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François Hollande und Mario Monti: Franko-italienische Allianz gegen deutsche Dominanz?

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François Hollande und Mario Monti: Franko-italienische Allianz gegen deutsche Dominanz?

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Werden Italien und Frankreich sich in der aktuellen Schuldenkrise dem vermeintlichen deutschen Spardiktat entgegenstellen? Im Exklusivinterview mit euronews machten die beiden Politiker klar: Es geht in Europa nur gemeinsam weiter. Eine konfrontative Politik gehört der Vergangenheit an. Hollande verlangte mehr ermutigende Töne, er sprach von einer Vision für Europa, das schon schwierigere Aufgaben gemeistert habe, nämlich die Überwindung von Krieg und Grenzen. Sowohl Frankreichs Präsident als auch der Regierungschef Italiens sprachen sich dafür aus, die Sparanstrengungen nicht auf die Spitze zu treiben. Haushaltsdisziplin sein notwendig, so sagten sie, jedoch brauche es ebenfalls mehr Anstrengungen, um mehr Wachstum in ganz Europa zu erreichen. euronews traf Francois Hollande und Mario Monti anlässlich eines französisch-italienischen Gipfels in Lyon.
 
Claudio Rosmino, euronews:
 
Beim jüngsten EU-Gipfel wurde keine Einigung über einen Haushalt für die Union gefunden. Nationale Regierungen müssen sparen, wie bringt man es den Bürgern bei, dass die EU dem Sparweg beim eigenen Haushalt nicht folgen und ihn sogar erhöhen will?
 
Mario Monti:
 
Zunächst müssen wir daran erinnern, dass der Haushalt der EU bei etwa einem Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts der Union liegt. Und das ist auch ein vernünftiges Niveau. Es ist natürlich eine beträchtliche Summe, aber wenn man es sich im Verhältnis anschaut, dann ist es doch nur ein Tropfen im Ozean. Ganz klar, in Zeiten von Sparzwängen und Haushaltskürzungen müssen wir jeden einzelnen Euro, den wir ausgeben, prüfen und die Ausgabe rechtfertigen. Wir müssen die Ausgabenpolitik kontrollieren und gleichzeitig sicherstellen, dass die Politik der EU effektiv ist. Das heißt aber nicht, dass wir und die EU überall sparen müssen, sondern es gibt bestimmte Gemeinschaftsaufgaben, die getätigt werden müssen und nicht auf eine nationale Ebene aufgeteilt werden können. Es geht etwa um Investitionen, etwa grenzüberschreitende Investitionen oder solche in die Industrie. Das gilt aber auch für gemeinsame Verteidigungsprojekte. Diese wären zu teuer, wenn es lediglich nationale Verteidigungspolitiken gibt, die nicht harmonieren. Und es gilt für andere Felder. Italien ist nicht dagegen, auf der Ebene der EU mehr Ausgaben zu haben, aber es muss eben bewiesen werden, dass sie nützlich sind und dass es danach weitere Einsparungen gibt.
 
Francois Hollande:
 
Wie Monti sagte, die Ausgaben der EU liegen bei einem Prozent der Wirtschaftsleistung. Halten wir das für zu viel? Nein. Ich persönlich halte das für das richtige Ausgabenniveau, denn es bereitet uns für die Zukunft vor. Europa braucht einen Haushalt, der es in die Lage versetzt, zu investieren, zu wachsen. Sollten wir weniger ausgeben? Nun, wir unternehmen in allen Ländern bereits enorme Sparanstrengungen. Schauen wir uns die europäische Ebene an. Wenn wir hier viele restriktive Maßnahmen einführen, dann würde das mein Vorhaben konterkarieren, nämlich mehr Wachstum zu schaffen. Wir müssen also einen Kompromiss finden, wie immer in europäischen Angelegenheiten. Aber ich habe keinen Zweifel daran, dass wir eine Lösung finden werden. Es ist nicht das erste Mal, dass Europa zwei oder drei Testläufe brauchte, um einen Haushalt aufzustellen. Ich bin überzeugt, dass die verschiedenen Mitgliedsstaaten, auch die, die erst jüngst beigetreten sind, genau wie wir einen guten Haushalt für die EU wollen. Wer Kürzungen, Rabatte und Neubewertungen verlangt, der sollte bedenken, dass Europa keine Kasse ist, in die man Geld reinmacht und es dann wieder rausnimmt. Es geht um Solidarität. Es geht um eine Wachstumspolitik, die allen zugute kommt. Ich möchte aber neben diesem Haushaltsthema betonen, – und ich bin sicher, wir werden 2013 einen Haushalt aufstellen – dass wir und Europa im Jahr 2012 vorwärtskommen konnten. Jetzt sehen wir die Ergebnisse, zum Beispiel in Griechenland, aber auch, was etwa Zinssätze angeht. Denn Vertrauen der Märkte konnte wiederhergestellt werden. Und das liegt klar an unserer Politik, die wir, Frau Merkel, ich und andere, umgesetzt haben.
 
