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Ukraine-Krieg: Was ist aus Asow-Kämpfern geworden, die Russland gefangen genommen hat?

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Von Natalia Liubchenkova  & Euronews  mit AP, AFP
Im Azovstal-Werk in Mariupol im Mai 2022
Im Azovstal-Werk in Mariupol im Mai 2022   -   Copyright  Dmytro ‘Orest’ Kozatsky/Azov regiment

Vor einem Monat hatten sich die Soldaten des ukrainischen Asow-Regiments, die sich im Stahlwerk Azovstal in Mariupol verschanzt hatten, einer Aufforderung aus Kiew folgend den russischen Streitkräften ergeben.

Die ukrainischen Behörden erklärten, dies sei die einzige Möglichkeit, das Leben der Verteidiger von Mariupol zu retten, die monatelang in dem Stahlwerk unter ständigem russischen Beschuss standen und keinen Zugang mehr zu Wasser oder Strom hatten. Die von der russischen Armee gefangengenommenen Kämpfer sollten im Rahmen eines Gefangenenaustauschs in ihre Heimat zurückkehren, aber bisher wurde keiner von ihnen freigelassen, und über ihre Lage ist nur sehr wenig bekannt.

Nataliia Liubchenkova - Euronews
Hanna Naumenko, die Lebensgefährtin von Dmytro Danylov - im Mai 2022Nataliia Liubchenkova - Euronews

Hanna Naumenko, 25, sagt, sie habe die Stimme ihres Lebensgefährten seit dem Tag, an dem er das Stahlwerk im Mai verließ, nicht mehr gehört. Sie ist die Partnerin von Dmytro Danylow und versucht gemeinsam mit anderen Familien auf die Situation der Gefangenen aufmerksam zu machen.

Der Chef des Asow-Regiments Denys Prokopenko hat seine Frau Kateryna zu Beginn seiner Gefangenschaft einmal für etwa 30 Sekunden angerufen. Die Verbindung war sehr schlecht, das Paar konnte sich kaum verstehen, doch Kateryna erinnert sich immer wieder an diesen Anruf.

Sie erfuhr damals, dass ihr Mann und seine Mitstreiter unter zufriedenstellenden Bedingungen gefangen gehalten wurden, aber es war unmöglich zu wissen, ob Prokopenko sich am Telefon frei äußern konnte. 

Sie haben Angst, dass die gefangenen Kämpfer vergessen werden

Die Familien der Kämpfer des Asow-Regiments erklären, dass sie aus den wenigen Informationen, die sie von den ukrainischen Unterhändlern erhalten, mit Sicherheit wissen, dass die ukrainischen Gefangenen - die nach dem humanitären Völkerrecht geschützt sind - nicht wirklich gut ergeht. Sie gehen davon aus, dass die aktuelle Situation in der Haft nicht den Anforderungen der Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen entspricht.

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Kateryna Prokopenko, Ehefrau des Chefs des Asow-Regiments Denys Prokopenko in Paris im Mai 2022Nataliia Liubchenkova - Euronews

"Wir wissen, dass der Räume, in dem die Kriegsgefangenen untergebracht sind, überfüllt sind und dass die Verpflegung und die Wasserversorgung verbessert werden müssen", schreibt Kateryna Prokopenko in einer Erklärung. 

"Die Berichte der zuvor freigelassenen Kriegsgefangenen zeigen, dass sie physische und psychische Folter ertragen mussten", melden die Streitkräfte der Ukraine in einer Pressemitteilung. 

Rund 2.500 ukrainische Soldaten und Kommandeure wurden nach der Einnahme des Azovstal-Werks in Mariupol von Russland in Gefangenschaft genommen, mehr als 900 davon gehören zum Asow-Regiment.

Sie wurden in die selbsternannte pro-russische - und international nicht anerkannte - Volksrepublik Donezk gebracht. Der Chef dieser Region Denis Puschilin erklärte, dass "genügend Material für ein Gerichtsverfahren über das ukrainische Militär vorhanden" sei. Und er versprach einen angemessenen Prozess.

Vor Kurzem wurden drei ausländische Soldaten - zwei Briten und ein Marokkaner -, die für die ukrainischen Streitkräfte im Einsatz waren, in Donezk zum Tode verurteilt.

Ein russisches Untersuchungskomitee hat angekündigt, die Kämpfer würden befragt, und es kursieren Gerüchte, dass einige von ihnen nach Russland überstellt werden sollten. Die ukrainische Seite konnte nicht bestätigen, ob alle Ukrainer weiterhin in der Region Donezk sind - in Gebieten, die nicht unter der Kontrolle der ukrainischen Regierung stehen.

Der Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates der Ukraine, Oleksij Danilow, sagte Mitte Juni im Staatsfernsehen, dass nicht nur die Ukraine, sondern auch internationale Institutionen in die Verhandlungen über den Gefangenenaustausch involviert seien. Er nannte es "eine sehr heikle Angelegenheit", die "nicht gestört werden sollte".

Die ukrainische Seite hält den Verhandlungsprozess weitestgehend geheim, während die Familien der gefangenen Soldaten befürchten, dass ihre Angehörigen vergessen werden.

Sie haben ausländische Journalisten darum gebeten, den Ort zu besuchen, an dem die Gefangenen festgehalten werden. Zudem haben sie sich an das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) gewandt, das ein Mandat hat, gefangene ukrainische Soldaten zu besuchen. So könnten die Haftbedingungen überprüft werden.

Alexei Alexandrov/Copyright 2022 The Associated Press. All rights reserved.
Aus dem Azovstal-Werk in Mariupol von Russland gefangen genommene Soldaten der Ukraine - Mai 2022Alexei Alexandrov/Copyright 2022 The Associated Press. All rights reserved.

Im Mai registrierte das IKRK die Kämpfer, die das Azostal-Werk verlassen hatten, um die gefangenen Soldaten besser verfolgen zu können. Dies geschah auch, um den Gefangenen zu helfen, mit ihren Familien in Kontakt zu bleiben, erklärte das IKRK-Team damals.

Familien konnten mit Hilfe des Internationalen Komitee vom Roten Kreuz überprüfen, ob ihr Angehöriger das Werk lebend verlassen hatte und in Gefangenschaft genommen worden war - aber mehr auch nicht.

Hanna Naumenko erklärte in einem Gespräch mit Euronews, dass das IKRK unter dem Druck der Familien der Gefangenen und der Gesellschaft stehe. Das Callcenter der Organisation wurde mit Anfragen geradezu überschwemmt. Es gibt ein Online-Formular für Anfragen der Familien und diejenigen, die Informationen über ihre Angehörigen suchen. Die Familien wurden aufgefordert, dieses Tool zu benutzen.

Die formellen Anfragen der Familien seien sehr wichtig, sagt Hanna Naumenko, da sie dem IKRK die Möglichkeit geben, Nachfragen zu stellen und die Haftbedingungen eines bestimmten Gefangenen zu überprüfen.

"Wir vertrauen darauf, dass die Organisation daran arbeitet und dass unsere Angehörigen eines Tages frei sein werden", sagt Hanna Naumenko. "Erinnern Sie sich daran, wie es Tayra [die ukrainische Notfall-Spezialistin, die im März gefangen genommen und kürzlich freigelassen wurde] erging? Es gab keinerlei Informationen über ihre Situation in der Gefangenschaft, und dann war sie plötzlich frei. Wir hoffen so sehr auf einen ähnlichen Ausgang." Und sie fügt hinzu: "Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die Situation im Rampenlicht bleibt."