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Manoel de Oliveira - hundert Jahre und keineswegs filmmüde

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Manoel de Oliveira - hundert Jahre und keineswegs filmmüde

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Manoel de Oliveira, geboren am 11. Dezember 1908 in Porto. Der einzige noch aktive Regisseur, der seine Karriere mit einem Stummfilm begann. Vor allem seine späten Filme wurden weltbekannt wie “Am Ufer des Flusses” oder der sehr persönliche Film über “ Das Porto meiner Kindheit”. 1981 gekam er in Berlin den Preis für sein Lebenswerk – dem er seither noch mehr als 20 Filme hinzugefügt hat. Euronews-Reporter Marco Lemos traf den Jubilar kurz vor seinem hundertsten Geburtstag und fragte ihn nach dem Geheimnis seiner Schöpferkraft?

Manoel de Oliveira:
Es gibt kein Geheimnis außer – arbeiten. Etwas tun. Das ist ein natürlicher Impuls…. Mein Leben ist ziemlich kompliziert. Zuhause habe ich zu wenig Platz, für meine vielen Sachen ist das Haus zu klein. Und ich habe nie genug Zeit. Und ich kann weder den einen noch den anderen Mangel beseitigen. Die Zeit läßt sich nicht ausdehnen und das Haus kann man nicht vergrößern. Das würde einfach zu teuer kommen.

euronews:
Kino – was ist das für Sie?

Manoel de Oliveira:
Jemand hat einmal gesagt, das Kino sei der Spiegel des Lebens. Aber nicht nur ein Spiegel wie jeder andere auch – das Kino ist der einzige Spiegel des Lebens. Und indem es der Spiegel des Lebens ist , ist es auch dessen Gedächtnis.

euronews:
Welche Ereignisse des 20. Jahrhunderts haben sie besonders geprägt?

Manoel de Oliveira:
Den nachdrücklichsten Eindruck mit Blick auf das soziale Leben hat bei mir der 25 April 1974 ausgelöst. Und dann gab es an diesem Tag noch einen außerordentlich bemerkenswerten Moment. Die Militärs, die die Nelkenrevolution am 25. April 1974 einleiteten, wollten nicht die Macht. Was sie taten, geschah, um dem Land eine demokratische Macht zu geben. Das ist doch ein seltener – wenn nicht gar einmaliger Fall. Nach dem 25. April gab es den Sozialismus in Frankreich, dann den Sozialismus in Spanien und schließlich fiel die Mauer in Berlin und alles schien sich zu öffnen in eine geradezu himmlische Richtung……. Aber danach gab es Kosovo und den Terrorismus und all diesen Schmutz…. bis hin zu den gegenwärtigen wirtschaftlichen Problemen des Kapitalismus und der Banken. Diese Situation ist ein ziemlich großes Hindernis
weltweit für das Leben und die Gesellschaft. Es ist ein ziemlich großes Hindernis, aber wir werden die Kraft aufbringen, es zu überwinden….hoffe ich.

euronews:
Welche Lösung sehen Sie für die aktuelle Krise?

Manoel de Oliveira:
Aufhören heißt sterben und genau das gilt heute: Aufhören ist das Schlimmste, das bedeutet nichts tun, Angst davor zu haben, etwas zu tun. Wenn die Leute aus Angst, ihr Geld zu verlieren, nun zur Bank rennen und alles abheben, dann verschlimmert das nur die Rezession und ihre eigene Situation. Es ist ein Fehler, aufzuhören, nicht weiter tätig zu sein…

euronews:
Wie sehen sie die Zukunft Europas?

Manoel de Oliveira:
In Europa gibt es einen historischen und religiösen Mythos. Die Europäische Union folgt dem so: ein einziges allgemeingültiges Gebot und ein einziger Glaube, in deren Zentrum die Demokratie steht. Sie drängen die Religion zurück zugunsten einer allgemeingültigen Demokratie. Die Europäische Union hat das gleiche Ziel: “Ein einziger König und ein einziger Papst”. Und das wird einheitlich vorgeschrieben mit Brüssel im Zentrum. Ich finde das einzigartig, aber es ist sehr schwierig, denn das Klima in den einzelnen Regionen ist unterschiedlich, verschiedene Mentalitäten, verschiedene Sprachen. Der Prozeß ist immer sehr schwierig: eine Sache in all ihren verschieden Facetten erreichbar zu machen.

euronews:
Worin bestehen ihrer Meinung nach die größten Probleme der gegenwärtigen Gesellschaft?

Manoel de Oliveira:
Das Fernsehen zeigt vor allem Pornografie und Gewalt. Die Frauen arbeiten und sind nicht bei ihren Kindern, die allein bleiben und ihre einzigen Anregungen aus dem Fernsehen beziehen. Es gibt heute einen enormen Werteverlust.

euronews: Einige Leute meinen, Film und Künste dürften nicht vom Staat finanziert werden. Wie sehen sie das?

Manoel de Oliveira:
Wenn ich einen Film mache, dann gebe ich einem Team von Leuten aus aller Welt Arbeit: Ich beschäftige viele Schauspieler, Komparsen, ich gebe Firmen Arbeit und alle zahlen sie Steuern. Auch wenn ich etwas Hilfe vom Staat bekomme, so glaube ich doch, daß das immer noch unter der Summe der Steuergelder liegt, die der Staat von uns bekommt. Der Staat gewinnt immer. Ich sorge dafür, daß diese ganze kleine Welt arbeitet, die so interessant ist. Wenn man damit aufhört erstirbt alles, wenn man sich bewegt lebt alles.

euronews:
Wie kann man ihrer Meinung nach mehr Zuschauer für Autorenfilme begeistern?

Manoel de Oliveira:
Man braucht Leute mit umfassender Bildung. Die Bildung ist die Vorausetzung. Unter den Prioritäten, die eine Regierung setzt, sollte meiner Meinung nach die Gesundheit an erster Stelle stehen. Ein Land ohne Gesundheit ist nichts wert. An zweiter Stelle muß die Bildung kommen und danach die Kunst, die die Bildung erst komlett macht. Das ist die humanitäre Bedingung, ohne die man nicht “funktionieren” kann… Erst dann kommt alles andere…