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Neue Krise im östlichen Mittelmeer?


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Neue Krise im östlichen Mittelmeer?

In Reaktion auf erste Gas-Probebohrungen der griechisch-zypriotischen Regierung im östlichen Mittelmeer haben nun auch die türkischen Zyprioten mit eigenen Erkundungsbohrungen begonnen. Dies könnte die Bemühungen um die Wiedervereinigung Zyperns gefährden.

Euronews Korrespondent Bora Bayraktar sprach mit Dervis Eroglu, dem Regierungschef der türkischen Zyprioten.

Bora Bayraktar, Euronews:
Zunächst möchte ich auf die Zypern-Verhandlungen der letzten drei Jahre zu sprechen kommen. Sie persönlich nehmen daran seit letztem Jahr teil. Die aktuelle Krise kam just in dem Moment auf, in dem die Türkei ankündigte, die Verhandlungen nicht ewig führen zu wollen. Ist das ein Zufall?

Dervis Eroglu, Türkisch-zypriotische Gemeinde:
Nein, das ist natürlich kein Zufall. Die Öl-und Gasvorkommen sind seit vielen Jahren im Gespräch.
Nun aber mit Probebohrungen zu beginnen, während die Verhandlungen noch laufen, das ist nicht richtig. Ich habe Herrn Cristofias mitgeteilt, das dies negative Folgen für die Verhandlungen haben wird und habe ihn gebeten, die Erkundung zu verschieben. Andernfalls würden wir eigene Maßnahmen ergreifen, doch er wollte nicht auf unsere Warnungen hören. Ich persönlich denke, der eigentliche Grund, weshalb die griechische Seite jetzt mit den Bohrungen beginnt, ist erstens der, dass die Regierung dort ihr Image aufbessern will, nach der folgenschweren Explosion auf einer Marinebasis, bei der kürzlich 13 Menschen ums Leben gekommen sind. Da geht es darum, bei den Wählern zu punkten.
Zweitens geht es Cristofias darum, die nationalistische Opposition zu schlagen. So gesehen sind die Erkundungsbohrungen kein Zufall – es ist eher ein Befreiungsschlag für Cristofias.

euronews:
Soll heißen, die griechische Seite hat einseitig gehandelt, also haben Sie dasselbe getan und ein Abkommen mit der Türkei geschlossen?

Dervis Eroglu:
Ich habe Ihnen gesagt, das wir die gleichen Rechte hätten, wie Sie, vor der Küste zu bohren. Wir hoffen aber im Oktober ein Dreiparteien-vertrag zustande zu bekommen. Bis dahin werden wir die Situation sehr genau beobachten.
Wenn wir aber über “Rechte” sprechen, so sollten wir auch über die betreffenden Partnerunternehmen sprechen, die in die Exploration miteinbezogen werden. Die Entscheidungen darüber sollten wir nur gemeinsam fällen, die Griechen handeln aber ohne uns. Darin sehen wir eine versteckte Absicht.
Durch diese Entwicklung sahen wir uns gezwungen, ein Abkommen mit dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan zu unterzeichnen.
Auf dieser Basis haben nun auch wir, zusammen mit Turkish Petroleum, erste geologische Explorationen vor der Küste vorgenommen.

euronews:
Haben Sie keine Angst, dass dies die Krise weiter anheizen könnte?

Dervis Eroglu:
Weder die Türkei, noch wir haben vor, die Krise eskalieren zu lassen. Sollten unsere Erkundungen jedoch durch die griechischen Zyprioten oder durch Israel bedroht werden, nun dann wird dies nicht unbeantwortet bleiben. Zu einer solchen Eskalation muss es aber nicht kommen. Es ist nicht unsere Absicht, einen Konflikt oder Krieg vom Zaun zu brechen.

euronews:
Die US-Regierung hat kürzlich erklärt, sie unterstütze die Probebohrungen der griechischen Zyprioten. Wie bewerten Sie die amerikanische Position in diesem Fall – und auch die der EU?

