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Experte warnt vor Vereinfachung der Konflikte in der Ukraine

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Experte warnt vor Vereinfachung der Konflikte in der Ukraine

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Vor dem Parlament in Kiew haben Demonstranten weiter protestiert. Kurz nach der Wahl von Arseni Jazenjuk zum Chef der Übergangsregierung wollen sie damit vor allem zeigen, dass sie wachsam bleiben und der neuen Regierung “auf die Finger gucken”. Jazenjuk soll das Land bis zu den Präsidentschaftswahlen im kommenden Mai führen. Auf der Krim gibt es unterdessen weiter Abspaltungstendenzen. Das pro-russische Parlament dort will eine Volksbefragung über eine mögliche Autonomie der Halbinsel durchführen. Auf der Krim leben mehrheitlich ethnische Russen, es ist dort bereits zu Zusammenstößen zwischen Befürwortern und Gegnern einer Annäherung der Ukraine an Russland gekommen.

Russland hat unterdessen Truppenmanöver angekündigt, die auch an der Grenze zur Ukraine stattfinden sollen.

Anne Devineaux, euronews :
Seit Monaten gärt es in der Ukraine. Inzwischen ist Präsident Janukowitsch gestürzt und von der Bildfläche verschwunden. Über mögliche weitere Entwicklungen sprechen wir jetzt mit dem Spezialisten der Pariser Zeitung “Le Monde” für die Länder der ehemaligen Sowjetunion, Piotr Smolar.
Unsere erste Frage: Wie reagiert Moskau auf die Vorgänge in der Ukraine?

Piotr Smolar :
Es ist eine Reaktion auf zwei Ebenen. Die eine war ziemlich klar vorauszusehen. Soll heissen, der Kreml hat Truppen in Alarmbereitschaft versetzt, sie sollen ihre Kampfbereitschaft für den Ernstfall überprüfen. Dann gab es die recht heftige Äußerung von Ministerpräsident Dimitri Medwedjew, der den neuen Autoritäten in Kiew jede Legitimität absprach.
Wladimir Putin aber schweigt noch. Man könnte meinen, das würde ihm alles nicht nahegehen.
Er bewahrt im Augenblick eine gewisse Zurückhaltung und beobachtet.

Anne Devineaux, Euronews :
Die Ukraine steckt in enormen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Kann dieses Land in Zukunft einfach dem Nachbarn Russland den Rücken zuwenden?

Piotr Smolar:
Um Ihre Formulierung aufzugreifen – einem Nachbarn den Rücken zudrehen kann man nur, wenn es den Nachbarn nicht mehr gibt. Russland aber wird immer direkt hinter der Grenze liegen.
Die wirtschaftlichen Verbindungen beider Länder sind für die Ukraine von grundlegender Bedeutung, besonders für die Industrieregionen. Und damit auch für eine gewisse Gruppe von Oligarchen, die zu den einflussreichsten Persönlichkeiten des Landes zählen. Zweitens sollte man darauf achten, wie die Märkte in den vergangenen Tagen reagiert haben, sie sind ein Indikator. Die ukrainische Währung hat im Verhältnis zur russischen seit Anfang Januar 18 Prozent verloren. Da zeigt doch, das die neuen ukrainischen Autoritäten, die aus der Opposition kommen, vor erheblichen Herausforderungen stehen. Einerseits müssen die Leute auf dem Maidan zufriedengestellt werden mit ihren Forderungen nach Erneuerung der Eliten und des politischen Personals. Andererseits gilt es, die Wirtschaft vor dem Zusammenbruch zu bewahren.

Euronews :
Man hört vom Ansteigen anti-russischer Rhetorik in den Straßen von Kiew. Stimmt das?

Piotr Smolar :
Keinesfalls! So etwas habe ich nicht bemerkt. Man sollte die Debatte nicht missverstehen. Es gibt da so eine Tendenz, die ukrainische Gesellschaft als Karikatur darzustellen, alles zu vereinfachen auf einen Konflikt zwischen einem pro-europäischen, nationalistischen Westteil und einem pro-russischen Ostteil. Die Dinge sind aber viel komplizierter. Was anti-russische Gefühle anbelangt, da gibt es diese Sensibilität der Leute auf dem Maidan, die sich sehr stark gegen jede Art von Einmischung richtet. Das ist wichtig.
Besonders bei der Sache mit den Scharfschützen, die auf Demonstranten geschossen, mehrere getötete und gleichzeitig den Tod weiterer Menschen provoziert haben. Das Blut ist hier geflossen, auf dem Platz hinter mir. Es gibt eine Reihe von politisch Verantwortlichen und auch von einfachen Bürgern, die einem einreden wollen, da habe Moskau seine Hand im Spiel. Aber die mysteriösen Scharfschützen sind bisher nicht identifiziert.

Euronews :
Der Interimspräsident hat von “gefährlichen Zeichen des Seperatismus” gesprochen, besonders auf der Krim. Gibt es diesen pro-russischen Seperatismus?

Piotr Smolar
Da ist das alte Ungeheuer des Seperatismus wieder, besonders auf der Krim, wo man nicht vergessen hat, wie Chruschtschow 1954 die Krim einfach von der russischen zur ukrainischen Sowjetrepublik verschoben hat. Es gibt heute in dieser Region beträchtliche Spannungen, aber man sollte das nicht zum Katastrophen-Szenario aufbauschen. Es ist auch gar nicht klar, ob ein Abdriften der Krim weg von der Ukraine, also die Konkretisierung dieser seperatistischen Bedrohung, wirklich im russischen Interesse wäre.
Vor Ort sind die Dinge viel komplizierter.