Sophie Desjardin, euronews:
 
Sie sprechen über Rabatte, der Britenrabatt fällt einem da ein. David Cameron, der dortige Premier, hat gesagt, er werde die Interessen Großbritanniens und den Britenrabatt verteidigen. Er sagte, er will mehr Einsparungen, was denken Sie darüber?
 
Francois Hollande:
 
Ich würde sagen, er hat sich schon bewegt. Er ist durchaus aufgeschlossen, was in der EU passiert. Aber es gibt eben in der EU bestimmte Institutionen und Einrichtungen, die wir beschützen und bewahren müssen. Ich denke etwa an das Parlament in Straßburg. Es ist immer leicht, einzusparen, wenn es einen selbst nicht betrifft. Der Präsident der Europäischen Kommission hat bei unseren letzten Treffen ein exzellentes Beispiel gegeben, wo er herausstellte, dass die meisten Ausgaben der EU, etwa für mehr Beschäftigung, nach Großbritannien gingen.
 
euronews:
 
Das war am 14. November gab es in ganz Europa Generalstreiks gegen den Sparkurs. Die Sparpläne ersticken die Bürger Europas. In manchen Ländern ist die Lage dramatisch. Ist die Behandlung nicht schlimmer als die Krankheit?
 
Mario Monti:
 
Wir müssen uns zunächst einmal Klarheit darüber verschaffen, was die Gründe für die Krankheit sind, die Gründe für die Arbeitslosigkeit, speziell unter jungen Menschen. Die Gründe liegen nicht zwingend in der Sparpolitik oder weil wir von manchen Ländern mehr Haushaltsdisziplin verlangen. Sondern die Ursache liegt in einem Mangel an Disziplin in der Vergangenheit. Zum Beispiel Italien. Bis vor ein paar Jahren, vor der Gemeinschaftswährung. Da hatten wir unter allen Regierungen ein jährliches Defizit von acht, neun, zehn Prozent. Das wurde nie hinterfragt, nie diskutiert, niemand hat das in der Vergangenheit beachtet. Die Lage war damals sozusagen praktisch für alle, es gab sogar eine Art Konsens in diesem Punkt. Das brachte aber Opfer mit sich. Und zwar die zukünftigen Generationen, junge Menschen, Leute, die noch gar nicht geboren waren und die auch nicht wählen konnten. Das liegt alles also nicht an irgendeiner etwaigen schlechten Politik in Brüssel. Es liegt auch nicht an einem unsozialen Europa, sondern Ursache sind die Exzesse der politischen Klasse in Italien und in allen Ländern, die in der Vergangenheit mit großer Übereinstimmung sich für mehr Ausgaben und Schulden entschieden haben, weil sie den Wählern gefallen wollten, und dabei haben sie nicht an die künftigen Generationen gedacht. Europa hat nun also diese Stabilitätskultur eingeführt, und das wird in kürze Erfolg zeitigen. Aber das funktioniert nicht nur über mehr Disziplin und darüber, den Gürtel enger zu schnallen. Sondern auf europäischer Ebene stehen uns viel mehr Instrumente zur Verfügung und wir müssen dieses Instrumentarium nun noch weiter ausbauen, was die Wirtschaftspolitik angeht. Es geht beispielsweise um bestimmte Strukturen, die jungen Menschen helfen, einen Job zu finden, so werden wir sicher auch das Bild, das junge Leute von Europa haben, verbessern, wir werden sie mit Europa versöhnen. Die EU wird dann nicht mehr fälschlicherweise als diese böse, herzlose Kreatur gesehen, die sich nicht um die Belange der Menschen kümmert. Europa ist genau das Gegenteil. Europa ist ein Instrument, das mehr Disziplin einsetzt und verlangt.
 
