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Türkischer Film-Boom in arabischen Länder

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Türkischer Film-Boom in arabischen Länder

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“‘Verbotene Liebe”, ‘Mohanad und Samar’, dann ist da noch “Fallende Blätter”. Die mag ich alle sehr.”
 
Dies sagt eine arabische Touristin auf einem Ausflugsboot im Bosporus. Den türkischen Fernsehserien wollen sie hier nachspüren, Auhood aus dem Irak, Ahmad aus Jordanien, Asma aus Ägypten. Natürlich interessieren sie sich auch für andere Sehenswürdigkeiten in Istanbul. Aber in erster Linie geht es dieser Reisegruppe aus dem Nahen Osten um Orte und ein Lebensgefühl, dass sie durch türkische Fernsehserien kennengelernt haben. 
 
“Ich habe schon einige türkische Serien gesehen, und türkische Filme. Sakarya Firat und Murat Alemdar. Die Serie mit Murat über Palästina war wirklich großartig. Murat ist für mich ein Held.”
 
Synchronisierte arabische Versionen von türkischen Fernsehserien sind sehr beliebt im ganzen Nahen Osten. Nach Angaben türkischer Wirtschafts- und Sozialforscher werden die Menschen im Nahen Osten immer mehr von türkischer Kultur beeinflusst. 
 
Die Türkei ist inzwischen das beliebteste Reiseziel der Menschen im Nahen Osten geworden – während die Popularität der Fernsehserien zugenommen hat: Den Forschern zufolge haben 74 Prozent der Menschen in 16 Ländern mindestens eine türkische Fernsehserie gesehen. Die meisten kennen mindestens einen türkischen Schauspieler oder eine Schaupielerin. Und warum diese Beliebtheit? Die Touristinnen sagen:
 
“Weil man in den Filmen sieht, dass man auch als Moslem modern sein kann. Sie zeigen ein Leben, dass manche arabischen Völker nicht kennen: Technologie, guter Lebensstandard, modernes Leben. Das gibt es in manchen unserer Länder nicht.“ 
 
“Man sieht, dass alle Moslems eine offene Einstellung haben können, ein freizügiges Leben, einen modernen Lebensstil.”
 
In den türkischen Filmen werden Tabus verletzt. Da gibt es Sex vor der Ehe, Dreierbeziehungen und Nacktszenen. Manche religiösen Autoriäten nennen die Serien subversiv und unmoralisch und verhängten Verbote. Die Filmbranche der Türkei ist enorm gewachsen. Türkische Schauspieler werden im Nahen Osten wie Hollywoodstars gefeiert. 
 
Ein Höhepunkt wurde 2006 erreicht, als der arabische Sender MBC, der 22 Länder im Nahen Osten erreicht, die türkische Seifenoper Gümüş ausstrahlte. Die letzte Folge hatte 85 Millionen Zuschauer. Der Produzent İrfan Şahin zeigte sich selbst überrascht, setzt sich nun aber noch höhere Ziele:
 
“Bis jetzt haben wir ungefähr fünfzig Serien in mehr als 70 Länder verkauft. Am Anfang nahmen wir 300 bis 500 Dollar pro Folge. Manchmal haben wir sogar Geld dazugeben, als Promotion-Aktion. Heute verkaufen wir manche Produktionen in den Nahen Osten für mehr als 100.000 Dollar. Nichts kann uns aufhalten, eine neue Art von Bollywood zu werden. Wir haben dieses Potential.“ 
 
Nicht nur gegenwärtige kulturelle Bande sind der Grund für diesen Erfolg. Es gibt eíne historische Verbindung der beiden Gesellschaften. Mehr als 600 Jahre lang gehörten einige arabische Länder zum osmanischen Reich. Diese historischen Bande bilden nun den Hintergrund für Filmserien.
 
