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Didier Deschamps: Wir müssen Teamgeist schaffen

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Didier Deschamps: Wir müssen Teamgeist schaffen

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Die französische Fußball-Nationalelf hat bei der jüngsten Europameisterschaft einmal mehr “versagt”. Laurent Blanc gab seinen Platz an seinen früheren Teamkollegen Didier Deschamps ab. Deschamps ist der fünfte Trainer der Blauen innerhalb der vergangenen zehn Jahre. Er hat strenge neue Regeln eingeführt. Die Verhältnisse haben sich bereits verbessert: mit zwei Sieben und einem wichtigen Unentschieden steht Frankreich gemeinsam mit Spanien auf dem ersten Platz in Gruppe I (für die Weltmeisterschaft in Brasilien). Aber diese Leistungen haben die Zweifel an einigen Spielern nicht beseitigt. In einem Exklusiv-Interview spricht Didier Deschamps mit Claudia Garcia von euronews über interne Probleme und den Mangel an Begeisterung einiger Spieler für das französische Trikot.

euronews

Die französische Nationalelf war nach der Europameisterschaft wieder einmal ziemlich niedergeschlagen. Sie sind vor vier Monaten dazugekommen, und die Dinge sehen schon besser aus. Ist das Team unter Deschamps neu geboren worden?

Deschamps

Das weiß ich ehrlich gesagt nicht, aber wir haben ein großes Ziel: die Weltmeisterschaft in Brasilien. Und wir haben gute Aussichten, dabei zu sein. Wir haben gegen Spanien unentschieden gespielt, mit einer großartigen zweiten Halbzeit, und ich glaube, das Spiel hat in Frankreich für mehr Begeisterung gesorgt. Das haben die Spieler verdient, denn sie haben solche Momente schon lange nicht mehr erlebt.

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Was haben Sie verändert?

Deschamps

Alles … nein, ich mache nur Spaß. In der französischen Nationalmannschaft gibt es viele individuelle Qualitäten, aber wir müssen ein starkes Team schaffen, und Teamgeist. Die neue Spielergeneration in Frankreich hat die falsche Mentalität. Ich versuche, einiges zu ändern. Das ist schwer, denn sie haben nicht gelernt, strenge Regeln einzuhalten. Und sie haben nicht diese Bindung an das nationale Trikot, manche weniger als andere.

euronews

Gibt es Probleme nur bei den Spielern, oder vielleicht auch auf Verbandsebene, in der Organisation?

Deschamps

Es stimmt, dass die Spieler in Frankreich mehr Freiheit haben als in anderen Ländern. Die Clubs und die Clubvorsitzenden brauchen mehr Autorität.

euronews

Hatten Sie persönliche Gespräche mit Menez, Nasri, Ben Arfa und M’Vila, die vom französischen Fußballverband nach der Europameisterschaft angerufen wurden?

Deschamps

Ich kann sie anrufen, mit ihnen sprechen, manchmal meine Entscheidungen erklären und meine Auswahl mit ihnen erörtern, aber ich bin nicht verpflichtet, mich zu erklären. Sie sollten meine Auswahl und Entscheidungen akzeptieren. Aber sie müssen meinen Entscheidungen nicht immer zustimmen.

euronews

Als Kapitän der Nationalelf haben Sie alles gewonnen. Aber die gegenwärtige Nationalmannschaft hat nichts gewonnen. Haben die Spieler das Recht auf ein so großes Ego?

Deschamps

Im Fußball spielt das Ego immer eine Rolle, vielleicht bei einigen Spielern mehr als bei anderen. Es kann positiv wirken, wenn man es in eine innere Kraft verwandeln kann. Aber es kann auch ein riesiges Problem sein. Ich glaube, die Leute im Umfeld der Spieler tragen eine Mitschuld: die Clubs und manchmal auch die Presse, die einen Spieler zu einem Phänomen aufbaut, nur weil er in zwei Spielen gut war…

euronews

Können Sie uns sagen, welche Regeln Sie nach Ihrer Ankunft eingeführt haben?