Francois Hollande:
 
In den vergangenen Jahren gab es in einer ganzen Reihe von Ländern harte und schlechte Regeln und Gesetze, was die öffentlichen Ausgaben angeht. Es ist daher also wichtig, die Dinge zu regeln und ins reine zu bringen. Das gilt für Frankreich genauso wie für andere Länder. Unsere Schulden nahmen überhand, die Disziplin, die wir gesehen haben, war also absolut notwendig. Sie allein reicht aber nicht aus. Länder mit einem ausgeglichenen Haushalt und hoher Wettbewerbsfähigkeit kümmern sich solidarische auch um die ärmeren Länder, das ist völlig normal, dass es diese Solidarität gibt. So können die ärmeren Länder Schritt für Schritt zu einem ausgeglichenen Haushalt gelangen. Europa ist kein Haus, in dem wir alle disziplinieren wollen, und wo wir jene auspeitschen, die sich falsch verhalten. Es ist ein Raum der Solidarität, ein Platz für Wachstum und besonders letzteres möchte ich noch mal unterstreichen und auf den Wachstumspakt verweisen, den wir verabschiedet haben und der zeigt, dass wir solidarisch sein können. Ich möchte, dass etwa mein Land einen gut verwalteten öffentlichen Haushalt hat, aber gleichzeitig muss jedes Land auch wettbewerbsfähig sein. Aber wir brauchen Wachstum, besonders für junge Leute und für mehr Jobs. Deshalb habe ich die Jugendlichen ins Zentrum meiner Politik gestellt. Trotz aller Auflagen und Probleme strenge ich mich an, mehr für Jobs und Arbeitsstellen zu tun, damit die jungen Menschen, die es schwierig haben, eine Arbeit zu finden, doch in ein Beschäftigungsverhältnis kommen können.
 
euronews:
 
Griechenland hat eine neue Hilfstranche erhalten. Bis 2020 sollen die Schulden auf 124 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gesenkt werden. 124 Prozent, das ist immer noch ein enorm hoher Schuldenstand, und es bedeutet weitere 8 Jahre voller Opfer. Werden die Griechen das durchhalten?
 
Francois Hollande:
 
Ich denke, diese Ziele sind notwendig, und wir müssen sagen, was wir in welchem Zeitrahmen erreichen wollen. Griechenland weiß, dass es unterstützt wird, auch finanziell. Griechenland kann so wieder atmen und sich sicherer fühlen, bald wird es wieder an die Märkte zurückkehren können. Irland war in enormen Probleme, aber dort haben die Maßnahmen schließlich Wirkung gezeigt. Es gibt keine Zweifel mehr in der Eurozone. Noch vor ein paar Monaten wussten wir nicht, ob Europa explodieren würde, ob die Zinsen massiv steigen würden. Also schauen wir mal, wo wir Ende des Jahres stehen. Griechenland ist auf dem richtigen Weg, es wird unterstützt, es hat einen Reformplan. Die Zinsen für Italien sind gesunken, auch Spanien hat Hilfen für seine Banken erhalten, das Vertrauen ist zurückgekehrt, wir haben also alle zusammen Erfolg gehabt. Jetzt müssen wir die nächsten Hürden überwinden. Wir brauchen Wachstum und Solidarität, gleichzeitig müssen wir unsere Union und die Zusammenarbeit voranbringen, und wir müssen sicherstellen, dass sich alle an die Regeln halten.
 
euronews:
 
Was denken Sie über einen von vielen geforderten teilweisen Schuldenerlass für Griechenland?
 
Mario Monti:
 
