbeitern zu helfen. "Sie gestehen ihre Verantwortung ein, weigern sich aber, die Arbeiter zu bezahlen. Sie sollten sich mit ihren Arbeitern zusammensetzen und sie bezahlen."

Cingöz hofft in der Zwischenzeit auf die Solidarität der Kunden: "Ich sage nicht, dass sie nicht mehr bei Zara kaufen sollten, denn immer noch arbeiten viele Leute bei diesen Konzernen, um ihre Familien zu ernähren. Ich bitte sie lediglich, Druck auf Zara zu machen, damit man uns das Geld zahlt, das man uns schuldet."