Eilmeldung

Eilmeldung

Krisen-Kunst in Griechenland: Angst um die Zukunft

Sie lesen gerade:

Krisen-Kunst in Griechenland: Angst um die Zukunft

Schriftgrösse Aa Aa

Kein Ausweg. Wir sind in Griechenland. Menschen, gefangen in der Falle der Hoffnungslosigkeit. Wie reflektieren die griechischen Künstler die seelischen und sozialen Traumata der Depression? Welche Auswirkungen haben Arbeitsplatzverlust und Perspektivlosigkeit auf Gefühle und Gedankenwelt der Griechen?

Auf den musikalischen Spuren der Komponistin Anna Stereopoulou wirft sich Solo-Tänzerin Marianna Tsaggaraki in die leere Welt existentieller Einsamkeit: eine Falle der Furcht – die sich in Aggression verwandelt. Eremus – Wüstenei. Die Performance in Athen ist ausverkauft. Katharsis: die blutigen Ketten der Bedrängnis fallen, am Horizont ein Hoffnungsschimmer.

Zuschauerin Roula nach der Aufführung: “Mit all ihren Ausdrucksmöglichkeiten zeigte die Tänzerin ihren Willen zur Flucht. Sie weinte. Und als sie ihr Lebensglück nicht finden konnte, suchte sie in sich selbst: Dort fand sie schließlich Ruhe und Glück.”

Der Besucher Kostas: “Die Performance symbolisierte die Reise der Seele: Das Individuum durchquert die Wüste, bemüht sich, Hindernisse zu überwinden, die Krise durchzustehen.”

Evi hat das Stück ebenfalls gesehen: “Ich habe diese Vorstellung als sehr dicht und drängend erlebt, voller Gefühle, Traurigkeit, Depression.”

Hinter der Bühne treffen wir die Choreographin, Rena Konstantaki. Ihr Vater ist Grieche, ihre Mutter Deutsche. Früher, als Psychologin, arbeitete sie mit Junkies und Gefangenen. Heute, als Choreographin, arbeitet sie mit der Gesellschaft.

Sie sagt: “Diese Angst macht die Sache für die Leute noch viel schwieriger: Wo sie sind, wer sie sind, was passiert morgen? Die finanziellen Schwierigkeiten. Und psychologisch natürlich sehr stark beeinflusst: Was sollen sie tun? Es ist wie eine Zwickmühle, dass die Leute wie Mäuse hin- und herrennen und keinen Ausweg finden.”

Renas Inszenierungen wühlen auf. Ihre Überzeugung: Tanz und Theater können helfen, einen Ausweg aus der emotionalen Sackgasse zu finden. Sie macht sich ernsthaft Sorgen um die griechische Gesellschaft.

“Also erstmal zeige ich in dieser Performance auch die Aggression, die erstmal nach außen geht, aber dann auch die Aggression, die immer, wenn wir Aggression haben, dann leider auch einen anderen Empfänger hat: sich selbst. Und das versuche ich zu zeigen, weil das auch ein Punkt ist, der sehr gefährlich ist, zu unserer Zeit hier in Griechenland.”

Die Mittelschicht zerfällt, die Unterschicht verelendet. Vielleicht verstehen Künstler die Veränderungen einer Gesellschaft besser als Import-Export-Statistiker.
Über soziale Netzwerke schaffen wir es, Kontakt mit Bleeps aufzunehmen. Der Konzeptkünstler malt allegorische Wandbilder voller Politik und Poesie.

Seine Ansicht ist düster: “In der Vergangenheit lebten wir hier in einer wirklich aufgeschlossenen, offenherzigen Gesellschaft. Jetzt werden die Menschen abweisend und kalt.”

Bleeps: “Mit diesem Bild analysiere ich diese Müll-Sendungen im Fernsehen, und gleichzeitig kritisiere ich die Art und Weise, in der die Wirtschaft umgeformt wird.”

Eine Gesellschaft im Dunkeln, geteilt in Linke und Rechte. Und Griechenland? Das Sinnbild trägt eine allegorische Dornenkrone. Politik sollte Teil der Kunst sein, fordert Bleeps.

“Es ist nicht gut, dass die Globalisierung über uns hinwegfegt und alle kulturellen Unterschiede auslöscht.”

Enri Canaj streift mit seiner Kamera durch Stundenhotels, redet mit Prostituierten, baut Vertrauen auf. “Schatten in Griechenland” hat Enri sein Langzeitprojekt genannt. Über Monate und Jahre hinweg begleitet der Profi-Photograph diese Menschen durch ihre ganz persönliche Krise, kehrt immer wieder zurück zu ihnen. Diese Absteigen kennt Enri seit seiner Kindheit.