Nun, es ist schwierig vorherzusehen, was geschehen wird. Klar, das könnte passieren, das hat es ja schon in der Vergangenheit gegeben, Deutschland hat meines Wissens in den 50erjahren davon profitiert, von einem solchen Schuldenerlass. Man muss Griechenland mal von einer gewissen Distanz aus betrachten. Bevor Griechenland dem Euro beitrat, und das sage ich mit allem Respekt vor Griechenland, seiner Geschichte und Kultur, aber es war ein Land, in dem die Regeln nicht eingehalten wurde. Die Steuerhinterziehung war wahrscheinlich die höchste in ganz Europa, es gab keinerlei Wettbewerb, keine Meritokratie, die Korruption grassierte. Griechenland war also eine Art Schmelztiegel, in dem all diese Probleme zusammenkamen, die die Entstehung einer modernen Marktwirtschaft verhinderten. Diese Stabilitätskultur entstand in Deutschland mit Einführung der sozialen Marktwirtschaft entstand und Europa entschloss sich, diesem Modell mit dem gemeinsamen Markt und der gemeinsamen Währung zu folgen. Wir können also durchaus sagen, dass Griechenland nicht alles rechtzeitig umgesetzt hat, was wir verlangt haben, um eine Umkehr zu schaffen. Das ist sozusagen die halbleere Hälfte des Glases. Aber schauen wir mal die halbvolle an. Wäre Griechenland nicht Teil der Eurozone, hätte es die Veränderungen und die Verbesserungen seiner Politik nie begonnen, die schließlich zur Modernisierung der griechischen Gesellschaft und der griechischen Wirtschaft führen werden. Das ist eine regelrechte Revolution und normalerweise dauert so etwas mehrere Generationen. Wir haben in so wenigen Jahren also einiges auf den Weg gebracht, und wir ich Kanzlerin Merkel gesagt habe, wenn wir Griechenland betrachten, sollten wir nicht nur die Probleme und Schwierigkeiten sehen, sondern wir sollten es auch als Zeugnis für den Erfolg des Euro ansehen.
 
euronews:
 
Schauen wir uns eine Karikatur aus dem ECONOMIST vom Juni an. Ein sinkendes Schiff mit der Aufschrift “Weltwirtschaft”, das nur noch mit Pflastern zusammengehalten wird. Der Kapitän ist Deutschland und jemand bittet die Kanzlerin um Erlaubnis, endlich den Motor anwerfen zu dürfen. Gibt es auf Ihrer Seite den Willen, die Kontrolle zu übernehmen und eine franko-italienische Front gegen das deutsche Diktat zu schaffen?
 

Francois Hollande:
 
Deutschland hat eine starke Wirtschaft. Es kann allerdings ohne die anderen europäischen Länder nichts erreichen, das gilt auch für seinen eigenen Wohlstand. Und Frau Merkel hat das auch völlig verstanden. Frankreich spielt in Europa eine entscheidende Rolle, denn wir sind ein Land, das wie Italien zu den Gründern der EU gehört und wir haben eine solide Wirtschaft. Gleichzeitig tun wir nicht so, als könnten wir Europa besser als die anderen Länder steuern, wir müssen alle zusammenkommen und eine gemeinschaftliche Vorstellung vom Aufbau der Union haben. Wir dürfen nicht einfach ein Land isolieren, und Deutschland kann sich nicht in eine Position versetzen, in der es dominiert. Das wäre schlecht für Deutschland und es wäre schlecht für Europa. Wir müssen gemeinsam arbeiten. Deutschlands Interesse ist es, dass die Wirtschaft Europas wieder in Gang kommt. Wenn die Rezession weitergeht, wird sie auch Deutschland treffen. So ist die derzeitige Lage. Deutschlands Wachstum verlangsamt sich, das Land muss sich also anstrengen, um seine Wirtschaft zu unterstützen. Und wir müssen beweisen, dass wir wettbewerbsfähig sind. Wir müssen es also vermeiden, uns gegenseitig Lektionen erteilen zu wollen, sondern es gilt, an einem Strang zu ziehen. Und was das europäische Boot angeht, ich bin mir ja nicht so sicher, ob der Economist eine sonderlich objektive Sicht auf Europa hat…
 
euronews:
 
…Sie beziehen sich auf die jüngste Ausgabe zu Frankreich, in der das Magazin das Land als wirtschaftliche “Zeitbombe” bezeichnet hat…
 
Francois Hollande:
 
…Nicht nur in der letzten Ausgabe. Und ich denke, die Engländer brauchen uns keine Lektionen über Europa erteilen, wobei ich selbstverständlich über die britische Presse spreche, nicht über die britische Regierung. Wir sitzen alle gemeinsam in diesem europäischen Boot und wir müssen alle dafür sorgen, dass es in die richtige Richtung fährt. Natürlich haben wir alle unterschiedliche Meinungen und Ansichten, aber es ist uns bereits gelungen, trotz aller Schwierigkeiten bestimmte Hürden zu überwinden. Wir sind noch nicht im sicheren Hafen angelangt, dafür müssen wir die europäische Wirtschaft auf den richtigen Weg bringen, auf einen Weg des Vertrauens und des Wachstums. Dazu brauchen wir Deutschland, aber Deutschland braucht auch Frankreich, ohne das es die Richtung nicht sicherstellen kann, und es braucht Italien, die drittgrößte Wirtschaft in Europa, und Rom hat in den vergangenen Monaten enormes Verantwortungsbewusstsein gezeigt.
 
euronews:
 
Herr Monti, was denken Sie über eine franko-italienische Allianz?
 
