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Iran-Konflikt: "Krieg ist eine Möglichkeit"

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Iran-Konflikt: "Krieg ist eine Möglichkeit"

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Im Atomstreit zwischen dem Westen und dem Iran hat Teheran sich bereiterklärt, alle noch offenen Fragen zu beantworten. Das berichtete der Vize-Chef der Atomenergiebehörde nach einem Kurzbesuch im Iran. Die USA allerdings bleiben skeptisch. Dennis Ross, der seinen Posten als Iran-Berater von Präsident Barack Obama Ende vergangenen Jahres unter Kontroversen räumte, erklärt im Euronews-Interview die Haltung seines Landes.

euronews:

Dennis Ross, Sie haben drei US-Präsidenten in Nahost-Fragen beraten. Was passiert, wenn der Iran die Atombombe hat?

Dennis Ross:

Wenn der Iran sie hat, dann können Sie sicher sein, dass sich auch die Nachbarländer die Bombe beschaffen werden. Wir denken, dass die Existenz von Nuklearwaffen in einer Region wie dem Nahen Osten, wo es viele lokale Konflikte gibt, so gut wie sicher zu einem Atomkrieg führen würde. Dies ist nicht der Kalte Krieg, wo es zwei Staaten gibt, die auf die ein oder andere Weise miteinander kommunizieren, wo jede Seite die jeweils andere gewissermaßen ausbalancieren kann. Im Nahen Osten können lokale Konflikte sehr leicht eskalieren. Es gibt in den Ländern dort keine ausgereiften Kommunikationswege, die Nachrichtendienste sind schlecht, sie können falsche Ergebnisse liefern. Sobald im Nahen Osten einige Länder Atomwaffen besitzen, steigt das Risiko eines Atomkriegs sehr schnell an. Und das wäre eine Katastrophe für die ganze Welt.

euronews:

Werden Sie einen Krieg gegen den Iran starten, wenn die Sanktionen nicht greifen?

Dennis Ross:

Das ist sicher eine Möglichkeit. Aber lassen Sie es mich so sagen: Wenn der Iran Atomwaffen hat, haben wir wirklich ein Problem, denn das läuft auf einen Atomkrieg im Nahen Osten hinaus. Ich denke es ist in jedermanns Interesse, diese Katastrophe zu vermeiden.

euronews:

Inwiefern hat Ihre Unterstützung für Israel die Politik der US-Regierung in bezug auf den Iran und den Nahen Osten insgesamt beeinflusst?

Dennis Ross:

Ich glaube kaum, dass die US-Regierung ihre Iran-Politik davon abhängig macht. Ihr geht es vielmehr darum, dass der Iran mittlerweile sechsmal vom UN-Sicherheitsrat aufgefordert wurde, seinen internationalen Verpflichtungen im Rahmen des Atomwaffensperrvertrags nachzukommen. Es gibt elf Resolutionen der Atomenergiebehörde, die dasselbe verlangt. Die US-Regierung richtet also ihr Handeln danach aus, wie sich der Iran verhält. Darum geht es. Und da fließen die Anregungen mit ein, die ich in meiner Arbeit für die Regierung gegeben habe.

euronews:

Sie haben eben über die Atomenergiebehörde gesprochen. Deren Vize-Chef hat gerade erst gesagt, dass der Iran vollständig dazu bereit sei, alle ausstehenden Fragen zu klären. Es gibt also kaum noch Ausreden für einen militärischen Angriff.

Dennis Ross:

Der Iran hat sich nur dazu verpflichtet, diese Fragen zu klären. Das ist aber nicht dasselbe, wie sie tatsächlich zu klären. Wenn die Iraner diese Fragen beantworten, sind alle glücklich.

euronews:

Kann es sein, dass der Westen, und speziell die USA das unausgereifte iranische Atomprogramm leidiglich als Ausrede nutzen, um die Macht des Iran und seinen Einfluss in der Region zu untergraben?

Dennis Ross:

Es geht hier nicht um ein Duell “USA gegen den Iran” oder “Europa gegen den Iran”. Hier steht die gesamte Internationale Gemeinschaft gegen den Iran. Das Land sollte natürlich eine wichtige Rolle in der Welt spielen. Dass das nicht so ist, liegt einzig an der iranischen Regierung. Sie kann das ändern.

euronews:

Inwiefern ist Ihre Haltung gegenüber dem Iran und Ihre Entschlossenheit zu einem möglichen Krieg auch beeinflusst von ihrer Sympathie für Israel?

Dennis Ross:

Ich würde lieber versuchen, alle Probleme auf diplomatischem Wege zu lösen.

euronews:

Sie verlieren an Glaubwürdigkeit und an Bedeutung, wenn Sie versuchen, Sanktionen zu erlassen, die nie funktioniert haben und nie funktionieren werden. Also was soll das?

Dennis Ross:

Sie gehen davon aus, dass Sanktionen nie funktioniert haben. Ich bin da nicht so sicher, wenn man sich die Geschichte anschaut.

euronews:

Der Iran wird seit 35 Jahren von den USA sanktioniert. Trotzdem wurde das Land immer stärker, es wurde einflussreicher und wohlhabender.

Dennis Ross:

Die Sanktionen, die jetzt veranlasst werden, unterscheiden sich ganz wesentlich von früheren Sanktionen. Alleine die Tatsache, dass die iranische Währung in den vergangenen sechs Wochen die Hälfte ihres Werts verloren hat, zeigt der iranischen Regierung zum ersten Mal klar, dass sie nicht einfach tun kann, was sie will. Sie muss sich entscheiden.

euronews:

Stellen wir uns mal vor, der Iran hätte es wirklich auf Atomwaffen abgesehen. Wo ist das Problem? Pakistan hat die Bombe, warum also nicht auch der Iran?

Dennis Ross:

Ein Land, das den Terrorismus unterstützt, ein Land, das seiner Verantwortung nicht nachkommt, ist kein Land, das Atomwaffen haben sollte.

euronews:

Was meinen Sie mit “Verantwortung”?

Dennis Ross:

Damit meine ich die Verpflichtung im Rahmen eines Vertrags, dem sich der Iran aber andauernd entzieht. Nochmal: Wir haben uns die sechs Resolutionen des Sicherheitsrats ja nicht ausgedacht, ebensowenig die elf Resolutionen der Atomenergiebehörde. Warum sollte die Internationale Gemeinschaft sich irren, und nicht der Iran?