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"Mit den Taliban kann man nicht verhandeln"

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"Mit den Taliban kann man nicht verhandeln"

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Sie ist die einzige Frau in Afghanistan, die einen Gouverneursposten innehat. Seit 2005 steht Habiba Sarabi der Provinz Bamyan vor. Die studierte Hämatologin floh während der Talibanherrschaft aus Afghanistan, manchmal kam sie heimlich zurück, um Mädchen zu unterrichten. Später war sie im Kabinett von Präsident Hamid Karsai als Frauenbeauftragte tätig, bevor sie zur Gouverneurin ernannt wurde. euronews traf Habiba Sarabi in Brüssel.

euronews: Frau Harabi, Sie sind eine prominente Persönlichkeit in Afghanistan. Wie fühlt man sich als Frau in einer derart männerdominierten Gesellschaft?

Habiba Sarabi: “Es ist schwierig, als Politikerin zu arbeiten, ganz besonders, da ich der erste weibliche Gouverneur bin. Ich muss mir wirklich jeden Schritt sehr gut überlegen, um nichts falsch zu machen. Ansonsten zeigen alle mit dem Finger auf mich.”

euronews: “Eines Ihrer wichtigsten Anliegen ist die Bildung von Mädchen. Unter den Taliban durften Mädchen ab acht Jahren nicht mehr zur Schule, viele konnten nicht einmal ihren Namen schreiben. Wie ist die aktuelle Lage in Ihrer Provinz, aber auch im Rest Afghanistans?

Habiba Sarabi: “ Die Schulbildung für Mädchen verbessert sich. 38 Prozent aller afghanischen Schüler sind Mädchen, in meiner Provinz sind es sogar 44 Prozent, was etwas über dem nationalen Durchschnitt liegt.”

euronews: “Die Lage der Frauen hängt aber nicht nur von der Bildung ab. Was ist mit Zwangshochzeiten, der Burka, Gewalt gegen Frauen, Steinigungen. Gibt es da Verbesserungen?

Habiba Sarabi: “Seit 2001 wird alles besser. Aber Gewalt gegen Frauen ist nach wie vor ein enormes Problem, und das liegt sowohl an einem Mangel an Bildung als auch an der Armut und einem fehlenden Problembewusstsein bei den Frauen selbst. Das sind die Hauptgründe für Gewalt gegen Frauen.”

euronews: “Ihre Provinz, Bamyan, gehört zu den ärmsten in Afghanistan. Es gibt kaum Strom, kein fließendes Wasser, wenige Straßen und eine hohe Sterblichkeit. Was tun Sie, um die Situation zu verbessern?”

Habiba Sarabi: “Bamyan war sehr isoliert, daher habe ich den Bau und Ausbau von Straßen zur Priorität gemacht. Ich habe viel für Straßenbau geworben, denn dies ist die Grundlage dafür, dass sich die Bildung, das Gesundheitswesen und die Wirtschaft verbessern und entwickeln können. Ein anderes Thema ist unser Nationalpark. Bamyan beherbergt den ersten Nationalpark Afghanistans, er umfasst unsere Seen hier. Und in diesen Park investieren wir ebenfalls etwas Geld.”

euronews: “Ist Afghanistan zehn Jahre nach dem Sturz der Taliban ein sicherer Ort?”

Habiba Sarabi: “Um ehrlich zu sein, nein. Wie es vor zehn Jahren war, kann ich nicht sagen, aber vor sechs, sieben Jahren war es wesentlich besser als heute. Aber ich bin sicher, mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft können wir etwas erreichen. Der Friedensprozess dauert an.”

euronews: “Glauben Sie, Afghanistan kann es sich leisten, die ausländischen Truppen wie geplant in drei Jahren gehen zu lassen? Glauben Sie, das ist machbar?

Habiba Sarabi: “Es wird so kommen, und diese Politik kann genau so, wie sie von der internationalen Gemeinschaft vorgesehen ist, umgesetzt werden. Aber abgesehen davon brauchen wir mehr Unterstützung, besonders was die Ausbildung von Polizisten und Soldaten angeht. Auch müssen sie besser ausgerüstet werden, um sich verteidigen zu können. Aber ich bin sicher, dass die internationale Gemeinschaft sich nicht komplett zurückziehen wird. Einige werden der afghanischen Regierung und dem Volk weiter zur Seite stehen, um sie auf dem Weg zu Verbesserungen zu unterstützen, bis Afghanistan dann für sich selbst sorgen kann.”

euronews: “Doktor Sarabi, soll man mit den Taliban verhandeln?”

Habiba Sarabi: “Die Taliban haben nun keine feste Adresse, an die man sich mit Gesprächen wenden könnte, mit wem soll man also verhandeln? Mullah Omar zum Beispiel ist nirgedwo zu finden, er macht nur Lärm und verkündet über die Medien irgendwelche Sachen. Es gibt also keinen Ansprechpartner bei den Taliban, daher ist es besser, sich die Ursache des ganzen Problems anzuschauen, und die heißt Pakistan.”

euronews: “Sie sind also gegen Verhandlungen mit ihnen?”

Habiba Sarabi: “Ich denke schon, ja.”

euronews: “Sie wurden von Präsident Karsai zur Gouverneurin ernannt, der seinerseits aber der Korruption beschuldigt wird, es heißt, er wolle sich eine dritte Amtszeit erkaufen. Glauben Sie, Sie müssen sich von ihm distanzieren?

Habiba Sarabi: “Nein, niemals, denn ich bin ein Teil der Regierung Afghanistans. Wie müssen etwas verändern. Wenn sich aber jeder distanziert, wer bleibt dann, um die Arbeit zu machen? Vielleicht gibt es Korruption in der afghanischen Regierung, das müssen wir dann korrigieren und es vermeiden, solche Fehler noch einmal zu begehen. Aber Präsident Karsai hat selbst angekündigt, dass er nicht für eine dritte Amtszeit antreten will, was ihm durch das Gesetz ohnehin nicht erlaubt ist.”

euronews: “Sind die Personen in der Regierung bereit, das System zu ändern?”

Habiba Sarabi: “Alle haben ja andere Positionen inne und jeder hat seine eigenen Ideen. Es gibt Leute, die gewisse Veränderungen wollen, sie wollen das System verbessern, um dem afghanischen Volk zu helfen.”