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Internationale Kommission für vermisste Personen

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Internationale Kommission für vermisste Personen

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Begonnen hat die Geschichte der “Internationalen Kommission für vermisste Personen” mit dem Bosnienkrieg. Mehr als 20 Jahre ist das jetzt her. Als das ehemals von Tito mit eiserner Hand zusammengehaltene Jugoslawien auseinanderfiel, als aus Nachbarn plötzlich einander bis aufs Messer bekämpfende Feinde wurden, da gingen Menschen verloren. Wie immer, wenn Kriege mit Flucht und Vertreibung einhergehen. Der Bosnien-Krieg endete mit den Abkommen von Dayton.
Der damalige US-Präsident Bill Clinton machte kurz darauf beim G 7 -Treffen 1996 im französischen Lyon den Vorschlag, die internationale Gemeinschaft sollte auch bei der Suche nach Vermissten helfen.
So wurde die “International Commission on Missing Persons”, kurz ICMP, gegründet – und in Sarajewo angesiedelt. Rechtsmediziner aus vielen Staaten halfen seither bei der Identifizierung von Opfern aus Massengräbern. Dazu wurde eine eigene DNA-Datenbank angelegt, wobei viele Staaten in enger Zusammenarbeit auch den Abgleich mit ihren Daten ermöglichen. Schließlich sind viele Überlebende geflohen und heute über die ganze Welt verstreut. Als der Bosnienkrieg endete, galten, 40.000 Menschen als vermisst. Durch den Einsatz von Fachleuten und moderner Technologie konnten 70% der Toten identifiziert werden. Es sollte nicht lange dauern, bis diese Kapazitäten an anderen Orten gefragt waren.
Als Folge des jüngsten Irakkrieges werden so viele Menschen vermisst wie seit dem II. Weltktieg nicht mehr. Zwischen 250.000 und einer Million schwanken die Zahlen. Noch aktueller: In Syrien ist bereits von 50.000 Vermissten die Rede. Und als Folge der Drogenkriege von Mexiko fehlt dort von 26.000 Menschen jede Spur. Die modernen Kriege gehen immer mehr zu Lasten der Zivilbevölkerung. Kam im I.Weltkrieg noch auf 7 tote Soldaten ein ziviles Opfer, so kommen heute auf ein Opfer in Uniform 9 Zivilisten. Besonders deutlich wurde das in dem vor zehn Jahr von den USA angezettelten Krieg im Irak. Von einer Bevölkerung von einstmals 31 Millionen sind rund 5 Millionen Menschen geflohen. Wie viele dabei unterwegs verloren gingen, starben, niemand hat sie gezählt. Als ein Segen erwiesen sich beim Tsunami von 2004 die inzwischen gut funktionierenden Strukturen der ICMP. Auch bei anderen Naturkatastrophen helfen deren Fachleute, damit die Hinterbliebenen wenigstens Gewißheit bekommen.

Paul McDowell, Euronews:
Wir sprechen mit ihrer Majestät, Königin Noor von Jordanien. Sie ist Mitglied der Internationalen Kommission für Vermisste Personen.
Die Konferenz steht unter dem Motto: “Die Vermissten – eine Agenda für die Zukunft”. Wie schwierig ist es eigentlich, in die Zukunft zu blicken. Denn die Gründe für diese Probleme sind doch so vielfältig. Bewaffnete Konflikte, Verletzungen der Menschenrechte oder Naturkatastrophen.

Königin Noor von Jordanien:
Wir sind die einzige Organisation weltweit, die sich der Fälle vermisster Personen in ihrer ganzen Dimension annimmt. Und diese Konferenz in Den Haag ist die erster ihrer Art. Erstmals beschäftigen sich Experten und politische Entscheidungsträger mit dem Problem vermisster Personen und allem, was damit zu tun hat.

Paul McDowell, Euronews:
Ich habe das Gefühl, das es besonders schwierig ist, Prioritäten zu setzen. Wo und wem muss am dringendsten geholfen werden? Wie werden sie damit umgehen?

Königin Noor von Jordanien:
Die ICMP besitzt das effektivste und kosteneffizienteste Identifikationssystem auf der Welt. Wir haben es beispielsweise auf dem Balkan eingesetzt. Es war uns möglich zu zeigen, dass wir damit auch dort Vermisste aufspüren können, wo komplexe Dinge wie ein Völkermord oder die Verletzung der Menschenrechte stattgefunden haben. Die Erfahrungen, die wir dort gemacht haben, wollen wir nun in Ländern wie Libyen oder dem Irak nutzen. In Syrien versuchen wir dabei zu helfen, einen Plan für die Zeit nach dem Konflikt zu entwickeln. Wir erwarten, dass etwa 50.000 Menschen vermisst werden.
Wir sprechen darüber, wie wir bereits jetzt etwas tun können, indem wir beispielsweise Daten sammeln, auch genetische Daten, von denen, die sich momentan in Flüchtlingslagern in der Türkei, Jordanien, im Libanon, im Irak und Ägypten aufhalten. Wir versuchen so viele Daten wie möglich zu sammeln, um dann in der Lage zu sein, so wie im Balkan erfolgreich unsere Arbeit tun zu können.

Paul McDowell, Euronews:
Es ist schwierig, diese enormen Zahlen wirklich zu fassen. Aber vielleicht ja einige der hochkarätigen Fälle, die in der letzten Zeit heimgekommen sind. Wie zum Beispiel die Fälle vermisster Kinder, die durch die Nachrichten gegangen sind. Wie stark wird ihr Fokus in Zukunft auf vermissten Kindern liegen?

Königin Noor von Jordanien:
Frauen und Kinder bilden den Großteil der Fälle vermisster Personen auf der ganzen Welt. Im Hinblick auf die Fälle, die sich ansprechen, muss ich sagen, dass wir noch keine Rahmenbedingungen dafür geschaffen haben, wie mit individuellen Fällen in bestimmten Ländern umgegangen werden soll. Aber wir sind davon überzeugt, dass unser DNA-Indentifikationssystem, unsere Zusammenarbeit mit Regierungen und internationalen Organisationen dazu führen wird, Rahmenbedingungen zu schaffen, um auch diese Problematik anzugehen.Wir versuchen so viele Menschen wie möglich einzuspannen, um die Probleme zu lösen. Sodass wir bei Einzelfällen als auch bei Vermisstenfällen im größeren Maßstab helfen können.

Paul McDowell, Euronews:
Vielen Dank, euer Majestät.