Mario Monti:
 
Ich bin weder Franzose noch Deutscher, wie Sie wissen und ich bevorzuge das Wort “Kollaboration”, also Zusammenarbeit. Wir müssen uns aber zum Nutzen Europas darauf konzentrieren. Ganz klar, wenn Deutschland und Frankreich in einer Sache unterschiedlicher Auffassung sind, dann ist das ein Problem für ganz Europa. Aber ich denke, es reicht nicht aus für Europa, dass Frankreich und Deutschland einer Meinung sind, wir brauchen mehr als das. Klar, für die beiden ist es leichter, eine Übereinkunft zu treffen, auch mit anderen Ländern. Italien ist bereit, sich stärker einzubringen in diesen Dialog. Es stimmt, dass Italien bis vor ein paar Jahren nicht in ausreichender Weise auf der europäischen Bühne präsent war. Wir stehen der fanko-deutschen Diskussion sehr offen gegenüber und wir denken, dass dieser Dialog eine wichtige und immer wichtiger werdende Rolle in der Union einnimmt.
 
euronews:
 
Sie sind beide für mehr Wachstum als Motor des Aufschwungs. Aber der Motor steht still. Wie kann man ihn wieder anwerfen? Warum kommt eine Abwertung des Euro nicht in Frage?
 
Mario Monti:
 
Meiner Meinung nach darf es in Wirtschaftsfragen keine Tabuthemen geben, den was heute tabu ist, kann morgen schon hochinterressant werden und eine Antriebskraft sein – oder umgekehrt. Ich denke nicht, dass das eine realistische Lösung ist, und zwar aus mehreren Gründen. In anderen Bereichen der Wirtschaftspolitik muss es ein hohes Maß an Abstimmug mit anderen Politikfeldern geben. Europa funktioniert nur, wenn wir gemeinsame Entscheidungen fällen. Und damit beziehe ich mich auf die Investitionspolitik für große Investitionen, etwa in die Industrie. Und auf dieser Ebene brauchen wir mehr europäischen Input, mehr Investitionen und Fachkenntnisse. Und ich denke, wenn das geschieht, bekommen wir ein stärkeres Europa und wir werden auf das Gaspedal treten können. Das wird uns also nicht zurückhalten, wir werden nicht gleichzeitig auf der Bremse und dem Gas stehen, sondern wir werden beschleunigen und einen ausgeglichenen Haushalt mit größerer Haushaltsdisziplin erreichen. Das wird auch größere Erholungen ermöglichen, immerhin hat der Motor in der Vergangenheit doch ziemlich gestottert.
 
Francois Hollande:
 
Der Kurs des Euro ist in den vergangenen Monaten gefallen, das war nicht gerade nützlich für ein Wachstum. Ich glaube nicht an den Einsatz einer monetären Waffe, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Auch die Zinssätze sind vergleichsweise niedrig, abgesehen von einer bestimmten Anzahl an Ländern, aber das reicht nicht aus, damit wieder mehr investiert wird. Was benötigen wir also? Zunächst einmal Vertrauen. Wir müssen es wiederherstellen, das ist ein Fakt. Zweitens brauchen wir Wettbewerbsfähigkeit. Wir müssen daran erinnern, dass Europa die größte Wirtschaftsmacht der Welt ist, größer als die USA und stärker als China. Daher liegt es an uns, ein kreatives, schöpferisches Umfeld zu schaffen, in dem Forschung, Wissensvermittlung, Qualifikationen erfolgen, damit wir im globalen Wettbewerb die besten sind. und schließlich brauchen wir Solidarität und Wachstum, und das setzt nationale und europäische Politiken voraus. Das schlimmste für Europa wäre es, an sich selbst zu zweifeln. Zu denken, dass es auf einem absteigenden Ast ist. Sobald wir das Wort “Abstieg” aussprechen, beginnt es zu wirken. Wir müssen also wieder Hoffnung vermitteln, wir müssen die Menschen ermutigen und wir müssen besonders den künftigen Generationen eine Vision davon geben, was Europa sein kann. Am 10. Dezember erhält die EU den Friedensnobelpreis. Viele waren überrascht angesichts der Entscheidung. Also sollte dieses Europa, das es geschafft hat, die Konfrontationen und Kriege zu überwinden, das es geschafft hat, den Kontinent zu vereinen, dieses Europa sollte doch auch in der Lage sein, heute einen Vision für seine Wirtschaft zu geben und für Wachstum. Das ist die Herausforderung für unsere Generation. Für die, die an heute an der Macht sind und jene, die es morgen sein werden.
 
euronews:
 
166 Tote in Gaza, 6 in Israel, das ist die Bilanz der jüngsten israelischen Offensive. Seit Oslo sind fast 20 weitere Blockadejahre vergangen, was macht Europa?
 
