Eilmeldung

Eilmeldung

Brzezinski: "Putin will die Sowjetunion wiederaufbauen"

Sie lesen gerade:

Brzezinski: "Putin will die Sowjetunion wiederaufbauen"

Schriftgrösse Aa Aa

Der Konflikt um die Ukraine ist sicher eine der schwersten Krisen in Europa in den vergangenen Jahren. Seit dem 28. Februar wird die Krim von Soldaten ohne Hoheitszeichen kontrolliert, vermutlich Russen, auch wenn Moskau das abstreitet. Am 16. März soll es ein Referendum über einen Beitritt der Autonomen Republik Krim zu Russland geben.

US-Präsident Barack Obama bezeichnete die geplante Abstimmung als Verstoß gegen das internationale Recht. Er erließ Einreisebeschränkungen für eine Reihe von Personen, die, wie es heißt, die Souveränität der Ukraine bedrohen. Außerdem machte Obama den Weg frei dafür, dass Auslandsguthaben von nicht genau benannten Personen aus Russland und der Ukraine eingefroren werden können.

Die EU wiederum verkündete nach einem Sondergipfel in Brüssel erste Sanktionen gegen Russland. So wurden Verhandlungen über Visaerleichterungen mit Moskau auf Eis gelegt, außerdem soll es Sanktionen geben, wenn die Lage in der Ukraine sich weiter verschlechtert.

Exklusivinterview mit Zbigniew Brzezinski: “Russland handelt wie die Mafia”

Er war Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter und gilt als einer der großen Washingtoner Experten für Geopolitik. Der heute 85-jährige Zbigniew Brzezinski wurde in Warschau geboren. Bevor er 1950 US-Amerikaner wurde, lebte er unter anderem im ukrainischen Charkiw, damals Teil der Sowjetunion. Gegen diese fuhr er später an der Seite Carters einen harten Kurs. Unter anderem stützte er die Aufrüstung von Islamisten in Afghanistan, als die Sowjets dort einmarschierten. Im Gespräch mit euronews zeigt Brzezinski nun Möglichkeiten auf, wie die derzeitige Krise in der Ukraine gelöst werden kann.

Stefan Grobe, euronews
Herr Brzezinski, danke dass Sie sich Zeit für uns genommen haben. Seit mehr als zwei Jahrzehnten warnen Sie davor, dass Russland die Ukraine drangsalieren und das Land in seiner Eigenstaatlichkeit destabilisieren könnte. Sie haben darüber geschrieben. Das Vorgehen von Putin, seine Unverfrorenheit – ist das eine Überraschung für Sie?

Brzezinski
Nein, überhaupt nicht, denn er hat uns ja Dinge erzählt wie “der Zusammenbruch der Sowjetunion war die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts”. Überlegen Sie einfach mal, was das bedeutet. Im Ersten Weltkrieg starben Millionen, im Zweiten Weltkrieg starben Millionen und Abermillionen, dazu noch der Holocaust. Dann der Kalte Krieg, die Möglichkeit eines nuklearen Desasters für die gesamte Menschheit. Aber für ihn hat all das nicht dieselbe Bedeutung wie das Verschwinden eines Staates, für den er als Geheimdienstler, als KGB-Agent, gearbeitet hat. Er will die Sowjetunion wiederaufbauen. Und die Ukraine ist der Preis dafür. Wenn er die Ukraine kriegt, dann kann er dieses Vorhaben wirklich angehen.

euronews
Die Russen sind gute Schachspieler…

Brzezinski
…manche. Manche sind auch sehr schlecht…

euronews
… aber nun sieht es so aus, als würde Putin das Schachbrett an die Wand schmeißen. Weiß er, was er tut? Verfolgt er da einen Masterplan für die Ukraine?

Brzezinski
Er verfolgt sicher ein Kalkül, aber eher ein kurzfristiges, meiner Meinung nach. Zum Beispiel hat er die Soldaten, die er auf die Krim geschickt hat, getarnt wie irgendwelche Leute vom Mars, man weiß nicht, wo sie herkommen. Man kann alles abstreiten. Das ist ein wenig wie wenn die Mafia maskierte Auftragsmörder schickt. Aber was soll das? Jeder weiß, dass sie aus Russland kommen, aber es wird immer noch geleugnet. Ich glaube, als Putin das getan hat überlegte er, sogar noch weiter zu gehen. Und wenn es dann keine Reaktion der Ukrainer im allgemeinen und vom Westen gibt, dann könnte er in der Ost-Ukraine weitermachen und einen Distrikt nach dem anderen einnehmen. So würde er das Land schließlich spalten und er könnte eine Regierung seiner Wahl in Kiew installieren.

euronews
Sie waren Sicherheitsberater von Präsident Carter, als die Sowjetunion in Afghanistan einmarschierte. Wenn Sie Sicherheitsberater von Obama wären, was wäre Ihr Rat angesichts der russischen Invasion in der Ukraine?

Brzezinski
Wir sollten den Russen klarmachen, dass wir zu einem Entgegenkommen bereit sind, wenn Moskau ernsthaft eine partnerschaftliche Beziehung mit der Ukraine will; wenn auch nicht hundertprozent zu ihren Vorgaben. Denn wir wollen keine einseitige Beziehung mit der Ukraine. Das Land braucht Hilfe, das Land braucht Stabilität, und sowohl wir als auch Russland können das gemeinsam erreichen. Gleichzeitig könnten wir den Russen versichern, dass es nicht unser Ziel ist, die Ukraine in die NATO zu locken, was Russland als militärische Bedrohung ansehen könnte. Übrigens will ein Großteil der Ukrainer überhaupt nicht in die NATO, aber sie wollen unabhängig sein. Das passt gut zur politischen Realität. Gleichzeitig müssen wir Putin auf eine ruhige, sachliche Art, die ihn nicht demütigt, klarmachen, dass es Konsequenzen haben wird, wenn er nicht bereit ist, seinen Standpunkt zu verlassen, wenn er die Ukraine weiter bedroht. Wenn die Russen sich weigern, auf der Krim nachzugeben, dann garantiere ich Ihnen, wird sich die große Mehrheit der Ukrainer, die nicht gegen Russland sind, doch gegen Russland wenden.

euronews
Welche Möglichkeiten haben die USA und Europa in der Hand?

Brzezinski
Wirtschafts-Beziehungen können ausgesetzt werden. Man kann russisches Geld im Ausland einfrieren. Es gibt viele Dinge dieser Art, die man tun kann, um Russland zu signalisieren, dass es spürbare Konsequenzen hat, eine solche Lage zu schaffen, und das in der Mitte Europas – geographisch gesehen.