Er war neun, als seine Eltern aus Albanien nach Athen kamen. In diesem Viertel wuchs er auf. Zehn Menschen teilen sich einen Schlafraum. Die Lebensumstände, Gesichter und Geschichten dieser Menschen sind Henri vertraut. Hier schlägt die Krise am härtesten zu.

Enri Canaj: “Ok, manche meiner Bilder sind ganz schön hart. Doch das ist nun mal die Realität. Und nur wenn wir der Realität ins Auge sehen, können wir darauf hoffen, den Mut und die Kraft zu finden, an dieser Realität etwas zu ändern.”

Enri ist Mitglied einer Gruppe, die sich “Depressions-Ära” nennt. Die Photographen und Publizisten sind dabei, ein mehrjähriges Mosaik der Krise zusammenzusetzen. Zwar hat jeder einzelne Künstler der Gruppe seinen ganz eigenen Stil, doch gemeinsam sind sie stärker.

Petros Babasikas, Kurator des Projekts: “Da entsteht was Neues, eine ganz neuartige Kunstrichtung. Es ist uns sehr wichtig, dass dies ein Gemeinschaftswerk ist. Der Titel des Projektes, ‘Depressions-Ära’, spielt natürlich an auf die Große Depression damals in den USA. Doch es bedeutet mehr als das: Wir wollen die Geisteshaltung der Individuen zeigen und ihre Gefühle. Der Ausdruck ‘Depression’ wurde nicht zufällig gewählt.”

Heizen mit Holz, für Öl fehlt das Geld. Christos Ikonomous preisgekrönte Bücher erzählen die Geschichten dieser Krisen-Verlierer. In uns ging etwas verloren, sagt der Schriftsteller, die Gesellschaft zerfällt unter dem Druck der Entbehrungen.

“Gewalt und Aggression haben ihren Weg bis in meine Kurzgeschichten gefunden, meist nur unterschwellig und indirekt. Doch in der griechischen Gesellschaft zeigt sich diese Gewalt mittlerweile ganz offen und direkt. Und das ist etwas, was mir Angst einflößt. Ich fürchte um die Zukunft dieses Landes. Unsicherheit und Angst sind das Gewächshaus, in dem die Saat des Hasses aufgeht und gedeiht.”

Der Mitbegründer der Athener Kunst-Biennale sieht das ganz ähnlich. In seinen Werken prangert Polydoros Karyofyllis, genannt Poka-Yio, die Gewalt der griechischen Neonazis ganz direkt an.

Poka-Yio: “Wir sind an einem Punkt angelangt, wo wir unseren Mitbürgern nicht mehr trauen können. Das Misstrauen ist allgegenwärtig. Und wir machen die Erfahrung von Gewalt in einem Ausmaß, wie wir es – als jüngere Generation – nie zuvor gemacht haben. Misstrauen und Intoleranz sind unsere neuen Charaktereigenschaften. Ich fühle mich wie vor einem Bürgerkrieg.”

Treffen mit Giannis, Kostas und Freddie im Proben-Studio. Die Gruppe Mechanimals entstand nach den Frühlingsunruhen 2011. Drone-an-Roll, nennt sich der neue Stil. Dröhnen und Rollen – der Sound der Krise.

Fred Faulkenberry, der Sänger der Band, sagt: “Das Gefühl, das wir in unseren Songs, in unserer Musik rüberbringen wollen, ist das Gefühl, das wir in unserem eigenen Alltagsleben erfahren. Schon gut möglich, dass wir dies etwas poetischer ausdrücken, doch im Prinzip geht es genau darum: dass wir das Rohe und Ungeschlachte unseres Alltags zu verarbeiten suchen.”

Gitarrist Kostas Matiatos meint: “Was sich durch die Krise verändert und auch für mich persönlich einen Unterschied macht, ist die Tatsache, dass meine Generation keine Hoffnung mehr auf eine Zukunft in diesem Land hat.”

Mechanimals-Produzent Giannis Papaioannou: “Ich würde sagen, dass durchaus eine Verbindung existiert zwischen unserer Musik und der Krise: Wir versuchen, mit und durch die Musik einen Ausweg aus dieser sozialen, politischen, wirtschaftlichen und persönlichen Krise zu finden. Musik ist die einzige Waffe, die uns geblieben ist.”

Die Krise hat in Griechenland die Kunst zur Blüte gebracht. Doch es ist eine dunkle, eine düstere Blüte.