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„Germany 12 Points“ - die große Schiebung Eurovision Song Contest

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„Germany 12 Points“ - die große Schiebung Eurovision Song Contest

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Wie mag der Eurovision Song Contest 2012 in Baku am Samstag (26. Mai) ausgehen? Das Ergebnis des medialen Großereignisses in der Hauptstadt der Gewinner vom letzten Jahr, Aserbaidschan, ist vermutlich alles andere als überraschend. Das ergab eine Recherche des euronews-Webteams: Nachbarländer aus dem gleichen Kulturkreis überschütten ihre Kandidaten gegenseitig mit Punkten – nahezu unabhängig von der Qualität der Darbietungen.

Der Vorwurf taucht jedes Jahr von Neuem auf: Der Eurovision Song Contest wäre nicht der Eurovision Song Contest ohne den Verdacht der “politischen” oder Block-Abstimmung: Gruppen von Nachbarländern, Länder mit einer ähnlichen Kultur oder politischen Sympathien spendieren ihren Künstlern gegenseitig mehr Punkte als Sängern aus Ländern mit ganz anderem Geschmack am anderen Ende des Kontinents. Andere, die sich nicht leiden können, geben gegenseitig so gut wie nichts. Das galt schon vor dem Tele-Voting, als die nationalen Jurys aus “Experten” der Musikindustrie bestanden. Seit Ende der 90er Jahre können die Zuschauer mitstimmen – und vergeben ihre ganz eigenen Sympathiewerte, etwa nach ethnischer Herkunft.

Wie es funktioniert?

Griechen und Zyprioten zum Beispiel tauschen fast systematisch Höchstbewertungen aus. Die meisten Zyprioten sind ethnische Griechen. Die beiden Bevölkerungen teilen Sprache, musikalische Traditionen und Geschmack. Einen bekannten Sänger in Griechenland kennt man wahrscheinlich auch in Zypern und umgekehrt. Zwischen 1975 und 2003 gab Griechenland im Schnitt 9,7 Punkte nach Zypern und erhielt 10,7 im Gegenzug – wenn beide Länder antraten. Die Türkei und Zypern gönnten sich dagegen im gleichen Zeitraum die wenigsten Punkte, nämlich keinen einzigen in 19 Wettbewerben, an denen beide teilnahmen. Möglicher Grund: Die Türkei erkennt Zypern diplomatisch nicht an – also auch nicht musikalisch?

Dasselbe Muster gilt für den “Wikinger-Block”, aus Skandinavien und den baltischen Ländern. So kassierte Schweden zwischen 1975 und 2003 Schnitt die meisten Punkte aus fünf Ländern: Dänemark, Estland, Island, Litauen und Norwegen. Umgekehrt verwöhnten Estland, Schweden und Norwegen Sänger aus Finnland am meisten, während die größten Fans von Dänemarks Beiträgen in Island, Norwegen, Schweden, Lettland und Estland saßen.

Daneben scheint es einen “Balkan-Block” zu geben, bestehend aus Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Mazedonien, Slowenien und der Türkei.
Und einen “Warschauer Pakt” aus Lettland, Litauen, Polen, Russland, Estland und Rumänien.

Estland und Lettland, Gewinner der Jahre 2001 und 2002, hatten es in den “Warschauer Pakt” geschafft – und zu den “Wickingern”.

2004 öffnete sich der Wettbewerb der Europäischen Rundfunkunion (EBU), viele Länder im Osten des Kontinents kamen neu dazu. Der “Balkan-Block” begrüßte Serbien, Bulgarien und Albanien. Auch Griechenland wird mehr und mehr eingemeindet. Der “Warschauer Pakt” wuchs mit der Ukraine, Georgien, Weißrussland, Rumänien, Moldawien und Aserbaidschan.

Die offenkundige Folge: Seit 2004 kamen die Gewinner aus einem der drei Blöcke: Aus dem “Wikinger-Block” (2006 Finnland, Norwegen 2009), aus dem der “Warschauer Pakt” (Ukraine 2004, 2008 Russland, Aserbaidschan 2011) oder dem “Balkan-Block” (Griechenland 2005, 2007 Serbien). Einzige Ausnahme: Die blockfreie deutsche Sängerin Lena Meyer-Landrut mit dem Titel “Satellite” im Jahr 2010.

Das Tele-Voting seit Ende der 1990er Jahre – hier dürfen die Zuschauer für jedes Land außer ihrem eigenen stimmen – brachte Länder mit einer bedeutenden Diaspora nach vorne.

So gibt es zum Beispiel mehr als 1,6 Millionen türkische Staatsbürger in Deutschland, dazu vielleicht doppelt so viele Deutsche türkischer Herkunft. Nach Deutschland ist die zweitgrößte Population von Türken und ethnische Türken in Frankreich, auf Platz drei sind die Niederlande.
Da ist es vielleicht kein Zufall, dass die drei Länder, die Beiträgen aus der Türkei in den letzten neun Jahren die meisten Punkte gegeben haben – Deutschland, Frankreich und die Niederlande sind.

Nimmt man dann noch die Punkte dazu, die die “New Kids vom Balkan-Block” wie Albanien und Bosnien vergeben, dann es ist es wieder keine Überraschung, dass es die Türkei seit 2003, als sie den Wettbewerb gewann, siebenmal in neun Jahren in die Top 5 geschafft hat – nach nur einem Top 5-Platz vor dem Tele-Voting.

Auch Aserbaidschan, Gewinner des Jahres 2011, scheint seine eigene Diaspora hinter sich zu haben. Mehr als 1,5 Millionen Aserbaidschaner leben in Russland und der Türkei. Und man ahnt es bereits: Diese beiden Länder haben Aserbaidschan im Laufe der Jahre mehr Punkte gegeben jedes andere.

Dass Eldar und Nigar mit “Running Scared” auch in Zypern, der Schweiz oder Irland gut abschnitten -wo es viel weniger Aseris gibt – könnte bedeuten: Vielleicht war es einfach wirklich das beste Lied.

Als großer Verlierer fühlt sich Großbritannien, einst abonniert auf die vorderen Plätze.
Hörfunk- und Fernsehmoderator Terry Wogan, geliebt und gefürchtet für seine ironischen und sarkastischen Kommentare, hat den Job beim Eurovision Song Contest nach Jahrzehnten im Jahr 2009 frustriert hingeschmissen – mit einer erbitterten Tirade gegen das “Blockabstimmungs-Debakel”.

Komplette Datenübersicht: Wer hat wem 2003-2011 seine Punkte gegeben (nur Top-Noten ab 7 Punkte)

euronews/service “new media”