Eine der kostspieligsten Serien, die das staatliche türkische Fernsehen TRT je produziert hat, heißt “Es war einmal im Osmanischen Reich”. 
Die Serie ist bereits an einen Sender in Dubai verkauft worden, für 75.000 Dollar pro Folge. Aber nicht alle türkischen Schauspieler und Schauspielerinnen träumen schon von einer internationalen Karriere, sagt Leyla Göksun:
 
“Unsere türkischen Schaupieler und Schauspielerinnen sind weithin bekannt. In der Region haben sie einen Status wie amerikanische Stars. Aber es ist nicht realistisch, anzunehmen, dass ein türkischer Star eine internationale Karriere machen kann, besonders wegen der Sprache.”
 
Und ihr Schauspielerkollege Tolga Karel sagt:
 
“Ich habe mehr als 200 Millionen Zuschauer weltweit. Ich bin erst 33. Man kennt mich sogar in Vietnam. Ich werde jetzt zu Aufnahmen nach Ägypten gehen. Ich lerne gerade Arabisch. Ich glaube, in 10 bis 15 Jahren wird die Türkei als “Hollywood des Nahen Ostens und des Balkans” bekannt sein.”
 
Eine andere sehr bekannte türkische Produktion ist ein Film, der aus politischen Gründen Aufsehen erregt hat: “Tal der Wölfe – Palästina”. Der Film knüpft an eine Fernsehserie an und rückt den israelischen Angriff auf die türkische Hilfsflotte für den Gazastreifen in den Mittelpunkt. Im Film nehmen drei Türken Rache an israelischen Soldaten. Die Türken sind Helden, ihre Gegner entsprechen antisemitischen Klischees, die in einem solchen Ausmaß übertrieben sind, dass manche westlichen Kritiker die Propagandawirkung des Films bezweifelten und ihn als einfach nur lächerlich bezeichneten.
  
Schon die vorangegangene Fernsehserie war von Israel scharf kritisiert worden. Der stellvertretende israelische Außenminister Danny Ayalon brachte bei einem Treffen mit dem türkischen Botschafter seine Mißbilligung zum Ausdruck. Er ließ den Botschafter auf einem niedrigeren Stuhl platznehmen, und es wurde keine türkische Flagge auf den Tisch gestellt. 
 
Während diese Produktionen die türkisch-israelischen Beziehungen zusätzlich belasteten, wurden sie im ganzen Nahen Osten ein Riesenerfolg. Die Region habe einen neuen Helden gebraucht, sagt ein Journalist:
 
“Es war nötig. Und so haben die Leute einen Helden gefunden, der Amerikan und Israel herausfordert und schlägt. Ich glaube, Filme wie Tal der Wölfe werden auch in Zukunft Erfolg haben, und der Einfluss der Türkei auf Kino und Kunst wird weitergehen, vor allem im Nahen Osten. Vielleicht wird es neue Helden geben.”
  
Derzeit gibt es für türkische Serien einen Exportmarkt von mehr als 60 Millionen Dollar, einschließlich des Nahen Ostens und des Balkans. Könnte der Lebensstil, der in diesen Filmen gezeigt wird, den Wunsch nach einem moderneren Lebensstil in arabischen Ländern ausgelöst haben? noch vor den dortigen Aufständen? Eine Soziologin sagt:
 
“Nichtdiktatorische Regime waren in islamisch geprägten Gesellschaften bisher eher selten. Wenn man aus Diktaturen ausbricht, sucht man nach politischen, sozialen und kulturellen Modellen, die einem nahestehen, aber doch anders sind.  
Die Leute in der Region brauchten und mochten Geschichten und Lebensstile wie die der türkischen Serien, und sie haben diese Serien gern angenommen.”
 
Könnte die Macht des Kinos und der Kunst im Nahen Osten Frieden stiften? Der arabische Produzent Daniel Abdulfettah nennt eine zeitlich befristete Aussöhnung als Beispiel:
 
“Eine unserer Serien wurde während des offenen Konflikt zwischen Hamas und Fatah ausgestrahlt. Für diese eine Stunde vereinbarten die beiden Palästinenserorganisationen einen Waffenstillstand. So konnten sie die Sendung bequem anschauen. Ein Film mit einer Liebesgeschichte kann also einen mörderischen Kampf zwischen Brüdern beenden – und Sympathie und Kommunikation herbeiführen.”