Deschamps

Die Hauptregel ist, dass jeder Spieler dem Team mehr geben muss. Sie sind es gewohnt, mehr zu erhalten, als sie geben, und das ist falsch. Sie sollten es als Privileg empfinden, dabei zu sein, und alles geben, was sie können, denn sie vertreten Frankreich, und so viele Menschen erwarten von ihnen das Beste.

euronews

Was sollte ein Spieler während der Saison tun, um in die französische Nationalmannschaft zu kommen?

Deschamps

Vor allem sollten sie in ihren Clubs stark spielen, denn ich schaue mir die Spiele immer an. Das kommt zuerst. Und dann sollten sie sich nicht unmöglich benehmen.

euronews

Und danach mussten Clichy, Nasri, Ben Arfa, Mexes, M’Vila und Malouda die Nationalmannschaft verlassen?

Deschamps

Nein, Clichy ist noch dabei..

euronews

… verliert aber seinen Platz.

Deschamps

Der Wettbewerb ist hart. Wir haben schon einen Spieler in derselben Position: Patrice Evra, der für Manchester United gespielt hat. Wenn ein neuer Nationaltrainer kommt, ruft er normalerweise einige neue Spieler und baut das Team etwas um. Was Malouda betrifft: Er spielt auch nicht bei Chelsea. Er trainiert mit den Junioren.

euronews

Aber bei der Europameisterschaft war er dabei.

Deschamps

Ja, aber seitdem hat er nicht mehr gespielt. Ich muss elf Leute auf’s Spielfeld bringen. Und je schwerer die Wahl, desto besser.

euronews

Aber Nasri und Ben Arfa spielen viel in ihren Premier-League-Teams.

Deschamps

Stimmt, aber es gibt noch andere Spieler, die sehr gut spielen. Ich muss ein Team aufstellen und habe bis jetzt andere Spieler ausgewählt.

euronews

Und M’Vila?

Deschamps

M’Vila hat das Potential, in der Nationalmannschaft zu spielen, aber nach allem, was geschehen ist, wird er das Trikot nicht so bald tragen, da bin ich sicher.

euronews

Viele Franzosen werfen Ihnen vor, zu streng und kritisch zu sein. Sind Sie das?

Deschamps

Finde ich nicht. Und sie haben mich ja gebeten, strenger zu sein. Jedenfalls geht es mir nicht um Einstimmigkeit.

euronews

Sie gehörten zu einer für die Franzosen unvergesslichen Nationalelf. Sie gewann mit Ihnen als Kapitän die Weltmeisterschaft 1998 und die Europameisterschaft 2000. Was ist bei der heutigen Mannschaft anders?

Deschamps

Wissen Sie, für die Spieler danach ist es natürlich schwerer. Ich habe vor 1998 ja auch 1994 erlebt, als wir uns nicht für die Weltmeisterschaft qualifizieren konnten. Und meine Generation wurde oft mit der von Platini verglichen. Die sei die beste gewesen, hieß es immer. Aber wir haben danach die Weltmeisterschaft gewonnen. Die Generation, die nach ruhmreichen Momenten kommt, hat es nie leicht. Das läuft zyklisch ab. Brasilien hatte seinen Zyklus, und Spanien erlebt gerade einen beeindruckenden Zyklus. Aber es ist unmöglich für ein Team, auf ein und demselben hohen Niveau zehn oder fünfzehn Jahre lang zu spielen.

euronews

Was kann dieses Team unter Deschamps erreichen?

Deschamps

Alles ist möglich. Vor allem wollen wir in Brasilien dabei sein, und wenn alles gut geht, könnte ich noch zwei Jahre weitermachen, bis zur Euro 2016 in Frankreich.

euronews

Die Wahl des Fußballers des Jahres steht bevor. Haben Sie sich schon entschieden?

Deschamps

Ich muss mit abstimmen, und ich werde für Ronaldo oder Messi stimmen. Die Organisation sollte zwei Goldene Bälle vergeben, aber ich weiß, dass es unmöglich ist. Auch andere Spanier haben die Auszeichnung verdient, wie etwa Casillas, Xavi und Iniesta. Die haben alles gewonnen. Aber gegen die beiden anderen haben sie einen schweren Stand.