Dervis Eroglu:
Beide; USA und EU sind mittlerweile Teil des Streits. Die EU unterstützt die griechischen Zyprioten seit sie der EU beigetreten sind.
Die Bohrungen werden dort ausgeführt von Noble, einem US-Unternehmen.
Dennoch haben die Amerikaner neulich meinen 4-Punkte-Plan unterstützt. Ich denke, beide, EU wie USA sollten jegliche einseitige Unterstützung für die griechische Seite unterlassen, das schadet nur den Verhandlungen. Die griechische Delegation nimmt derzeit ausdrücklich mit der Absicht daran teil, zu keiner Übereinkunft kommen zu wollen. Selbst deren Ex-Präsident Klerides sagte vor Kurzem “Wir saßen immer am Verhandlungstisch, haben aber nie einen Vertrag unterzeichnet” – er ist auch noch stolz darauf!
Die USA und die EU sollten aufhören, die griechischen Zyprioten zu hätscheln. Sie sollten anfangen, sie zu drängen endlich handfeste Ergebnisse auszuhandeln. Wenn sie beispielsweise das über uns verhängte Embargo aufheben würden, so würde dies die griechische Seite zwingen, einen Vertrag zu schliessen. Ausserdem gibt es zahlreiche Beschlüsse des UN-Sicherheitsrates gegen uns und gegen die Anerkennung unserer Republik. Selbst wenn man nur über solche dinge REDEN würde, so wäre das bereits genug Druck, um die griechischen Zyprioten wieder zu echten Verhandlungen zu bringen.

euronews:
Glauben Sie, eine endgültige Lösung bedeutet die permanente Teilung?

Dervis Eroglu:
Wir versuchen in den Verhandlungen immernoch eine föderale Republik zu schaffen, einen neuen Staat. Wenn das nicht erreicht werden kann, ist die Teilung die andere Option.Selbst auf der griechischen Seite wird, wie ich hörte, offen über diese Möglichkeit gesprochen. Auf der Tagesordnung steht jedoch nach wie vor die Schaffung einer föderalen Republik, basierend auf zwei verschiedenen Entitäten. Das wäre keine fortsetzung der Republik Zypern, sondern ein völlig neuer Staat.

euronews:
Es gibt Versprechen der EU, für Embargo-Erleichterungen. Wie beurteilen Sie überhaupt die EU-Politik seit dem Referendum vor sieben Jahren?

Dervis Eroglu:
Ich finde die EU in diesem Punkt nicht ehrlich genug. Sie sind parteiisch. Ein Beispiel:
Bevor ich zur UNO gefahren bin, zur UN-Vollversammlung…da hat mich der EU-Erweiterungskommissar Stefan Füle angerufen.
er meinte, wir sollten es mit den Bohrungen nicht ZU weit treiben. Ich habe ihm daraufhin gesagt, nun, das müssen Sie den griechischen Zyprioten sagen, nicht uns! Er sagte, dass er das durchaus auch getan hätte.
Ich riet ihm, eine härtere Gangart gegenüber dem Süden zu wählen. Er sagte darauf: “Das können wir nicht. Es sind EU-Mitglieder. Wir können sie nur anrufen und sie bitten.” Das zeigt doch, das sie keinen effektiveren Einfluss ausüben können.
Wenn er außerdem sagte.“Sie sind UNSER Mitgliedstaat” – so macht er damit außerdem seine Position mehr als deutlich.
Es gibt doch mittlerweile auch kaum noch etwas, was noch nicht besprochen wurde, es mangelt schlicht an Willen.Die griechischen Zyprioten haben immer auf Zeit gespielt, weil sie überhaupt keinen Vertragsabschluss mit uns erzielen wollten.
Selbst heute tun sie das noch, da sie in der zweiten Hälfte 2012 die EU-Präsidentschaft übernehmen. Und dannach gibt es Wahlen im Februar 2013.

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