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Martin Amis: "Terrorismus aus Eitelkeit und Faulheit"

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Martin Amis: "Terrorismus aus Eitelkeit und Faulheit"

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Martin Amis, Schriftsteller und “Enfant terrible der britischen Literatur”

Er gilt als Enfant terrible der britischen Literatur, angesichts seiner beißenden London-Kritik als Nestbeschmutzer, aber auch als einer der Schriftsteller, die ihre Generation maßgeblich prägten. Bei einem Literaturfestival in Lyon trafen wir Martin Amis, der schon mit Mitte zwanzig in die Fußstapfen seines berühmten Vaters Kingsley Amis trat. Der Autor des “Rachel-Tagebuchs“, von „Gierig“ und „Pfeil der Zeit“ ist inzwischen 63 und arbeitet an einem neuen Roman.

Chiara Reid, euronews:
Sie werden demnächst ein neues Buch herausbringen, eine Liebesgeschichte, die in einem Konzentrationslager der Nazis spielt. Sie haben schon vorher über den Holocaust geschrieben, in ‘Times’s Arrow’, ‘Pfeil der Zeit’ – warum ist der Holocaust so wichtig für Sie?

Martin Amis:
“Nun, ich denke, der ist für jeden wichtig, auf seltsame Art. W. G. Sebald, der deutsch-englische Schriftsteller, sagte, keine ernsthafte Person denke je an etwas anderes – was eine leichte Übertreibung ist. Aber in gewissem Sinne definiert der Holocaust als Thema einen und richtet über einen. Und in der eigenen Reaktion auf den Holocaust findet man ein bisschen mehr über sich selbst heraus.”

euronews:
Sie haben gesagt, dass Sie über den Holocaust nicht schreiben können, ohne zu leiden, Sie könnten das nicht einfach so auf der Tastastur weghauen. Warum müssen Sie das fühlen?

Martin Amis:
“Das Leben eines Schriftstellers ist halb Ehrgeiz, halb Angst, beides muss da sein. Man schreibt nicht gut einen Roman, wenn man sich prima fühlt, und man schreibt ihn auch nicht gut, wenn man sich miserabel fühlt. Man braucht eine Mischung aus Beklemmung und Ehrgeiz, und die bekommt man mit jedem Roman. Aber mehr, wenn man über diese Epen menschlichen Leids schreibt. Ich habe das besonders stark empfunden, als ich einen Roman über den Gulag schrieb. Jeder Schriftsteller weiß, wie das geht: Man muss denken, ‘der Roman, an dem ich arbeite, ist nicht gut’. Dann muss man denken, ‘all meine Romane sind schlecht’ – und wenn man an diesem Punkt angelangt ist, dann kann man anfangen.”

euronews:
Sie haben auch viel über Gewalt und die britische Unterschicht geschrieben, in ihrem jüngsten Werk ‘Lionel Asbo: State of England’ zum Beispiel. Vor kurzem töteten britische Moslems einen britischen Soldaten an helllichtem Tag auf offener Straße, mitten in London. Wie kann das London, über das Sie so viel schreiben, Ihrer Ansicht nach so etwas hervorbringen?

Martin Amis:
“Nun, es gibt viele Bedrohungen, denen man nachgehen kann. Wir werden wahrscheinlich eine Zeit lang mit dem zu tun haben, was ‘anomischer’ Terrorismus genannt wird, Terrorismus mangels Integration und starker sozialer Regeln, Terror durch Entfremdung, wo es einen tiefgehenden Jammer gibt, der damit zu tun haben kann, dass man sich von seinen Wurzeln gekappt fühlt, damit, dass man mit den Brüdern und Schwestern in fernen Ländern mitfühlt, die durch in der Hand des Westens leiden. Aber im Grundsatz ist es Entfremdung und Depression bei Dir, und Du willst deswegen etwas Spektakuläres tun.

Joseph Conrad schrieb 1908 in einer Geschichte, die unglaublich vorausschauend ist, über Terroristen, Anarchisten in London. Er sagte damals, Eitelkeit und Faulheit seien die beiden Elemente. Weil du eingebildet bist und eitel, willst du auf die Welt großen Eindruck machen, du willst, dass man sich deiner erinnert. Aber weil du faul bist, ist der einzige Weg, wie du das erreichen kannst, der explosive. Und es ist ein sehr tiefer Drang im Menschen, unsterblich zu sein, seinen Namen weiterleben zu lassen. Deshalb haben wir Kinder – weil es bis zu einem bestimmten Punkt darum geht, nach dem Tod weiterzubestehen.”

euronews:
Glauben Sie, dass Sie in Ihren Büchern weiterleben werden?

Martin Amis:
“Wenn jemand unsterblich sein will, dann vor allem Schriftsteller, das ist wahr. Denn letztlich urteilt nur die Zeit über die Qualität der Kunst, nichts anderes. Der Rest, Kritiken und so etwas, das sind bloß Phrasen.”

euronews:
Wieviel Zeit wird es Ihrer Meinung nach brauchen, um über Sie zu urteilen?

Martin Amis:
“Ein Jahrhundert.”

euronews:
So viel?

Martin Amis:
“Wenn Sie nach einem Jahrhundert immer noch präsent sind, ist das eine große Anerkennung. Deshalb schaue ich mir mit besonderem Interesse die jungen Leser meiner Bücher an. Denn ich weiß, wenn ich sterbe, wird es wenigstens noch gut 30, 40 Jahre andauern – man will ja nicht völlig verschwinden, und junge Leser garantieren einem das zumindest für eine Weile.”

euronews:
Sie haben Europa verlassen und sind aus familiären Gründen nach Amerika gezogen. Auch wenn Sie Europa nicht den Rücken zugekehrt haben – empfinden Sie es nicht so, als ob Sie ein sinkendes Schiff verlassen hätten, angesichts der Krise in Europa? Wie sieht das von der anderen Seite des Atlantiks her aus?

Martin Amis:
“Scheint, dass es sehr gutes Timing war, das Wetter spielt verrückt, es gibt verschiedene Arten sozialer Turbulenzen… Ich denke, Europa ist widerstandsfähig genug und hat eine enorme Geschichte – fünf Jahrhunderte, in dem es das Zentrum der Welt war und die Ideen hervorbrachte, die die Welt formten. Möglich, dass es jetzt im Niedergang begriffen ist wie all die einzelnen Länder in seinem Inneren, es ist im geo-historischen Niedergang begriffen.”

euronews:
Interessiert Sie das Thema der Krise, der wirtschaftlichen Krise, für Ihre Romane – werden wir das vielleicht in Ihrem nächsten Roman, dem Holocaust-Roman, als eine Art Parodie über das lesen, was jetzt geschieht?

Martin Amis:
“Vielleicht im Roman danach. Es dauert drei bis vier Jahre, bevor das, was heute geschieht, sich in dir als Schriftsteller gesetzt hat. Du musst es nicht nur im Kopf hinnehmen, es muss durch dein Mark gehen und deinen Körper ausfüllen. Man kann nicht sofort auf aktuelle Ereignisse reagieren, es gibt da eine Inkubationszeit.”

euronews:
Sie brüten das also gerade aus.

Martin Amis:
“Ich fange an, es auszubrüten.”

euronews:
Wir freuen uns auf Ihren nächsten Roman.

Image credit: Maximilian Schönherr (CC)