Francois Hollande:
 
Europa spricht mit einer festen Stimme und wiederholt die Notwendigkeit des Dialogs und der Verhandlungen. Europa ist sowohl der Freund Israels als auch der Freund Palästinas. Daher kann Europa beiden Seite sagen, dass der Konflikt schon viel zu lange andauert und dass die Zeit für Verhandlungen gekommen ist. Sie haben von Oslo gesprochen, warum gehen wir nicht zu den Grundlagen von Oslo zurück, um sie zu einem guten Ende zu bringen?
 
euronews:
 
Ja, aber warum wird Europa einfach nicht gehört?
 
Francois Hollande :
 
Naja, dieses Europa, das eine solche wirtschaftliche Macht hat, hat noch keine politische Stimme, die seiner Wirtschaftsmacht entspricht. Das liegt daran, dass bestimmte Länder ihre eigene Diplomatie verfolgen wollen. Frankreich ganz zuvorderst, aber das liegt auch daran, dass zuviele Länder immer noch davon ausgehen, dass die USA an ihrer Stelle entscheiden muss. Und das stimmt nicht. Wir müssen eine gemeinsame europäische Sicherheitspolitik verfolgen, eine Verteidigungspolitik und eine gemeinsame Außenpolitik. Das sind unsere Ambitionen. Und wir hatten ja bereits Erfolg, etwa damit, dass verschiedene europäische Länder für die Anerkennung Palästinas als Beobachterstaat bei der UNO gestimmt haben. Wir hätten mehr sein können, aber wir waren genug.
 
euronews:
 
Diese Abstimmung zeigt doch die Differenzen in Europa.
 
Francois Hollande:
 
Ja, aber dennoch hat sich eine große Zahl an Ländern dafür ausgesprochen.
 
euronews:
 
Ich denke, es zeigt die fehlende Übereinstimmung in Europa…
 
Francois Hollande:
 
Wir haben noch nicht die entsprechenden Institutionen und vielleicht auch nicht unbedingt den Willen in jedem einzelnen Land, diese gemeinsame Außenpolitik zu tragen. Ich möchte aber noch etwas anderes sagen. Ich bin absolut für dieses große Europa, so wie es heute ist, mit 27 und bald 28 oder mehr Staaten. Aber ich glaube wir müssen ein Europa schaffen, das vorwärts geht, ein Europa, das etwa bei bestimmten Projekten in der Industrie, der Wirtschaft und auch in der Politik vorangeht, und die Zeit wird kommen, in der dieses große Europa noch mutiger, noch leidenschaftlicher sein wird und das seine Ressourcen nutzt. Und das muss zuallererst in der Eurozone geschehen.
 
euronews:
 
Eine Frage an Sie beide: Was raubt Ihnen beiden als Staatschefs eigentlich nachts den Schlaf?
 
Francois Hollande:
 
Es gibt eine ganze Reihe an Themen, die uns den Schlaf rauben könnten, man kann sie nicht im einzelnen nennen. Sie haben von gaza gesprochen, man könnte auch über Syrien reden, über Europa, die Proteste, den Zorn der Menschen, der jungen Leute. Welche Rolle haben die politischen Verantwortlichen? Sie müssen handeln. Sie dürfen nicht einfach nur dasitzen und die Lage beobachten oder ihre Gefühle beschreiben. Ein Politiker muss am Ende seiner Amtszeit sagen können, dass er alles getan hat, was er konnte, um die Probleme zu lösen, die sich ihm stellten.
 
Mario Monti:
 
Nun, zunächst einmal bin ich kein Staatschef, wie Sie gesagt haben, ich bin nur der Regierungschef, also der Ministerpräsident. Vielleicht kann ich deshalb auch recht gut schlafen. Wenn ich das Gefühl habe, auch unter schwierigen Umständen alles getan zu haben, was ich tun konnte, dann ist es recht leicht, einzuschlafen.